Böhringer Arzt entschied sich im KZ zur Flucht

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Das „Doktorhaus“ in Böhringen: Hier praktizierte Dr. Baer von 1929 bis 1933.  Foto: 

Als Dr. Karl Ernst Baer 1929 von der Uracher Klinik als Hausarzt nach Böhringen wechselte, war die Freude im Ort und in der Region groß: Landärzte waren schon immer wichtige Institutionen in den Dörfern auf der Schwäbischen Alb. Und Baer praktizierte nicht nur erfolgreich im „Doktorhaus“, dass die Gemeinde 1910 gebaut und den Ärzten mietfrei zur Verfügung gestellt hatte, sondern war auch regelmäßiger Kirchgänger und im Ort beliebt. Dass Baer, selbst Mitglied der evangelischen Kirche, jüdische Wurzeln hatte, störte in der Albgemeinde niemanden.

Im Gegenteil: Selbst ein ansonsten überzeugter Böhringer SA-Mann soll sich nach einem Motorradunfall mit seinem lädierten Knie bei Dr. Baer behandeln lassen haben, schreibt Ernst Strähle in seinem Heimatbuch. Selbst als der Mediziner auf Geheiß der Nationalsozialisten das „Doktorhaus“ verlassen musste und seine Lizenz als Kassenarzt verlor, blieben Dr. Baer seine Patienten treu. Ein „arischer“ Arzt, der 1933 nach Böhringen kam, gab nur drei Jahre später auf – mangels Kundschaft.

Doch die Lage verschlimmerte sich auch auf dem Land stetig, mit dem Reichsbürgergesetz wurde ihm im Juli 1938 die Approbation entzogen, seine Patienten mussten vor einem „Ehrengericht“ aussagen, da die Nationalsozialisten hofften, Belastendes gegen den Arzt zu finden. Während der Reichspogromnacht eskalierte die Situation: Gab es zuvor schon Rempeleien und Peitschenhiebe gegen das Ehepaar Baer auf dem Weg zum Kirchgang, wurde Karl Ernst Baer nun von Uracher Nationalsozialisten zusammengeschlagen und in die Stadt verschleppt. Notrufe von Baers Frau bei der Polizei und dem Landratsamt blieben unbeantwortet.

Aus dem Uracher Gefängnis wurde Baer ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Fünf Tage vor Weihnachten 1938 kam der Mediziner in Freiheit und zurück nach Böhringen. Der Entschluss war gefallen: Dr. Baer verkaufte sein nach dem erzwungenen Auszug aus dem „Doktorhaus“ in Böhringen gebautes Haus, wobei das NS-Regime den Kaufpreis beschlagnahmte. Sein Hausrat wurden während des Krieges an Opfer von Luftangriffen verteilt. Die Familie floh anschließend nach England und Australien.

Zusammen mit seiner Frau Margarethe und seinen beiden Töchtern gelang Dr. Baer die Flucht vor den Nationalsozialisten – erst nach London, dann nach Australien, wo heute noch Nachfahren leben. Am Samstag besuchen die Angehörigen der Familie Baer ihre alte Heimat: Denn um 11 Uhr enthüllt die Gemeinde Römerstein eine Gedenktafel vor dem „Doktorhaus“ in der Poststraße 13. Sie soll an den Böhringer Landarzt Dr. Karl Ernst Baer und sein Schicksal erinnern – und eine Mahnung sein, solches Unrecht nicht mehr zuzulassen. ath

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