Flucht aus der DDR

Neckartenzlingen.  Kürzlich waren die Autorinnen Hannelore Nissen und Constanze Nissen zu Besuch im Gymnasium, um aus ihrem bereits vergriffenen Buch "Zeit aus den Fugen - Dokument einer Flucht" vorzulesen.

Zahlreiche Schüler der Kursstufe des Neckartenzlinger Gymnasiums waren bei der Lesung der beiden Autorinnen anwesend und hörten aufmerksam zu.

Hannelore Nissen und ihr Mann führten in der ehemaligen DDR ein Leben, um welches sie von vielen beneidet wurden. Sie waren prominent und hatten beide Berufe, die ihnen das Reisen, auch in westliche Länder, ermöglichte. Trotzdem waren die geistige Einschränkung und die ständige Disziplinierung für sie unerträglich, weshalb sie die Flucht ihrer Kinder in die BRD planten, um zumindest ihnen ein freies Leben und ein Entfalten ihrer Persönlichkeit zu ermöglichen. Das Buch erzählt die Geschichte der Vorbereitung und der Flucht, zum einen aus der Sicht der Mutter und zum anderen aus der Sicht der Tochter.

Hannelore Nissen, die Mutter, schildert im Buch sehr deutlich die Vorbereitung der Flucht. Von der ersten Kontaktaufnahme mit dem Fluchthelfer über die Angst, der Plan könnte von der "Stasi" aufgedeckt werden, bis hin zu den letzen Vorbereitungen mit dem Packen der Reisetaschen.

Es wird deutlich, wie schwer es für die Eltern war, solch eine Entscheidung zu treffen, die eigenen Kinder einem Fremden anzuvertrauen und nicht zu wissen ob und wann man sie jemals wieder sehen kann.

Constanze Nissen, die Tochter, beschreibt den Ablauf der Flucht, die Angst und die Hoffnung, die sie und ihr Bruder erlebt haben. Angefangen vom auswendig lernen der neuen Persönlichkeit, die Treffen mit den verschiedenen Fluchthelfern um zu erfahren, wie es weiter geht, bis hin zur Katastrophe, als sie in Budapest im Zug auffliegen und von den ungarischen Behörden gefangen genommen und doch wieder freigelassen werden, mit der Aufforderung sofort wieder in den Osten zu fahren. Die Kontaktaufnahme mit den Eltern, um ihnen verschlüsselt mitzuteilen was passiert ist und wie es weiter geht und dann den zweiten, erfolgreichen Versuch.

Constanze Nissen schildert die Unterdrückung, die sie im Osten erfahren hat und die für sie mit zunehmender Reife und Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit und Meinung immer schlimmer wurde.

Der Höhepunkt war für sie endgültig erreicht, als man ihr Auflagen machte um studieren zu können und sie nicht mal studieren konnte, was sie wirklich wollte.

Sie schildert die Hoffnung, Anspannung und Angst, die sie während der Flucht durchmachte und auch die unglaubliche Erleichterung, als sie endlich im Westen angekommen waren.

Nach der erfolgreichen Flucht ihrer Kinder wurde das Leben für Hannelore Nissen und ihren Mann unerträglich. Die Stasi schikanierte sie, sie erhielten Morddrohungen, ihr Mann wurde als Volksverräter beschimpft. Daraufhin stellten sie einen Ausreiseantrag, der genehmigt wurde. Ihnen wurde die Staatsbürgerschaft der DDR entzogen und sie durften nur mitnehmen, was in ihr Auto passte.

Eigentlich hatten sie, was sie immer wollten, sie und ihre Kinder waren im Westen, doch Hannelore Nissen schreibt in ihrem Buch von einer Leere und Kraftlosigkeit, die sie fühlten. Sie hatten kein Zuhause mehr, sie mussten ihre Freunde und mit ihnen ihr komplettes altes Leben zurück lassen und wussten, dass sie nie wieder zurück kehren können.

Die Autorinnen möchten mit ihrem Buch den Menschen begreiflich machen, wie schrecklich die Unterdrückung der geistigen Freiheit, ständige Kontrolle und das Vorschreiben, was man zu Denken hat, sein kann. Dies kann dazu führen, dass Eltern ihre Kinder in ein Abenteuer schicken, von dem sie nicht wissen, ob es ein gutes Ende nehmen wird.

Das Buch zeigt auch, dass die Liebe der Eltern zu ihren Kindern soweit geht, dass diesen das Wohl und Glück der Kinder wichtiger ist, als ihr eigenes, und sie dafür alles in Kauf nehmen.


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