Hobbyarchäologe gelingt außergewöhnlicher Fund in einem alten Haus

Im Keller eines Grabenstetter Hauses hat ein Hobbyarchäologe einen tiefen Blick in die Welt der Vorfahren erlangt. Er grub einen Nachgeburtstopf aus, ein bislang wohl einmaliger Fund für die Vordere Alb.

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  • Archäologen müssen genau dokumentieren, wo und in welcher Anordnung die Scherben liegen. 1/4
    Archäologen müssen genau dokumentieren, wo und in welcher Anordnung die Scherben liegen.
  • Die Fundstelle im Keller: Unter einer Bodenplatte, links im Bild, fand sich der Nachgeburtstopf. 2/4
    Die Fundstelle im Keller: Unter einer Bodenplatte, links im Bild, fand sich der Nachgeburtstopf.
  • Günther Schwenkel während der diffizilen Arbeit an der Fundstelle. Fotos: Thomas Kiehl 3/4
    Günther Schwenkel während der diffizilen Arbeit an der Fundstelle. Fotos: Thomas Kiehl
  • Das Symbol auf diesem Ofenstein, er stammt aus Hülben, gibt Günther Schwenkel Rätsel auf. Nun hofft er auf Hilfe aus der Leserschaft unserer Zeitung. 4/4
    Das Symbol auf diesem Ofenstein, er stammt aus Hülben, gibt Günther Schwenkel Rätsel auf. Nun hofft er auf Hilfe aus der Leserschaft unserer Zeitung.
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Wer sich den Keller eines mehrere hundert Jahre alten Hauses freiwillig zum Arbeitsplatz wählt, während draußen Dauerregen und winterliche Temperaturen das Feld beherrschen, den muss wahre Leidenschaft für eine Sache gepackt haben. Wie den Hülbener Hobbyarchäologen Günther Schwenkel. Er begeistert sich seit Jahrzehnten für all jenes, das die Altvorderen der Nachwelt zurückließen.

Dabei interessiert ihn keineswegs nur das Erbe, das in Samt, Seide und Gold gehüllt daherkommt, sondern er sammelt und dokumentiert nachgerade alles, was Aufschluss über das Leben in früheren Zeiten bietet. Sein Spürsinn führt ihn dabei nicht selten in ein altes Gebäude, wie unlängst in Grabenstetten. Der Hausbesitzer, Bernd Griesinger, erteilte Schwenkel, der seit Jahrzehnten auch ehrenamtlicher Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes ist, die Erlaubnis, nach Zeugnissen aus alten Tagen zu suchen. Im Keller des Gebäudes stieß Schwenkel tatsächlich auf so genannte Nachgeburtstöpfe, ein Gefäß schälte Schwenkel nahezu unversehrt aus dem Erdreich, dazu barg er etliche Scherben, die Zeugnis von einem alten Brauch ablegen: In jenen Gefäßen bestatteten frühere Generationen den Mutterkuchen, auch Plazenta genannt.

Seines Wissens nach, sagt Schwenkel, handle es sich um den ersten Fund dieser Art auf der Vorderen Alb. Weil er sich seit langem auf dem Feld der Archäologie engagiert und sich schon an etlichen Grabungen beteiligte, wusste Schwenkel seinen Grabenstetter Fund sofort einzuordnen. Ein Fachaufsatz von Dr. Dorothee Ade aus dem Jahr 2009, der im Magazin "Archäologie in Deutschland" erschien, bestätigte seine Vermutung. Wie Ade in ihrem Beitrag schildert, finden sich Nachgeburtstöpfe für gewöhnlich in einer Kellerecke, oftmals liegen sie nur fünf bis 20 Zentimeter unter der Erde. Die Stellen, an denen die einhenkligen Töpfe im Boden ruhen, wurden nicht gekennzeichnet, weswegen alte Gefäße oft kaputt gingen, wenn neue ihren Weg ins Erdreich fanden.

Die Sitte, die Nachgeburt zu bestatten, schreibt Dorothee Ade, beschränkte sich keineswegs nur auf das alte Württemberg, vielmehr pflegten viele Kulturen über Jahrtausende dieses Ritual, im Wunsch, die Gefahren, die Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett für Mutter und Kind bedeuten, zu bannen. Nabelschnur und Plazenta galten in früheren Zeiten als erstes Kleid des Säuglings, das die Eltern deshalb besonderes beachteten. Auch im christlichen Umfeld, schreibt Ade, habe die Angst vor bösen Mächten und Hexen kursiert, deren negativen Einfluss die Menschen mit Hilfe von Ritualen bannen wollten. Beispielsweise ging die Furcht um, vermittels dunkler Magie könne aus der Nachgeburt ein hässlicher, gefräßiger Wechselbalg erwachsen, den eine Hexe gegen das Menschenkind auszutauschen vermöge. Einem solchen Zugriff entzogen die Eltern die Plazenta, indem sie den Mutterkuchen in einem Topf vergruben. Auf einem solchen Topf, der in Bönnigheim entdeckt wurde, fand sich zusätzlich ein Hexagramm. Auf ein anderes, in Kirchheim unter Teck vergrabenes Gefäß, haben die Menschen ein Pentagramm gemalt. Beide Symbole sollten böse Mächte abwehren. Durch die Mitte einiger Töpfe trieben die Ahnen sogar einen angespitzten Pflock, offenbar im Wunsch, die Lebenden vor Wiedergängern zu schützen, ähnlich wie das aus Vampirlegenden bekannt ist.

Den Grabenstetter Fundort hat Günther Schwenkel nach wissenschaftlichen Methoden dokumentiert, nun sind Topf und Bruchstücke sicher für die Nachwelt aufbewahrt. Während Schwenkel diese Baustelle also schließen konnte, bereitet ihm ein anderes Relikt aus alten Tagen Kopfzerbrechen. Es handelt sich um einen Ofenstein, den er in einem alten Hülbener Haus entdeckte. Vermutlich, sagt Schwenkel, stamme der Stein aus dem 17. Jahrhundert, verziert ist er mit Initialen und einem rätselhaften Motiv. Günther Schwenkel jedenfalls hat noch nichts Vergleichbares gesehen und hofft deswegen auf Hilfe. Wer auf dem abgebildeten Foto erkennt, um was es sich handelt oder entsprechende Vermutungen hegt, kann sich unter Telefon: (0 71 25) 52 28 bei Günther Schwenkel melden.

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