Gefangen im Unrechtssystem

Bespitzelung, Gefängnisaufenthalte, Flucht in die BRD: Konstanze Helber musste in der ehemaligen DDR viel aushalten. Über ihre Erfahrungen berichtete die Zeitzeugin jetzt am Gymnasium Neckartenzlingen.

Im vergangen Jahr feierte Deutschland den 25. Jahrestag des Mauerfalls. Die Geschichte der DDR und der Menschen, die dort lebten, scheint gerade für Schüler heute unglaublich weit weg zu sein.

Um den „Alltag“ in dem Unrechtsstaat näher zu bringen, besuchte Zeitzeugin Konstanze Helber jetzt das Gymnasium Neckartenzlingen. Sie berichtete dem vierstündigen Geschichtskurs der Jahrgangsstufe 12 sowie weiteren interessierten Schülern ihre Geschichte. Ihr Leben verlief alles andere als problemlos und viele Hürden musste sie schon während ihrer Schulzeit erkennen, bekämpfen oder kopfschüttelnd hinnehmen. So wurde sie beispielsweise nicht zugelassen, um ihr Abitur zu machen und später Medizin zu studieren. Nicht nur sie war unbequem, nicht systemkonform, auch der Vater, ein selbstständiger Handwerker, gab seine Selbstständigkeit nicht auf, indem er sich keiner Genossenschaft angliederte.

Einfach hinnehmen, was passierte, lag ihr jedoch noch nie und schon mit 14 Jahren stand für sie fest, dass sie die DDR verlassen möchte. Ein schwerwiegender Entschluss, der ihren Willen zeigte, ihren Weg jedoch ein paar Jahre später vorerst im Frauengefängnis Hoheneck enden lassen sollte.

Die Schüler lauschten gespannt ihren Erzählungen aus ihrer Schul- und Ausbildungszeit und schon dieser Abschnitt ihres Lebens enthielt so viel Unfassbares. Die Bedrohlichkeit des DDR-Systems wurde schließlich fast greifbar, als Kontanze Helber davon berichtete, wie sie letztendlich begann ihren mit 14 gefassten Entschluss in die Tat um zu setzen.

Nach gescheiterten Ausreiseanträgen, die bereits als strafbar galten, wagte sie den Fluchtversuch aus dem „großen Gefängnis DDR“. Sie nahm das beträchtliche Risiko in Kauf, um zu dem Mann zu kommen, den sie in einem Urlaub in Bulgarien kennen und lieben gelernt hatte, der in Westdeutschland zu Hause war und mit dem sie heute bereits 36 Jahre verheiratet ist.

Über eine Fluchthilfeorganisation, die im DDR-Jargon auch „Menschenhändlerbande“ genannt wurde, da viel Geld für die Flucht bezahlt werden musste, wagte sie im Januar vor genau 36 Jahren den Versuch – und scheiterte. Im Frauengefängnis Hoheneck – dem „dunklen Ort“ – musste sie über zwei Jahre Schikanen, Arbeitszwang, permanenten Schlafmangel und unvorstellbare hygienische Zustände über sich ergehen lassen, bis sie schließlich freigekauft und in die BRD entlassen wurde.

Die Schüler lauschten ihren Erzählungen mit großem Interesse aber auch Fassungslosigkeit. In diesem Gespräch wurde für sie deutlich, warum die DDR nicht einfach nur ein abstrakter Abschnitt deutscher Geschichte ist, sondern für viele Opfer des Regimes immer noch bittere Realität. Konstanze Helber konfrontierte die Schüler mit ihren Schilderungen von Hoheneck genauso wie mit den Hintergründen ihres „Scheiterns“ in der DDR und ihres Fluchtversuches - die Staatssicherheit war immer überall, selbst im Freundeskreis.

Erinnern soll man sich, nicht vergessen, Nachdenken und verarbeiten – was das wirklich heißt, zeigte sie den Schülern auf sehr eindrucksvolle Weise an ihrem eignen Weg der Auseinandersetzung.

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