Getreidesorten aus der Vergangenheit

Bleichstetten.  Bereits zum zehnten Mal luden die Garten-Historiker des Schulzengärtles zu einem Gang durch liebevoll bepflanzte Pflanzenreihen. Besonderes Augenmerk diesmal: fast vergessene Getreidesorten.

Ka"mot, Emmer oder Einkorn: Es sind Namen, die teilweise eher an Protagonisten eines Fantasy-Abenteuers erinnern, als an Getreidesorten. Doch trotz der nicht gerade glamourösen Aura, die Feldfrüchte versprühen, spielten sie am Samstagnachmittag die Hauptrolle auf dem Bleichstetter Schulzengärtle. Dafür gesorgt haben die ehrenamtlichen Bewirtschafter des gemeindeeigenen "Krautdoils", dass von ihnen vor zehn Jahren schrittweise in einen Schaugarten umgewandelt wurde. Hier laden seltene und ausgefallene Gewächse ein, sich Zeit zu nehmen, zu schauen, zu entdecken, zu riechen. Dieses mal rückte das Team um Dorothee Kächele alte Getreidesorten in den Mittelpunkt.

Fast alle Arten, die auf dem länglichen Acker wachsen, stammen aus dem vorderen Orient. Mal sind sie 12 000 Jahre alt, mal 7000 Jahre "jung". Gemein ist ihnen, dass sie einmal Teil der heimischen Feldkulturen waren. Emmer, so berichtet die Infotafel, wurde bis 1936 bei Reutlingen angebaut. Er wurde, wie der Dinkel, wiederentdeckt. Doch im Gegensatz zu seinem Kollegen war ihm bis heute kein Boom beschert. Verstecken muss sich das exotisch klingende Getreide dennoch nicht, wie ein Biss in die Emmer-Seele offenbart.

Das salzige Gebäck, angereichert mit Schmalz, ist nur ein Schmankerl, dass die Frauen am Verkaufsstand anbieten. Hier türmen sich vielfältig gewürzte Brote, sogar Müsli-Riegel, aus verschiedenen Getreidesorten hergestellt, erfreuen die Gaumen.

Alles ist frisch zubereitet. Die zwei Ofenfuhren erledigten die fleißigen Frauen in aller Frühe. Die rund 50 Gäste am Nachmittag freuts - sie decken sich ein mit frischem Gebäck aus den selten gewordenen Zutaten, die sie gleich nebenan beim Wuchs beobachten können.

Schnell ist nur noch ein reduziertes Angebot zu haben. Die neugierigen Gäste lassen sich auf der Zunge zergehen, was die Frauen mit viel Idealismus auf die Beine gestellt haben: "Es geht darum die Vielfalt zu zeigen", sagt Dorothee Kächele. Dafür suchte sie sich die Lieferanten der seltenen Pflanzensamen zusammen und musste experimentieren - weil ihr niemand sagen konnte, wann die Körner in den Boden müssen. Sie verließ sich auf ihre Intuition: Wärme liebende Sorten säte sie im Frühjahr - sie hatte Erfolg damit. Am Samstagnachmittag, umringt von üppig gewachsenen Pflanzen, freut sie sich über die vielen Leute, die aufmerksam durch die Beete laufen: "Es ist wichtig, dass die Menschen die Pflanzen erleben können." Sie streichen mit Händen über die Ähren, schauen sich genau die Wuchsformen an, hie und da zerreiben sie kleine Stücke zwischen den Fingern, um daran zu riechen. Kächele hat nichts dagegen, begrüßt die sinnlichen Annäherungsversuche sogar: "Hier geht es nicht so streng zu." Sie sieht darin auch einen Grund für den Erfolg des Schaugartens: "Die Leute nehmen ihn super an und kommen miteinander ins Gespräch. Nebenbei", so fügt sie hinzu, "lernen sie viel."

Ohne pädagogischem Zeigefinger, ist es an den Besuchern durch die beschrifteten Beete zu laufen. Hier erfahren sie Namen, Eigenschaften und historische Fakten. Auch der Kräutergarten hinterlässt keine Fragezeichen: hier zeugen die Schilder davon, dass gegen fast alles ein Kraut gewachsen ist.

Demnächst wird der Garten durch einen "Fühlkasten" erweitert. In ihm sollen Kinder die Möglichkeit haben, verschiedene Materialien zu ertasten und so ein Gespür für verschiedene Texturen zu entwickeln.

Auch beim Thema fürs nächste Jahr hat Kächele schon Ideen. Der Erlös des diesjährigen Fests wird dann wohl wieder draufgehen. Gewinn will sie eh nicht machen - ihr selbst und dem ganzen Team geht es um die Sache:

"Es ist schon viel Idealismus dabei", gibt sie lachend zu.


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Autor: SIMON WAGNER | 02.09.2010

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