Im Reich der Fische lauert das Gift

Autogase, Auspuffe aus der Industrie, allerlei Medikamente: Recht heftig, was Fische in der Erms alles "schlucken" müssen. Der Fluss ist erheblich mit Schadstoffen belastet - das belegt jetzt eine Doktorarbeit.

CHRISTINA HÖLZ |

Forellen und Saiblinge aus der Erms gelten als Delikatesse. Wer in den wärmeren Tagen aber wieder den Grill anwirft, um Frisches aus dem Fluss zu goutieren, der dürfte jetzt gewarnt (oder zumindest aufgeklärt) sein. Denn um den Zustand der Fische in der Erms ist es nicht eben gut bestellt. Das hat die Biologin Katja Bader nun in ihrer Dissertation nachgewiesen.

Die Dettingerin wird ihre Arbeit dieser Tage an der Universität Tübingen einreichen - vorab hat sie ihre Ergebnisse in der jüngsten Sitzung des Abwasserzweckverbandes Bempflingen-Riederich vorgestellt. Der Verband und die Gemeinden an der Erms hatten Katja Baders Forschungen finanziell unterstützt. So staunte am Montag wenigstens ein kleiner Kreis über die Studien der Wissenschaftlerin. Zum Beispiel über den Umstand, dass das Ermswasser am Ursprung bei Seeburg nicht weniger belastet ist, als im industriereicheren Ermstal. Ob im Fischburgtal oberhalb von Bad Urach, in Metzingen oder Riederich: "Die Schadstoff-Cocktails sind überall fast gleich hoch", erklärt die Dettingerin.

Zwei Fragen hat Katja Bader in ihrer Arbeit unter anderem erörtert. Erstens: Wieviel giftiges Potenzial steckt generell in der Erms? Und zweitens: Welche Auswirkungen hatte der schwere Ölunfall vom November 2008 in Metzingen auf Fische und Gewässer. Damals waren rund 3500 Liter Heizöl aus dem Keller eines Firmengebäudes ausgelaufen und im Erdreich sowie in der Erms versickert.

Um das akute und chronische Schadstoffaufkommen im Fluss zu beurteilen, hat Katja Bader über drei Jahre lang immer wieder Fische in der Erms entnommen und nach biochemischen und histologischen Aspekten untersucht. Genau genommen: Als Versuchsobjekt diente der Doktorandin die Groppe, ein wildlebender Fisch, der in der Erms beheimatet ist. Im Blick hatte die Wissenschaftlerin dabei jeweils Kieme, Niere und Leber der Wassertiere.

Das Ergebnis der Gewerbeproben: Die Organe vieler Tiere, ob in Seeburg oder Riederich, sind geschädigt, oder zumindest in einem schlechten Zustand, erklärt Katja Bader. Wen wunderts, der schädliche Mix, den die Fische "atmen" ist ebenso groß wie breit gestreut. Ob Abgase von Autos und Lastern, Cadmium, verursacht durch den Reifenabrieb, Gifte aus Industrieschloten, ja sogar Schwermetalle und Reste von Insektiziden aus der Landwirtschaft - den Fischen setzt so manches scharfe Mittel zu.

Apropos Mittel: Ein erklecklicher Faktor für die Belastung in der Erms sind auch jene aus der Arzneimittelbranche - Medikamente nämlich, die durch den menschlichen Konsum ins Abwasser und so in den Fluss gelangen. Auch Klärschlamm, so gut eine Kläranlage auch arbeitet, kann also ein Schadstofflieferant sein, vermutet Katja Bader. Denn ob Schmerzmittel wie Diclofenac oder Reste der Anti-Baby-Pille ("durch die Hormone werden männliche Fische zu weiblichen Fischen") - die Tiere bekommen unfreiwillig ihren Tablettencocktail verpasst.

Die Folgen: In den Kiemen bilden sich Entzündungen und große Ödeme, außerdem wird der Sauerstofftransport erschwert. Noch schlimmer siehts aus, wenn die Fische einen akuten Schadstoffschub erhalten. Nach dem Ölunfall im Jahr 2008 hat sich der Gesundheitszustand der Fische weiter verschlechtert - in den Kiemen mancher Versuchstiere hat Bader eine höhere Anzahl an Schleimzellen nachgewiesen. Die Note fünf gibt sie für die Beschaffenheit der Organe.

Fazit der Fachfrau: Die Erms ist auf der untersuchten Strecke deutlich mit Umweltschadstoffen belastet. Mehr als zunächst angenommen, wohl auch mehr als noch vor Jahren . Das sei bemerkenswert, Bader: "Schließlich befinden sich die Probestellen hauptsächlich im Biosphärengebiet "Schwäbische Alb".

Den Freunden heimischer Fische auf dem Teller möchte Katja Bader dennoch nicht unbedingt vom Verzehr der Ermsforellen abraten: "Das muss jeder selbst wissen", sagt sie und relativiert: "Auch in der Fischzuchtanlage ist nicht alles hundert Prozent schadstofffrei."

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