Nürtinger Jazztage mit Nils Landgren

Kuscheljazz gegen den Strich gebürstet: Der schwedische Posaunist Nils Landgren offenbarte bei den 20. Nürtinger Jazztagen in der vollen Stadthalle K3N seine sentimentale Ader: ein grandioses Konzert.

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Das ist doch mal ein nettes Kompliment: "Ich bin richtig glücklich, zum ersten Mal in dieser wunderschönen Stadt zu spielen", begrüßt Nils Landgren sein Publikum. Und Gitarrist Johan Norberg ergänzt mit einem einstudierten Satz: "Ich spreche kein Deutsch, bin aber trotzdem glücklich."

Zu seinem ersten Auftritt in Nürtingen hat der schwedische Posaunist ein paar seiner besten Freunde eingeladen. Neben Johan Norberg, mit dem er bereits seit 1980 zusammenspielt, sind das der Bassist Lars Danielsson aus Göteborg, der junge deutsche Starpianist Michael Wollny und der ebenfalls aus Schweden stammende Drummer Rasmus Kiehberg.

Und mittendrin in dieser kreativen Atmosphäre jener hagere Mann mit der roten Posaune, der mit stupender Technik eine swingende Musik kreiert, die eine ganz eigene Sprache hat.

Nils Landgren hat sich während seiner Musikerkarriere durch (fast) alle gängigen Spielarten des Jazz - von Bigband-Klängen über Funk bis zum freien Jazz - bewegt. Und auch bei seinem Auftritt in Nürtingen zeigt er keinerlei Berührungsängste: New-Orleans-Funk im Stile der Neville Brothers ist ebenso zu hören wie verjazzte schwedische Volkslieder oder eine ganze Ansammlung von gegen den Strich gebürsteten Balladen, die wie geschaffen sind für die lauschigen Dämmerstunden des Gemüts. Selbst als Sänger gibt er eine hervorragende Figur ab und interpretiert Titel wie "Eleanor Rigby" von den Beatles, "Moonshadow" von Cat Stevens oder Stings "Fragile" mit zerbrechlicher Stimme.

Dabei gleitet der charmante Schwede geschmeidig wie ein Delfin durch die angenehm warm ausgestalteten Klangräume. Aus seinem Hang zur Sentimentalität macht er keinen Hehl, singt mit unprätentiöser und heiserer Bubenstimme "This Masquerade" oder "The Moon, The Stars and You" und bringt damit bei vielen eine emotionale Saite zum Schwingen.

Zum Auftakt des Konzerts gibt es ein leises Duett mit dem Gitarristen Johan Norberg, am Ende ein funkiges, aufbrausendes "Stars in your eyes". Dazwischen zeigen auch Nils Landgrens Mitspieler, allen voran der junge Michael Wollny, weshalb er gerade sie auserwählt hat, mit ihm auf der Bühne zu stehen.

Vor allem der 1978 geborene Pianist bringt eine unglaubliche Spielintelligenz mit. Bei ihm sind Spielverläufe unmöglich voraussagbar. Immer wieder antizipiert Michael Wollny die Absichten seiner Mitspieler, stachelt sie zu musikalischen Höhenflügen an. Er greift seinem Klavier in die Saiten und bespielt das wuchtige Instrument wie von Eingebungen dazu veranlasst.

Selbst in monologischen Passagen achtet Wollny auf die anderen. Sicher und augenzwinkernd bewegt er sich in der Jazztradition mit Zitaten von Bill Evans bis Thelonius Monk. Zuweilen reiht er sich ein in die impressionistischen Klangmalereien seiner Mitspieler, um gleich darauf mit flinkfingrigen Klangkaskaden unverdrossen Lärm zu produzieren.

Fazit: Nils Landgren vereint gemeinsam mit seinen Mitspielern problemlos alle Widersprüche. Ob als witziger Moderator, großer Leidensmann mit flatternden Stimmbändern oder als einfallsreicher Posaunist, der zu guter Letzt sein Spielgerät demontiert, ins Mundstück pustet und dabei den Song weiter summt. Dafür gibt es am Ende wohl verdiente Beifallsstürme und stehende Ovationen.

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