Heimstatt für sechs Generationen
Hülben. In diesem Jahr wird das alte Schulhaus in der Hauptstraße 200 Jahre alt. Seit sechs Generationen leben hier Angehörige der Familie Kullen.
Das Gebäude in der Hauptstraße 18 wurde 1811 von der Kirche als Schulhaus gebaut. Bis 1842 besaß das Haus auch eine Rathausstube. Das ursprüngliche Aussehen des Hauses kann man der Pfarrbeschreibung von 1828 entnehmen, die im Hülbener Heimatbuch wiedergegeben ist: "Das zweistöckige Haus mit einem gewölbten Keller, Tenne und Barn unterm Plattendach steht in der Mitte des Orts und ist in gutem Zustand."
Rund 100 Jahre später beschrieb Pfarrer Wilhelm Busch aus Essen, dessen Mutter aus dem alten Schulhaus stammte das Gebäude folgendermaßen: "Uns kam es immer wie ein altes Schloss vor. Ich habe nie wieder in meinem Leben einen so wunderlichen Bau gesehen. Unter dem weit ausladenden Dach waren zwei Schulräume, dazu die Wohnung des Lehrers. Und weil dieser früher zugleich Landwirt war, deckte das Dach auch noch einen Stall für Kühe und Schweine, eine gewaltige Scheuer und geheimnisvolle Speicher, in denen Korn lagerte und abgestellter Hausrat von vielen Generationen."
In den zurückliegenden zwei Jahrhunderten hat das Gebäude manche Veränderung erfahren. 1863 wurde der Anbau an der Ostseite des Hauses, der bis dahin als Spritzenhaus und Ortsgefängnis gedient hatte, überbaut und zugleich zwei Zimmer eingerichtet. Einer dieser neuen Wohnräume diente von diesem Zeitpunkt an "behinderten Kostgängern" als Unterkunft, die von der Schulmeisterfamilie versorgt und betreut wurden.
Als Rektor Albrecht Kullen von den Nationalsozialisten 1936 aus dem Amt gedrängt wurde, hat man das Schulhaus als dörfliche Bildungsstätte aufgegeben. Das Gebäude konnte damals von der Familie Kullen erworben werden. In den folgenden Jahrzehnten blieb es aber weiterhin ein Bauernhaus, da Albrecht Kullen ein passionierter Landwirt war. Bis 1952 betrieb er seine kleine Landwirtschaft. Schweren Herzens musste er sie im Alter von 79 Jahren aufgeben. Fortan diente das alte Schulhaus nur noch als Wohnhaus der Familie Kullen und ihrer näheren Verwandtschaft sowie als "Sammlungsort" für die altpietistische Gemeinschaft. Mitte der 1960er Jahre, nach dem Tode von Elise Wanderer geborene Kullen, war das Haus in einem kaum mehr bewohnbaren Zustand. Es gab nur ineinander gehende Zimmer mit holprigen Fußböden, eine Küche mit gusseisernem Herd und einem extrem schadhaften Plattenboden. Außerdem war im Haus kein Bad vorhanden. Der einzige Wasserhahn befand sich in der Küche. Das WC im Treppenhaus gelegen, war ein Abort, Typ "Plumpsklo".
Während der kalten Jahreszeit wurde nur das kleine Wohnzimmer mit einem Kohleofen beheizt. In den übrigen Räumen herrschten Außentemperaturen. Eigentlich war das Haus damals abbruchreif. Für Eberhard Kullen, der das Haus geerbt hatte, kam dies nicht in Frage. Er veräußerte fast alle im Familienbesitz befindlichen Äcker und Wiesen und renovierte mit dem erlösten Geld das Gebäude. Er verwandelte es damit in ein zeitgemäßes Wohnhaus. Durch gewaltige Eisenträger wurde das Obergeschoss statisch gesichert. Außerdem trennte man räumlich und funktional den "Stundentrakt" vom Wohnteil ab, und machte aus dem ehemaligen Stall und der Scheuer eine große Abstellhalle. Das Besondere dieses Hauses liegt aber darin, dass hier sechs Generationen der Lehrerfamilie Kullen wohnten, und dass während der ganzen Zeit seines Bestehens das Haus eine Herberge der altpietistischen "Stunde" war und ist.
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Autor: SWP | 28.10.2011
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