Eine Minute und 65 Meter Kunst

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  • In hölzernen Buchstaben schreibt Christian Hasucha das Wort „mittlerweile“ in einen Wald am Heidengraben. 65 Meter lang ist die Installation, die der Berliner Künstler zusammen mit zwei Flüchtlingen aufbaut. Die weiße Farbe, mit der Hasucha die Buchstaben bemalt, ist stark reflektierend.  1/2
    In hölzernen Buchstaben schreibt Christian Hasucha das Wort „mittlerweile“ in einen Wald am Heidengraben. 65 Meter lang ist die Installation, die der Berliner Künstler zusammen mit zwei Flüchtlingen aufbaut. Die weiße Farbe, mit der Hasucha die Buchstaben bemalt, ist stark reflektierend. Foto: 
  • Der Berliner Christian Hasucha beim Aufbau seines Werkes. 2/2
    Der Berliner Christian Hasucha beim Aufbau seines Werkes. Foto: 
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Berlin ist die Heimat des Künstlers Christian Hasucha. 1955 in Neukölln geboren, blieb der Universitätsdozent der Bundeshauptstadt treu. Für seine „Interventionen“, wie der Künstler seine überraschenden und manchmal auch unscheinbaren Installationen im öffentlichen Raum nennt, bevorzugt Hasucha aber eher kleinere Städte oder den ländlichen Raum.

„Dort gibt es nicht so viele Ablenkungen wie in Großstädten“, sagt Hasucha. „Kunst im öffentlichen Raum einer Großstadt muss spektakulär sein – oder sie ist nur Eingeweihten bekannt.“ Der ländliche Raum biete dagegen ganz andere Möglichkeiten: „Das Subtile kann man hier eher zeigen.“

Etwa im Wald bei Grabenstetten. Für das Kunstfestival „Interim“, das im September startet, ist Hasucha erneut auf die Alb gekommen. Denn der Berliner war schon einmal hier: Zur ersten „Interim“, im Alten Lager in Münsingen, steuerte Hasucha sein „Münsinger Loch“ bei – eine Stahlröhre, die in einem Baum hing. An ein Fernrohr oder an eine Kanone erinnernd. „Das alte Lager stand für Militär, und eben auch für schweres Gerät“, blickt Hasucha zurück. „Noch heute wird dort über das Münsinger Loch geredet“, sagt der Berliner Künstler nicht ohne stolz.

Hasuchas Kunst, zumeist im öffentlichen Raum, ist vergänglich. Denn sie beschäftigt sich oft mit der Zeit und ihren Facetten. Die Installation „Heute“, eben jenes Wort in meterhohen Betonbuchstaben, an einer Landstraße installiert, stand dort für fünf Jahre. „Ich habe Angebote bekommen, manche wollten die Buchstaben auch einzeln kaufen“, erinnert sich Hasucha. Doch er lehnte alle Angebote ab, die Installation wurde verschrottet. „Heute als Wort und Botschaft muss eben vergänglich sein.“

Seine Kunst lebe vielmehr in der Dokumentation weiter: In Bildern, Artikeln und auch in den Erinnerungen der Betrachter. Deshalb fürchtet sich der Berliner auch nicht um seine im Freien ungeschützten Kunstwerke. „Auch Sachbeschädigung ist eine Form der Auseinandersetzung mit der Kunst“, sagt Hasucha. „Zeitgenössische Kunst muss Fragen aufwerfen, auf Kontroversen und Ablehnung stoßen.“ Wie in der niedersächsischen Stadt Langenhagen.

Dort nahm Hasucha an einem Stehtisch einer Imbisbude Maß. Und ließ auf exakt derselben Höhe auf 5000 Laternenmasten und Pfählen im Stadtgebiet genau diese Höhe markieren. Die Botschaft kam bei den Langenhagenern nicht an, die Kritik war so groß, dass der Stadtrat in der Folge die Gelder für Kunst im öffentlichen Raum kürzte. Wie seine Installation am Heidengraben ankommen wird? Hasucha ist gespannt auf die Eröffnung. Doch schon jetzt, so sagt der Berliner Künstler, habe die Auseinandersetzung mit seiner Kunst vor Ort begonnen: „Schon die Jogger fragen sich, was das hier wird.“

Hasucha schreibt in hölzernen Buchstaben „mittlerweile“ in den Wald. „Ein toller Gegensatz aus organisch Gewachsenem und abstrakter, surrealer Kunst.“ Die Kunst gewordene Begrifflichkeit der Zeit passe hervorragend zum Thema „Suche“ des „Interim“-Festivals – und eben auch zum historischen Kontext des Heidengrabens. Und auch das Kunstwerk selbst hat eine zeitliche Komponente: Rund eine Minute braucht man als Betrachter, um die 65 Meter langen, schneeweißen Buchstaben abzulaufen. Hasucha hat die Zeit selbst gestoppt. „Mittlerweile handelt von der Gegenwart, die sich ständig erneuert. Das wird hier erlebbar.“

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