Im Duo lernen, wie Europa tickt

Das Labyrinth hat eine Adresse. Umgeben von Baustellen wächst es weiter in die Höhe - das Haus Europa in Brüssel. Mittendrin in der Europäischen Union: 40 Grafenberger und 20 Franzosen aus der Partnerstadt.

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Sind seit mehr als 20 Jahren befreundet: Stefanie Schwab aus Grafenberg (links) und Corinne Angevin aus der Partnergemeinde Pusieux en France.

Schwere Zeiten für Europa. Dieser Tage hagelt es Negativ-Schlagzeilen: Chaos in Griechenland, wo die Bürger ihre Regierung und die EU-Politik mit Stimmen für extremistische Parteien abstrafen. Massenarbeitslosigkeit in Spanien, wo viele junge Menschen flüchten, weil sie keine Chance auf einen Job haben. Und dann die Euro-Skepsis. Seit der Finanzkrise 2008 nimmt sie angeblich ständig zu, wollen die jüngsten Umfragen ans Licht gebracht haben. Kein Miteinander? Kein Vertrauen?

Über Europa gibt es auch andere Geschichten zu erzählen. Beispielsweise die von Stefanie Schwab aus Grafenberg und Corinne Angevin aus Puiseux en France, nordwestlich von Paris. Vor mehr als 20 Jahren haben sich die beiden Frauen kennengelernt. Corinne Angelina wollte Deutsch lernen und absolvierte damals ein mehrmonatiges Praktikum im Grafenberger Rathaus, wo auch Stefanie Schwab arbeitet. Seitdem sind die beiden befreundet, besuchen sich regelmäßig, wissen noch immer, was wichtig ist im Leben der anderen. Möglich machte das erst eine kommunale Partnerschaft unter dem Dach des vereinigten Europa: Seit 31 Jahren unterhält Grafenberg freundschaftliche Beziehungen zu dem etwa 3500 Einwohner zählenden Ort Puiseux. Vergangene Woche haben sich Schwaben und Franzosen wieder getroffen: in Brüssel, der Hauptstadt Europas.

Der Kontaktpflege zum einen, dem besseren Verständnis von Arbeitsweise und Machtmechanismen in der Europäischen Union zum anderen soll sie dienen - die Reise von Grafenberger Gemeinderäten und Partnerschafts-Aktivitisten in die belgische Metropole. Holger Dembek, Grafenbergs im September aus dem Amt scheidender Bürgermeister, will einen Akzent setzten im "Europäischen Jahr der Bürger" - 20 Jahre nach dem Vertrag von Maastricht, der die Unionbürgerschaft einst begründete.

"Hier aufzuklären, tut Not", sagt der Rathauschef. "Vielerorts wenden sich die Menschen von Europa ab." In Zeiten, da sich "die Machtzentren auf der Welt in Richtung China und Indien verschieben" und Deutschland nur einen kleinen Teil der Weltbevölkerung stelle, sei der Staatenbund nach wie vor wichtig. Und während der Bus die ersten Häuser von Brüssel passiert, schwört Holger Dembek seine Grafenberger ein: "Bei einer halben Milliarde Menschen in Europa ist es ein Riesenvorteil, dass die EU ihre Probleme in Gremien löst".

Die Brüsseler Bürokratie: Grafenberger und Puiseuxer wollten sich zumindest einige Säulen der europäischen Verwaltung (bestehend aus Europäischem Rat, themensetzender Kommission und gewähltem Parlament) erschließen. In Gesprächen und Referaten versuchen Fachleute, das komplexe Europa-Gebilde für die Gäste durchsichtiger zu zeichnen. Eine Station: Der Besuch im EU-Parlament, genau genommen bei der Abgeordneten der Region Württemberg-Hohenzollern Elisabeth Jeggle (CDU).

Hat sie eine Antwort auf Krisen-Fragen? Etwa, wenn es um die große Jugendarbeitslosigkeit in einigen EU-Ländern geht. "Das wird doch sicher auch mal in Deutschland ein Thema", fürchtet ein Grafenberger.

"Wir müssen voneinander lernen, setzt die 67-jährige Jeggle voll auf den europäischen Geist. Die in Deutschland praktizierte duale Ausbildung zwischen Betrieb und Berufsakademie (respektive Berufsschule) könnte ein Ansatz sein. "Ich hoffe, dass sich das durchsetzt."

Klar indes, dass sich Brüsseler Entscheidungen nicht nur auf die Kommunalpolitiker in "unseren" Gemeinden auswirken (beim Thema Wasserversorgung beispielsweise) - sondern bekanntlich auch auf die Verbraucher.

Als Parlamentarierin hat Elisabeth Jeggle (sie gibt ihr Mandat 2014 nach 15 Jahren ab) so nicht nur die Wirtschaft im Blick, sondern auch die Dritte Welt: "Ich kämpfe für die krumme Banane, die in Deutschland nur noch in Fair-Trade-Läden verkauft wird." So landet das Geld direkt bei den Pflanzern in Afrika und Staaten der Karibik, mit denen die EU ein Entwicklungshilfeabkommen abgeschlossen hat.

Für die korrekte Ausführung der europäischen Richtlinien und Beschlüsse sorgt die Europäische Kommission, die in etwa der Regierung in einem nationalstaatlichen System entspricht. Der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger, Experte in Sachen Energie, grüßt die Grafenberger nur vom Monitor. Dennoch wissen die Besucher am Ende dieses prall gefüllten Donnerstags: Das Haus Europa beherbergt einen erklecklichen Verwaltungsapparat (die Rede ist von 35 000 Beamten), der für Außenstehende nicht immer transparente Ziele und Aufgaben verfolgt. Und: Mit der Administration der EU zog einst ein Heer von Lobbyisten in die belgische Hauptstadt. Ob Banken, Engieversorger oder Städte und Gemeinden - sie alle unterhalten eine Dependance in Brüssel, wollen nah dran sein an den Entscheidungsträgern, weitergeben, was in Europa läuft.

Kurz: "Wir müssen das Gras wachsen hören", sagt Dr. Kurt Gaissert von der Vertretung des Landes Baden-Württemberg in Brüssel. In bestem Honoratiorenschwäbisch berichtet der Mann über die "Beobachterfunktion" der knapp 30 Bediensteten, die seit dem jüngsten Regierungswechsel eine eigene Abteilung des Stuttgarter Staatsministeriums bilden. Er führt die Gäste aus dem Kreis Reutlingen vom blühenden Garten in die Holz vertäfelte Schwarzwaldstube des Hauses, wo das "Networking" (Gaissert) besonders gut funktioniere. So gut, dass die Leute in der Landesvertretung sogar das internationale Donaufestival mit auf den Weg gebracht haben, wie er erzählt.

Networking, auf Deutsch Kontakte spinnen und Brücken bauen - darin haben sich auch Grafenberger und Pusieuxer in diesen Tagen wieder geübt. Sie sitzen in einem Restaurant auf der "Grand-Place" und blicken auf das prachtvolle Brüsseler Gotik-Rathaus. Bei belgischem Rindergulasch in Biersoße planen Stefanie Schwab und Corinne Angevin gerade ihr nächstes Treffen.

Manfred Knöll, der Vorsitzenden des Grafenberger Partnerschaftskomitees, und Holger Dembek laden die Franzosen nebenan zum Abschied des Bürgermeisters im September nach Grafenberg ein. Während die Abendsonne ein diffuses Licht auf die historischen Gebäudeensembles in der Stadtmitte wirft, wirkt die pulsierende Europa-Zentrale fast heimelig. Zumindest, wenn es um die Politik auf der rein sozialen Ebene geht.

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