Dritter Hilfskonvoi geht auf Reisen

Zwei Hilfskonvois sind schon in Richtung Ukraine gestartet - den dritten Laster lädt Simon Nowotni noch vor Weihnachten voll: Viele Ermstäler haben für das Bessarabien-Projekt des Dettingers gespendet.

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  • Etliche Hilfskonvois erreichen derzeit die Ukraine (Foto); demnächst rollt auch wieder ein Laster aus dem Ermstal an. 1/2
    Etliche Hilfskonvois erreichen derzeit die Ukraine (Foto); demnächst rollt auch wieder ein Laster aus dem Ermstal an. Foto: 
  • Simon Nowotni mit ukrainischen Gästen auf dem Weihnachtsmarkt. 2/2
    Simon Nowotni mit ukrainischen Gästen auf dem Weihnachtsmarkt. Foto: 
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Ein bisschen überrascht und überwältigt war er, der Dettinger Feuerwehrmann und Gemeinderat Simon Nowotni. "Wir haben wahnsinnig viele Spenden aus dem ganzen Ermstal bekommen", erzählt der Unternehmer. Immer wieder seien in seiner Autowerkstatt in den vergangenen Monaten Pakete mit Kleidern, warmen Decken, Bettwäsche, Matrazen, Spielzeug und anderen Waren angeliefert worden.

Bestimmt sind die Hilfsgüter nicht für die vielen Flüchtlinge, die dieser Tage in Deutschland Asyl suchen - sondern für Kriegsvertriebene und Bedürftige tausende von Kilometer entfernt in Osteuropa. Für Notleidende in der Ukraine, genauer im Umkreis der Stadt Tarutino am Schwarzen Meer. Dort, wo einst Simon Nowotnis Großmutter lebte, die in den Wirren des Zweiten Weltkriegs flüchten musste - und im Ermstal strandete.

Vielleicht ist es die persönliche Geschichte des Dettingers, der sich vor einigen Jahren auf die Suche nach seinen Wurzeln machte und Kontakte zur Heimat seiner Vorfahrin aufbaute (wir haben berichtet). Vielleicht löste aber schlicht das bittere Schicksal der Menschen nahe Odessa diese Welle der Hilfsbereitschaft aus. Denn dorthin spülte es etwa 15 000 Männer, Frauen und Kinder, die aus den ukrainischen Kampfgebieten rund um Donezk und Luhansk flüchten mussten. Und dort, in der ehemaligen deutschen Siedlung Bessarabien, kommen die Flüchtlinge nur noch in Zelten unter.

Sie frieren, haben kaum zu essen - von warmen Betten oder gar Medikamenten ganz zu schweigen. Doch anders als in Deutschland, können die Einheimischen den Flüchtlingen in der Ukraine wenig helfen. Viele Familien am Schwarzen Meer leben mit einem Monatseinkommen von weniger als 50 Euro. Rentner müssen oft mit nur 20 Euro im Monat auskommen. Ein Grund, weswegen der Landrat des Kreises bereits im Sommer einen Hilfeschrei an den Bessarabiendeutschen Verein in Stuttgart geschickt hatte.

"Wir wissen nicht, wie wir die Menschen über den Winter bekommen sollen", schrieb der Politiker - und bat um Unterstützung aus Deutschland. Seine Bitte fiel vor allem im Ermstal und im Raum Stuttgart auf fruchtbaren Boden.

Auch wenn sich das mancher in Zeiten des allgemeinen Spendensammelns kam vorstellen kann: Noch vor Weihnachten können Simon Nowotni und seine Vorstandskollegen beim Bessarabiendeutschen Verein Stuttgart einen dritten Hilfskonvoi nach Tarutino auf die Reisen schicken. "Die Resonanz war einfach riesig", freut sich der Dettinger, der bei seinem letzten Ukraine-Trip auch die Verteilung der Güter regelte. Vor Ort in Tarutino hat sich ein Komitee gegründet, dem Rathaus-Mitarbeiter, Mediziner, Feuerwehrleute und Lehrer der dortigen Schulen angehören. Sie wissen, wer was benötigt und sorgen auch dafür, dass die Hilfsgüter bei den Notleidenden ankommen. Einen Teil der Geldspenden indes haben Nowotni und seine Mitstreiter direkt in Nahrungsmittel umgesetzt: Von den rund 1700 Euro haben sie Essenspakete bestellt, die noch vor Weihnachten an Bedürfige und ältere Menschen rund um Tarutino verteilt werden. Die Ukrainer packen derweil selbst mit an, um ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern. Ein junges Paar aus Tarutino ist dieser Tage in Dettingen zu Besuch. Die Ukrainer und Mitglieder des Bessarabien Vereins verkauften beim Weihnachtsmarkt Selbstgebasteltes aus der Schwarzmeer-Gemeinde und Borschtsch, eine ukrainische Suppe. Mit dem Erlös wollen sie drei Schulen in und um Tarutino unterstützen.

Die Bessarabiendeutschen und die Stadt Tarutino

Die Bessarabiendeutschen sind eine deutsche Volksgruppe, die zwischen 1814 und 1940 in der Schwarzmeer-Steppe Bessarabien (heute unter Moldawien und der Ukraine aufgeteilt) lebte. Die ersten Siedler waren 1814 auf Aufruf des Zaren Alexander I aus Baden, Württemberg, dem Elsass, Bayern und Preußen nach Bessarabien eingereist. Das Gebiet war damals Teil des Russischen Kaiserreiches.

In ihrer 125-jährigen Geschichte waren die Bessarabiendeutschen eine bäuerliche Bevölkerung. Im Sommer 1940 wurde Bessarabien als Folge des Hitler-Stalin-Pakts von der Sowjetunion militärisch besetzt. Die Deutschen (gut 93 000 Menschen) mussten unter dem Motto "Heim ins Reich" nach Nazi-Deutschland umsiedeln.

Die Stadt Tarutino war die größte bessarabiendeutsche Ansiedlung mit etwa 3700 Bewohnern im Jahre 1940. In Tarutino befanden sich zwei der drei höheren Schulen der Bessarabiendeutschen. Ende des 19. Jahrhunderts siedelten sich im Ort zahlreiche Industriebetriebe an. Die Bessarabiendeutschen entwickelten ein kulturelles Leben mit Sport- und Bildungsvereinen. Dort lebte auch Simon Nowotnis Großmutter. Mit der Stadt verbindet die Dettinger Feuerwehr heute eine Freundschaft.

SWP

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