Bürgermeisterin für 131 Tage

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Martina Lehmann vor dem Grabenstetter Rathaus. In den vergangenen Monaten war die 59-Jährige Bürgermeisterin.  Foto: 

Völlig unerwartet verstarb am 20. Oktober der Grabenstetter Bürgermeister Harald Steidl. 14 Jahre war er Schultes der Albgemeinde. Seine Stellvertreterin in dieser Zeit war Gemeinderätin Martina Lehmann. Ein Posten, der normalerweise nur im Krankheitsfall des amtierenden Bürgermeisters Aufgaben mit sich bringt. Die Leitung einer Gemeinderatssitzung etwa oder die Vertretung beim ein oder anderen Abendtermin.

Dieses Mal war dies völlig anders. Lehmann war als Bürgermeisterin gefragt. Seit März ist nun der gewählte Nachfolger Roland Deh ins Rathaus eingezogen, heute findet die öffentliche Amtseinsetzung statt. Zeit für ein Gespräch mit Martina Lehmann.

Frau Lehmann, der Tod von Harald Steidl kam völlig unerwartet. Wie war Ihre Reaktion?

Martina Lehmann: Am Anfang war der Schock das alles Überragende. Das war ja auch völlig unerwartet und ist auch jetzt noch ein Stück weit unwirklich.

War Ihnen Ihre Rolle als stellvertretende Bürgermeisterin da gleich bewusst?

Lehmann: Eigentlich schon. Ich wurde ja 1999 gleich als Stimmenkönigin in den Gemeinderat gewählt und bei uns ist es guter Brauch, diese Sympathiebekundung der Bevölkerung mit dem Amt des stellvertretenden Bürgermeisters zu verbinden. Ich habe das immer sehr gerne gemacht und wusste daher in dieser Situation auch, was auf mich zukommt. Harald Steidl hat uns Stellvertreter regelmäßig zu sich eingeladen und uns Hintergrundwissen gegeben. Wir sind öfters auf dem Rathaus gewesen. Genau 131 Tage war ich nun Grabenstettens Bürgermeisterin.

Gab es in dieser Zeit wirklich keine Überraschungen?

Höchstens, dass die Bevölkerung mich in dieser Zeit mit unmöglichen Dingen – wie etwa Nachbarschaftsstreitigkeiten – geschont hat. Oder Hauptamtsleiterin Carina Maldoner hat diese von mir abgewehrt. Aber ich glaube schon, die Grabenstetter haben bemerkt, wie schnell es plötzlich gehen kann und blicken auf manche vermeintlichen Schwierigkeiten und Probleme nun aus einer anderen Sicht. Bei Gesprächen mit den Bürgern habe ich viel Lob für Harald Steidl gehört – es hätte ihm sicher auch geholfen, das früher selbst gehört zu haben.

Auch ohne Konflikte zwischen Nachbarn gab es sicherlich genug zu tun. Wie sah ihr Arbeitsalltag als Bürgermeisterin – neben ihrem Beruf im Reisebüro – aus?

Ich arbeite halbtags in einem Reisebüro in Frickenhausen, daher konnte ich viele Termine im Rathaus auf den Nachmittag legen. Natürlich musste ich auch die Gemeinderatssitzungen leiten und vorbereiten, wir haben aber bis zum Amtsantritt von Bürgermeister Roland Deh bewusst keine Riesenthemen auf die Tagesordnung gesetzt – allerdings haben wir natürlich den Haushaltsplan vorgearbeitet und die Eckdaten festgelegt. Hier war auch Frau Maldoner als Kämmerin stark eingebunden. Insgesamt hielt sich der Aufwand mit schätzungsweise 15 bis 20 Stunden im Monat dann doch in Grenzen.

Als Bürgermeisterin standen Sie aber doch im Mittelpunkt.

Das stimmt. Und wirklich bewusst ist mir das bei der Trauerfeier für Harald Steidl geworden. Ich bin oft darauf angesprochen worden, warum ich nicht gesprochen habe. Ich war damals aber so erkältet, dass ich nicht sprechen konnte. Ich hätte das auch nicht ohne Tränen geschafft, ganz ehrlich, da bin ich nah am Wasser gebaut. Ich wollte mich aber keinesfalls davor drücken. Da habe ich dann schon gedacht, oh Gott, hoffentlich schaffst Du das alles. 18 Jahre im Gemeinderat sind ja schon das eine, aber Bürgermeisterin zu sein ist dann doch etwas völlig anderes.

Und wie fällt nun Ihre Bilanz aus? Haben Sie alles geschafft?

Im Nachhinein habe ich es mir doch noch etwas herausfordernder vorgestellt. Ich fühlte mich der Aufgabe jedenfalls jederzeit gewachsen. Es haben immer wieder auch Leute bei mir angerufen oder mich angesprochen und sich für meinen Einsatz bedankt. Das ist ja auch schön, wenn die Leute einen aktiv ansprechen und sich bedanken. Besondere Momente waren natürlich auch die Unterzeichnungen von richtigen Verträgen für die Gemeinde beim Notariat. Gleich nach dem Tod von Harald Steidl haben auch alle Gemeinden in der Umgebung uns ihre Hilfe angeboten. Auch wenn das letztlich nicht nötig war, tat es gut zu wissen, dass man nicht alleine ist.

Haben Sie Grabenstetten in dieser Zeit neu kennen gelernt?

Ich habe viele Grabenstetter besser kennen gelernt. Ab dem 80. Geburtstag kommt bei uns ja der Bürgermeister als Gratulant vorbei, außerdem bin ich auch zu zwei diamantenen Hochzeiten eingeladen gewesen – insgesamt gab es etwa zwölf bis 15 solcher Termine. Statt vormittags kurz vorbeizuschauen bin ich einmal auch bewusst eingeladen worden, wenn auch die Familie vor Ort war. Wenn man dann ein oder zwei Stunden im Wohnzimmer zusammensitzt, lernt man sich natürlich besser kennen als beim Grüßen auf der Straße. Viele Leute waren für den Besuch auch wirklich sehr dankbar und oftmals kam auch das Bedauern über den Tod von Harald Steidl zur Sprache.

Hat die Gemeinde den Verlust denn inzwischen verarbeitet?

Seit der Wahl von Roland Deh wird schon mehr nach vorne geschaut. Aber ich hoffe, das veränderte Bewusstsein bleibt uns erhalten. Wir sollten uns untereinander im Alltag mehr Respekt zollen und nicht erst dann, wenn es zu spät ist.

Eine Aussage, die sicher auch für die Gemeinderatsarbeit im Allgemeinen zutrifft.

Das stimmt. Immer wieder ist pauschal von Mauscheleien im Rathaus die Rede gewesen, da musste ich eindeutig kontra geben. Bei viel Stammtischgeschwätz würde man sich wünschen, dass die Leute sich um mehr Hintergrundwissen bemühen würden. Stattdessen fügt jeder ein bisschen Halbwissen dazu und am Ende stimmt nicht mehr viel, obwohl sich einige ohne wirkliches Wissen eigentlich keine Aussage erlauben dürften. Die öffentlichen Gemeinderatssitzungen dagegen interessieren kaum jemanden – bis einen die Entscheidungen direkt betreffen. Dabei sind wir Gemeinderäte für konstruktive Kritik und für Vorschläge offen.

Können Sie ein aktuelles Beispiel hierfür nennen?

Erst kürzlich hat mir jemand einen „Vorschlag für den Gemeinderat“ in den Briefkasten geschmissen – einen Zeitungsartikel über Mitfahrgelegenheiten im ländlichen Raum, die älteren und weniger mobilen Menschen sicher helfen könnten. Ich habe das in den Gemeinderat getragen und alle aufgefordert, sich dazu Gedanken zu machen. Derjenige, der mir das hat zukommen lassen, hat sich ja etwas dabei gedacht und hätte vielleicht selbst Bedarf an einem solchen „Mitfahrbänkle“. Ich hätte da sehr gerne nachgefragt, aber leider wurde mir der Zeitungsartikel anonym in den Briefkasten geworfen. Dennoch war es mir wichtig, die Anregung und das Thema aufzugreifen und das auch im Amtsblatt zu veröffentlichen.

Mit Roland Deh ist nun Ihr Nachfolger im Amt. Werden Sie das Amt vermissen?

Mir wird nichts fehlen, aber die netten kleinen Gespräche werde ich schon vermissen. Grabenstetten ist ein toller Ort, der trotz schlechter Prognosen in den letzten 15 Jahren gewachsen ist. Ich bleibe noch zwei Jahre im Gemeinderat. Dann bin ich 62 und da müssen dann Jüngere nachkommen.

Was hat Sie damals bewogen, als Gemeinderätin zu kandidieren?

Ich hatte schon immer das Gefühl, dass es Leute braucht, die einen Ort zu dem machen, was er ist. Und die etwas zum Wohle der Bevölkerung bewirken. Und im Gemeinderat kann man etwas bewirken. Wir hätten Beispielsweise in Zeiten mit weniger Kindern eine Erzieherin einsparen können, haben uns aber bewusst dagegen entschieden. Für die Kinder. Auch bei der Ortskernsanierung hat sich viel getan, wir sind die nächsten fünf Jahre weiter Schwerpunktgemeinde. Es nutzt nichts hinten herum zu meckern, sondern man sollte sich einbringen und um Hintergrundwissen bemühen. Ich hätte Anfangs auch nie gedacht, wie spannend Gemeinderatsarbeit sein kann.

Neben der Ratsarbeit engagieren sie sich auch beim TSV Grabenstetten und bei den Handballerinnen der TuS Metzingen. Jetzt auch als Bürgermeisterin – was sagte ihre Familie dazu?

Meine Familie hat mich voll unterstützt. Vielleicht waren sie auch ein bisschen stolz – aber das sagen sie natürlich nicht. Mein Mann meinte nur schmunzelnd, ich werde schon etwas anderes als ehrenamtliche Tätigkeit finden, wenn ich nicht mehr als Bürgermeisterin gefragt bin.

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