"Es war eine schöne Zeit"

Gertrud und Walter Gebhardt blicken heute auf 65 Ehejahre zurück. Das "Ja-Wort" gaben sie sich eine Woche vor der Währungsreform, eine karge Zeit, von der sie sich aber nicht entmutigen ließen.

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Gertrud und Walter Gebhardt feiern heute im Kreise der Familie ihre Eiserne Hochzeit. Foto: Regine Lotterer

Als Gertrud und Walter Gebhardt am 12. Juni 1948 in der Uracher Amanduskirche vor den Traualtar traten, warteten die Deutschen in den westlichen Besatzungszonen sehnsüchtig auf die Währungsreform. Die Schaufenster jener Tage waren gähnend leer, die Nachkriegswirtschaft ernährte die Bürger nur kärglich. Um den Hochzeitsgästen dennoch ein dem Anlass angemessenes Mahl servieren zu können, reiste die Braut zur Hamsterfahrt auf die Alb. Ein Teil der dabei ergatterten Waren kam zum Bäcker, der Rest zu den Wirtsleuten, bei denen das junge Paar seine Liebe feiern wollte. Für jeden Gast, erinnert sich Gertrud Gebhardt, gabs außerdem zwei Bier, "mehr war nicht drin". Für die damalige Zeit war das freilich schon ganz schön viel, den Gästen jedenfalls hats gefallen, zumal sie sich wieder einmal ordentlich satt essen konnten, wie sich die Gebhardts heute erinnern. Auf große Hochzeitsgeschenke konnte das Brautpaar indessen nicht hoffen, zu bescheiden gestaltete sich das Leben vieler Deutscher nach dem Krieg.

Das Eheleben des jungen Paares begann deshalb ziemlich bescheiden in einer Einzimmerwohnung in der Uracher Altstadt mit wenig mehr als einem Tisch, vier Stühlen, einer Couch und etwas Geschirr. Gertrud und Walter Gebhardt hatten beide schon in jungen Jahren ihre Eltern verloren: "Wir waren", sagen sie, "damals ganz auf uns allein gestellt."

Kennen gelernt haben sich die beiden über ihre Arbeit: Gertrud Gebhardt arbeitete für die Reichsbahn am Fahrkartenschalter in Urach, ihr zukünftiger Mann verdiente sein Geld als Speditionskaufmann auf dem Uracher Güterbahnhof. Die junge Kollegin gefiel Walter Gebhardt, und er lud sie ins Kino ein. Dass er zunächst versetzt wurde, schreckte ihn nicht ab. Aus der anfänglichen Freundschaft, erinnert sich Gertrud Gebhardt, wurde schließlich Liebe. Dabei hatte sie nie in Urach sesshaft werden wollen. In die Kleinstadt zog sie mit 18 Jahren nach dem Tod der Mutter, weil einer ihrer Brüder bereits dort lebte. Er war im Zuge der Kinderlandverschickung in Urach gelandet. Als gebürtige Rheinländerin fand sie an der schwäbischen Mentalität zunächst keinen Gefallen, "die Sprache verstand ich auch nicht". Aus dem fremden Schwaben ist für Gertrud Gebhardt inzwischen Heimat worden. Gemeinsam mit ihrem Mann, der bis zur Rente als kaufmännischer Angestellter tätig war, hat sie drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn, großgezogen. In Sirchingen verwirklichte sich das Paar außerdem den Traum vom eigenen Heim. Die Türen im Hause Gebhardt standen immer offen, Bekannte, Verwandte und Freunde der Kinder, alle wurden mit offenen Armen aufgenommen.

Mehr als vier Jahrzehnte lang lebten die Gebhardts im Bad Uracher Stadtteil und engagierten sich dort auch im Dorfleben. Mit der Wandergruppe etwa unternahmen sie viele schöne Ausflüge, auch verreist sind die Gebhardts früher gern. Der erste Familienausflug führte Eltern und Kinder ins Allgäu, ein Ereignis, das allen heute noch lebhaft vor Augen steht.

Vor zwei Jahren trennten sich der inzwischen 86-jährige Walter Gebhardt und seine heute 88-jährige Ehefrau schweren Herzens von ihrem Haus und zogen in eine Wohnung nach Hülben, in die Nachbarschaft ihrer jüngsten Tochter. Heute feiert das Paar seine Eiserne Hochzeit im Kreise der Familie, zu der auch fünf Enkel und drei Urenkel zählen. Auch gute Freunde sind zur Feier geladen. Beim gemeinsamen Essen wollen sie auf 65 Ehejahre zurückblicken. Jahrzehnte, die Gertrud Gebhardt mit einem kurzen, aber vielsagenden Satz zusammenfasst: "Es war, "sagt sie, "eine schöne Zeit."

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