Der Wille zum Widerstand

Grabenstetten.  Gertrud Lutz widmeten Günter Randecker und Michael Horlacher bereits ein Buch. Nun lasen die Schauspieler Anke Bußmann und Eric van der Zwaag aus den Briefen der Widerstandskämpferin.

"Mein Gott, Grabenstetten ist mir doch wie ein kleines Paradies in Erinnerung" - diese Worte sind untrennbar mit der Widerstandskämpferin Gertrud Lutz verbunden, die am 30. November 1944 im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde.

Was Gertrud Lutz mit Grabenstetten verbunden hat, haben Günter Randecker und Michael Horlacher 2010 zum 100. Geburtstag der Widerstandskämpferin in ihrem Buch verarbeitet. Um die Erinnerung an die Gräuel des NS-Regimes weiterhin in Erinnerung zu halten, haben sie mit den Schauspielern Anke Bußmann und Eric van der Zwaag eine Lesungsreihe mit dem persönlichen Briefverkehr der Widerstandskämpferin ins Leben gerufen, die nun im Gemeindehaus in Grabenstetten zu hören und zu erleben war.

Die kleine Albgemeinde war die letzte Station eines bewegten Lebens in Freiheit. Nachdem Gertrud Lutz 1910 als Gertrud Schlotterbeck in Reutlingen geboren wurde, zog die Familie nach verschiedenen Stationen letztlich nach Untertürkheim, wo der Vater bei Daimler arbeitete. Der Arbeiterbewegung sowie der Kommunistischen Partei war Gertrud Schlotterbeck bereits durch ihre Familiengeschichte verbunden. War doch schon der Vater überzeugt von den Ideen von Karl Marx und Friedrich Engels.

Für die Familie Schlotterbeck zog diese Haltung immer wieder Probleme nach sich. Und auch Gertrud wurde bereits 1932 erstmals wegen des Verdachts der kommunistischen Zersetzung, wie es damals hieß, verhaftet und kurze Zeit später wieder freigelassen. Dennoch hielt die junge Frau an ihrer Überzeugung fest. Sie war vor allem nach der Machtergreifung der Nazis an der Verfassung von Schriften beteiligt, die erneut zu einer Verhaftung und der Verurteilung wegen der "Vorbereitung zum Hochverrat" gipfelte und nach der eigentlichen Strafe eine so genannte Schutzhaft im KZ Moringen bei Hannover nach sich zog.

Die Briefe, die Gertrud Schlotterbeck an ihre Familie schrieb beinhalten dabei keinerlei politische Aussage, was schon auf Grund der Zensur unmöglich gewesen wäre. Doch zeugte die Lesung am Dienstagabend davon, welche Alltagssorgen zu ertragen waren. Wenn Gertrud Schlotterbeck schrieb, die Eltern mögen ihr doch die älteste Unterwäsche schicken, weil neuere Sachen schon zu gut für die Haft seien, lassen sich die Umstände der Haft erahnen. Genauso bat die junge Frau ihre Eltern, sie sollten ihr neben Handarbeitszeug auch Lebensmittel schicken, denn das Essen habe sie bereits damals nur schwer bis gar nicht hinunterbekommen.

Nach ihrer Freilassung 1936 heiratete Gertrud Schlotterbeck zwei Jahre später den Forstassessor Walter Lutz. Trotzdem sollte ihr kein ruhiges Leben beschert sein. Im Jahr 1939 erfolgte die erneute Inhaftierung. Im Jahr 1942 wurde ihr Mann eingezogen, der später an der Ostfront ums Leben kam. Um den weiteren Kriegswirren und der verstärkten Bombardierung Stuttgarts zu entkommen, entschied sich Gertrud Lutz im Januar 1944 mit ihrer Tochter Wilfriede nach Grabenstetten zu ziehen.

Doch selbst dort holte sie die Arbeit im Widerstand gegen das NS-Regime, der sich die gesamte Familie Schlotterbeck verschrieben hatte, ein. Erneut folgte die Verhaftung und die Deportation ins KZ Dachau, wo sie am 30. November 1944 hingerichtet wurde. Nur die kleine Tochter Wilfriede durfte nach einigen Umwegen wieder zur Familie Keller nach Grabenstetten und blieb dort noch einige Zeit.

"Eine liebevoll sorgende Mutter", umschrieb dementsprechend Günter Randecker Gertrud Lutz. Gleichzeitig wurde ihr Widerstandswille deutlich. Schrieb sie doch: "Mit Zwang hat man noch keinen Menschen verändert." Und weil sie sich letztlich nicht dem Willen eines Unrechtsregimes beugen und nicht klein machen lassen wollte, kam neben den gut 50 Besuchern am Dienstagabend auch die Tochter Wilfriede Hess, geborene Lutz, um die Lesung zu verfolgen, dafür war sei eigens aus Berlin angereist.


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Autor: JAN ZAWADIL | 10.02.2012

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