Berliner Frauenstimmen

Was für eine Zeitreise durch Berlin. Inflation und Krieg, Mauerbau und Wiedervereinigung: Das alles packt die Künstlerin Annika Krump in Chansons und Bilder. Mal rotzfrech, mal divenhaft. Aber immer anrührend.

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Mit Charme und Akkordeon: Annika Krump in Dettingen.  Foto: 

Schon mal "99 Luftballons" mit Akkordeonklängen gehört? Und selbst die Percussions zum Song geliefert, mittels Klatschen in die Hände? Ja, das funktioniert. Das macht sogar Laune. Ihr Publikum in Dettingen hat die Sängerin, Autorin und Performancekünstlerin Annika Krump mit dieser Nummer jedenfalls rasch für sich gewonnen.

Zum Auftakt der Ermstäler Literatur- und Kulturtage gastierte die aus Trier stammende Wahl-Berlinerin im Bürgerhaus am Anger. Sie brachte mit ihrer Chanson-Revue "Berlin ist eine Frau" eine gewaltige Prise Haupstadt-Luft mit.

Allein die Idee zu dieser Lieder-Bilder-Show hat was: Annika Krump lässt mit ihrer wandelbaren Stimme große (und kleine) Melodien der letzten 100 Jahre wieder aufleben. Sie singt Lieder von Claire Waldoff, Marlene Dietrich, Zarah Leander oder Hildegard Knef. Aber auch Titel von Johanna Kocian, Nena und der "Wir sind Helden"-Frontfrau Judith Holofernes.

Allesamt Berliner Originale, sagt Annika Krump. Und während sie mit einem Chanson der Sängerin Blandine Ebinger (einst Ehefrau des Komponisten Friedrich Hollaender die Hungersnot der Weimarer Republik beklagt, wirft der Beamer Bilder der Weltwirtschaftskrise an die Wand: Menschen in zerlumpten Kleidern, die vor einer Bäckerei um Brot anstehen, das damals ein Vermögen kostete: "Die Leute brauchten das Geld in Koffern mit".

Geschichtliche Fakten treffen auf zeitlose Melodien, harter Tobak auf die vermeintlich leichte Muse. Denn während Annika Krump mit einem Hauch des Leanderschen Timbres in der Stimme "Eine Frau wird erst schön durch die Liebe" beschwört, zeigt die Bildershow auf der Leinwand das vom Krieg verletzte Berlin.

Elend. Trümmer. Eine Stadt am Boden. Das fesselt und rührt an. Aber vor allem die Künstlerin gefällt mit ihrer Bühnenpräsenz und Vielseitigkeit. Annika Krump gibt die Diva Marlene Dietrich (mit den "Ruins of Berlin", der Hommage an die Trümmerfrauen) ebenso überzeugend wie das rotzfreche Gör. Beispielsweise, wenn sie mit leicht quietschender Stimme den einstigen DDR-Hit "Du hast den Farbfilm vergessen" von Nina Hagen anstimmt. Ost-Berlin und West-Berlin, Sozialismus und Kapitalismus - auch das gehört zur Show, die die Chanson- und Pop-Kultur beider Staaten nebeneinander stellt. Nicht zu vergessen, das Akkordeonspiel: Annika Krump kann das famos, macht ihr Instrument mit lauten und leisen Tönen zu einem zweiten Geschichtenerzähler.

Apropos Geschichte: Die mündet irgendwann im heutigen Berlin, wo Krump höchstselbst als Chansonsängerin wirkt. Zeit- und gesellschaftskritisch - wie einige ihrer großen Vorgängerinnen. Das zeigen zwei eigene Titel, die "Annika von Trier" am Ende singt. Etwa über den Facebook-Handy-Wahn oder über das Berlin der Jetzt-Zeit, das der Aufbruchstimmung nach der Wende entwachsen ist: "Berlin, bist Du bereit? Du bist die Schönste auf der Welt, Verkauf dich nicht für schnelles Geld", heißt es da.

Was bleibt? Ein paar Traditionen. Etwa die kulinarischen, die alles überdauert haben. Die Dettinger Veranstalter der Literatur- und Kulturtage um Bücherei-Chefin Sabine Makram und VHS-Leiterin Anke Adametz-Leichtle tischten Berliner Bouletten mit Kartoffelsalat auf: Schmankerln also nicht nur auf der Bühne.

Literatur- und Kulturtage

"Diese Veranstaltungsreihe ist etwas Besonderes", sagte Bürgermeister Michael Hillert zum Auftakt der Ermstäler Literatur und Kulturtage. Die Reihe wird von Buchhandlungen, Büchereien und Volkshochschulen im Ermstal präsentiert. Der nächste Termin: Am Freitag, 26. Juni, 20 Uhr, gibt es in der Bad Uracher Schlossmühle eine Autorenlesung mit Luisa Weiss. Der Titel: "My Berlin Kitchen."

SWP

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