Die Ziehorgel aus Stalingrad

106 Söhne hat Donnstetten in den beiden Weltkriegen verloren. An die Männer und ihr Schicksal, dem Tod in der Fremde gegenübertreten zu müssen, erinnert der Heimatverein in seiner Jahresausstellung.

|
Vorherige Inhalte
  • 1/4
    Foto: 
  • 2/4
    Foto: 
  • 3/4
    Foto: 
  • 4/4
    Foto: 
Nächste Inhalte

Ein Mann und seine kleine Tochter liegen im Gras, beide lachen in die Kamera. Das schwarz-weiß Foto in der Vitrine des Donnstetter Heimatmuseums hält einen unbeschwerten Moment aus schlimmen Tagen fest. Das Mädchen musste ohne Vater großwerden. Er ist einer von 106 Donnstettern, die ihr Leben in einem der beiden Weltkriege ließen. Jenen Gefallenen und Vermissten widmet der Heimatverein dieses Mal seine Jahresausstellung. 100 Jahre nachdem das Morden im ersten großen Weltenbrand begann und 75 Jahre nachdem Hitler den Befehl zum Überfall auf Polen gab. Morgen, am Volkstrauertag, sowie am darauffolgenden Wochenende sind die Exponate im Museum neben der Kirche zu sehen.

Erstaunlich vieles, was an die Männer erinnert, blieb in den Donnstetter Familien erhalten. Diese mussten nach der Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen mit dem Verlust weiterleben. Bilder und Briefe hielten die Erinnerung wach und mögen Trost gespendet haben beim Gedanken an jene, die in fremder Erde begraben liegen oder deren Schicksal bis heute ungeklärt blieb.

Zum Kreis jener, hinter deren Name der Zusatz, „in Russland vermisst“ steht, gehört Hans Schmid. Geboren 1915 zog er mit der sechsten Armee nach Stalingrad, im Gepäck seine Ziehorgel. Als er erkannte, wie schwierig die Lage an der Wolga für die deutschen Soldaten wird, schickte er sein geliebtes Musikinstrument mit einem der letzten Transporte, der die von Russen umstellte Stadt verließ, ins heimische Donnstetten. Dort hütet die Familie das Erinnerungsstück bis heute, für die Ausstellung haben sie dem Heimatverein das Instrument sowie Bilder ihres toten Angehörigen überreicht. Zuletzt lebend gesehen wurde Hans Schmid am 21. Januar 1943.

Ein Foto der Jahresausstellung zeigt 13 Männer, die am 25. August 1939, dem Tag der deutschen Mobilmachung, einberufen worden sind. Sie hatten das Pech sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg eine Uniform anziehen zu müssen. Als Veteranen, sagt Helmut Schill vom Heimatverein, standen die Männer wohl nicht direkt an der Front, sondern konnten einen Posten in der Etappe ergattern. Jedenfalls gelang es allen, heil zu ihrer Familien zurückkehren. Dem Glück der einen, stand das Leid der anderen gegenüber. Die Familie Ruß beispielsweise verlor drei Kinder, Christian, Jakob und Adam. Drei Fotografien und einige Briefe sind von den hoffnungsvollen jungen Männer geblieben.

Für jeden Donnstetter, der im Zweiten Weltkrieg fiel, hielt seine Heimatgemeinde einen Gottesdienst ab. Ein kleines Holzkreuz mit dem Namen sowie dem Geburts- und Sterbetag des Soldaten hing anschließend zum Gedenken im Kirchenraum. Je länger das Morden dauerte, umso offensichtlicher wurde den Gottesdienstbesuchern, wie hoch der Blutzoll bereits war, den ihr Dorf zu zahlen hatte. „Die Kreuze hingen rundum“, erinnert sich Irmgard Bosler vom Heimatverein.

Die Toten dieses Krieges gesellten sich zu jenen Männern, die zwischen 1914 und 1918 ihr Leben ließen. Ihrer gedachte die Gemeinde mit Erinnerungstafeln an der Empore der Kirche. Die Familien erhielten einen Farbdruck, auf dem sich der Name des toten Soldaten sowie variierende Motive fanden, die dem Anlass angemessen schienen. Zu sehen ist etwa ein Engel, der tröstend seine Flügel über dem Toten aufspannt. Im Dritten Reich erhielten die Angehörigen schließlich noch einmal Post vom dankbaren Vaterland. In den Briefen fand sich ein Stück Blech, oder um es formal-korrekt zu formulieren, das Frontkämpfer-Ehrenkreuz. Das hatte Reichspräsident Paul von Hindenburg mit Verordnung vom 13. Juli 1934 gestiftet.

Die Jahresausstellung zum Gedenken an die Soldaten der Weltkriege ist die aufwendigste, die der Heimatverein bislang stemmte, sagt Helmut Schill. Die Mitglieder haben dafür zahlreiche Briefe, Bilder oder Postkarten gesichtet und erfahren, wie grausam der Tod in das Leben vieler Familien eingriff und alte Gewissheiten zerstörte. Zwei Häuser im Ort beklagten dreier gefallene oder vermisste Söhne, etliche weitere verloren zwei. „Es gab auch zahlreiche Eltern, die nur ein Kind hatten, einen, einzigen Sohn“, sagt Helmut Schill, „und der ist dann gefallen.“

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Die Stimme der Toten

Vor wenigen Tagen war im Fernsehen ein amerikanischer Kriegsfilm zu sehen, der in kaum zu ertragender Detailtreue zeigte, wie qualvoll Soldaten auf dem Schlachtfeld sterben. weiter lesen