Klanggewitter und fragile Augenblicke

Eine Erstaufführung in Münsingen an einem besonderen Tag: Die Klarinettistin Shelly Ezra und das Pariser Klaviertrio Atanassov gaben ein bewegendes Konzert - mit Messiaens "Quartett für das Ende der Zeit".

|
Shelly Ezra (rechts) mit dem Atanassov Trio in Münsingen.  Foto: 

Es mag Zufall gewesen sein, dass der Konzertkalender der Musikfreunde-Gesellschaft (GdM) ausgerechnet am vergangenen Sonntag ein Konzert mit den international renommierten Musikern des Atanassov-Trios und mit der nicht minder gefragten Klarinettistin Shelly Ezra vereinbart hatte.

Ob Zufall oder nicht: Am jenem Sonntag gedachte man der Befreiung der Konzentrationslager in Sachsenhausen und Ravensbrück vor 70 Jahren. Wenn also just an diesem Tag mit Shelly Ezra eine aus Israel gebürtige Musikerin auf einer deutschen Bühne Olivier Messiaens "Quartett für das Ende der Zeit" aufführt, dann darf man schon allein deswegen von einem bewegenden Moment sprechen: Olivier Messiaen komponierte das achtteilige Werk, als er selbst Insasse eines deutschen Kriegsgefangenenlagers war. Im "Stalag" bei Görlitz wurde es in der Nacht des 15. Januars 1941 uraufgeführt.

Shelly Ezra gestand den rund 70 Zuhörern in der Münsinger Zehntscheuer denn auch, jenes Werk sei für sie nicht nur eine mentale und physische, sondern auch eine emotionale Herausforderung. Man glaubte ihr jedes Wort. Und erst recht, als sie anhob, zusammen mit dem Trio Atanassov, den tonmalerischen Bilderbogen zu interpretieren, den Messiaen einst in Noten gesetzt hat. Hatte man sich erst einmal auf die mit Brüchen und Dissonanzen gespickten Passagen eingelassen, gingen sie dorthin, wo sie hingehören: unter die Haut.

Musikalische Bilder voller Todesangst und Ohnmacht tauchten ebenso auf, wie solche, die feierlichen Trost oder sich aufbäumenden Furor vermittelten. In ihrer Gesamtheit verliehen sie dem apokalyptisch angelegten Werk eine Intensität, die tief bewegte. Flankiert von immer neuen Crescendi und Decrescendi, von herabstürzenden Klanggewittern oder von buchstäblich atemberaubend ausgehauchten Schlussakkorden, entstand eine Plastizität, die beinahe mit Händen zu greifen war.

Vor allem Ezras wandlungsfähige Klarinette trat mit samtweich klagenden, flehenden oder gar spitz schreienden Akzenten in Erscheinung. Doch immer wieder sorgten Perceval Gilles an der Violine, Sarah Sultan am Violoncello und Pierre-Kaloyann Atanassov am Klavier ebenfalls für musikalische Glanzpunkte.

Sie schufen bereits zu Beginn des Konzert einen bewundernswerten Einstieg. In bestechender Homogenität zeigte das Pariser Trio in beeindruckender Weise, warum es mit Preisen geradezu überhäuft wird. Ungeheuer kompakt, leichtfüßig und wach gab es sich bei Johann Haydns Klaviertrio etwa stürmischer Impulsivität hin. In Johannes Brahms Gegenstück mit Klarinette, bereitete es - so im Andantino grazioso - den federnden Grund für illustre Plaudereien über die Instrumentengruppen hinweg.

Im Zentrum stand gleichwohl Messiaens Komposition. Ihr näherten sich die Musiker in aller nur denkbaren Sensibilität und Selbstreflexion, sie schufen damit Momente zerbrechlicher Empfindsamkeit, aber auch Augenblicke, die dem lauernden Tod zu trotzen schienen. Eine emotionale Achterbahnfahrt, die schon wegen eines Vortrags, der bis in die kleinsten Verästelung makellos und atmend war, mitzureißen wusste. Geschlossene Augen vor und auf der Bühne gaben ein beredtes Zeugnis davon ab.

Kaum verwunderlich also, dass sich das Publikum erst einen Moment lang fangen musste, bevor es minutenlang Beifall spendete. Kaum verwunderlich aber auch, dass die Musiker auf eine Zugabe verzichteten. Es war an jenem besonderen Nachmittag bereits alles gesagt.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Gemeinsam zur Top-Wanderregion

18 Kommunen aus zwei Landkreisen haben gestern in Beuren eine neue Zusammenarbeit besiegelt, um Top-Wanderregion zu werden. weiter lesen