Inklusive frischem Wind

Man ist nicht behindert, man wird behindert: Unter diesem Motto sammelten rund 30 Teilnehmer der Zukunftswerkstatt Ideen, wie in St. Johann die Teilhabe von gehandicapten Menschen verbessert werden kann.

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Die sogenannte Zukunftswerkstatt ist Teil der Inklusionskonferenz des Landkreises. Ziel der Konferenz ist es, das Thema Inklusion nicht nur abstrakt anzugehen, sondern durch Erfahrungen Betroffener zu lernen und Hürden zu sehen, die oftmals erst nach dem zweiten oder dritten Blick offenkundig werden.

Für diesen Zweck hat sich die Gemeinde St. Johann, neben der Stadt Münsingen, bereit erklärt, als Mustergemeinde Pate zu stehen und so alltagsbezogene Probleme von Behinderten zu identifizieren und mögliche Lösungsansätze zu finden. Fachlich begleitet durch das Institut für angewandte Sozialwissenschaften (ifaS) und der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, namentlich durch Martina Bell und Iren Steiner, trafen sich am Samstag rund 30 Interessierte, Betroffene, Vertreter von Vereinen und Schulen, sowie fachlich Versierte, um sich in einem übergreifenden Schulterschluss auszutauschen.

Im Mittelpunkt der Gespräche stand am Samstag die Kritik des St. Johanner Ist-Zustands, die Erarbeitung von Ideen, um die Teilhabe benachteiligter Menschen zu ermöglichen, aber auch Gedanken, wie diese Ideen ganz konkret in die Tat umgesetzt werden können. Die Themenpalette reichte dabei von barrierefreien Zugängen zu öffentlichen Gebäuden, über fehlende Möglichkeiten miteinander (auch generationsübergreifend) ins Gespräch zu kommen, bis hin zur Einbindung Behinderter in den regionalen Arbeitsmarkt.

Hier sieht Steiner denn auch für viele eine „Sackgasse“ zukommen, wenn sie die integrative Umgebung der Schule verlassen und vor einem verschlossenen, ersten Arbeitsmarkt stehen. „Es gibt dort keinen Kontakt, Spielräume werden nicht erkannt“, schlägt sie etwa Partnerschaften mit Betrieben vor, wenngleich auch sie um die massiv gestiegenen Leistungserwartungen in den Unternehmen weiß.

Aber auch das hat sie aus der vorangegangenen Telefonbefragung unter St. Johannern gelernt: Es besteht der Wunsch nach einer aktiven Willkommenskultur. Warum also nicht auch bei Betrieben? Ein „offenes Klima“ unter den St. Johannern macht zumindest Martina Bell aus. Statt Überdruss wie andernorts, gebe es hier zwar noch viel Entwicklungspotential, aber eben auch noch viel auszuprobieren.

Die Vorschläge der Zukunftswerkstatt-Teilnehmer sprudelten denn auch entsprechend: Sie reichten von einem nach allen Seiten offenen Kaffeebetrieb im Kommo-Haus, über fachliche Hilfestellungen beim Übergang von Schule in den Beruf, bis hin zu einer Idee, die sich unter dem Label „Win-Win“ fand: Wie wäre es, wenn ältere Bürger, die zum Teil große Anwesen zu betreuen haben, sich per Börse die Unterstützung Behinderter ins Haus holen?

Jene Ideen, wie etwa auch die Schaffung einer zentralen Anlaufstelle im Rathaus, kommen jedoch zumeist nicht ohne finanzielle Mittel aus. Ziel ist es denn auch, die gesammelten Ergebnisse nun aufzubereiten und dem möglichen Finanzier, dem Gemeinderat, vorzustellen. Doch, auch das wurde deutlich: Man will sich nicht alleine auf das grüne Licht des Gremiums verlassen, sondern stattdessen auch eigene Formen der Inklusion verfolgen. Pro Themenblock erklärten sich entsprechende Ansprechpartner dazu bereit.

Martina Bell jedenfalls hat schon alleine wegen der großen Resonanz auf die Zukunftswerkstatt nicht das Gefühl, „dass nun nichts mehr passiert“. Den Kreis der Interessierten aufrechtzuerhalten ist auch Absicht von Bürgermeister Eberhard Wolf, der mit Hauptamtsleiterin Angelika Hahr an der Werkstatt teilnahm. Unisono wurde die Initiative von den Teilnehmern gelobt. Zu spüren war das, was schon Martina Bell in einem Telefoninterview als Forderung zu hören bekam: Aufbruchstimmung – frischer Wind inklusive.

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