Tragisches Ende eines Patriarchen

Blaubeuren.  Der Ulmer Unternehmer Adolf Merckle stand vor den Trümmern seiner unternehmerischen Lebensleistung und ist daran zerbrochen. Am Montag sah er keinen anderen Weg, als sich das Leben zu nehmen.

Das Wirtschaftsdrama um die finanziell schwer angeschlagene Merckle-Gruppe hat sich zur persönlichen Tragödie ausgewachsen: Für den Unternehmer Adolf Merckle, für seine Ehefrau Ruth, die vier Kinder Ludwig, Philipp, Tobias und Jutta sowie die acht Enkelkinder. Der 74-jährige Unternehmer nahm sich das Leben. Zuvor hatte er mit Vollmachten dafür gesorgt, dass er dadurch nicht die Sanierung seiner hochverschuldeten Unternehmensgruppe gefährdet.

In den Wochen zuvor hatten viele Medien über den in Finanznot geratenen Unternehmer aberwitzige und vielfach falsche Meldungen verbreitet. Den Höhepunkt dieses Medienrummels bildete der Bericht einer großen Boulevardzeitung, die Adolfs Sohn Tobias, der mit der Unternehmensgruppe nur am Rande zu tun hat, die Worte in den Mund legte: „Das war alles nur ein Spiel.“

Das erfundene Zitat war der journalistische Tiefpunkt in der Berichterstattung, die sich häufig aus einer seltsamen Mischung aus Schadenfreude und Häme zusammensetzte. Das muss den 74-Jährigen geschmerzt haben, der stets die Öffentlichkeit mied. Denn ein verantwortungsloser Zocker war er nie.

Trotz aller negativen Schlagzeilen zeigte sich Merckle noch Mitte Dezember optimistisch, eine Lösung für seine Gruppe zu finden. Das passte zu seinem Naturell. Denn Merckle ist Zeit seines Lebens ein Kämpfer gewesen, der hohe Ansprüche an sich und andere stellte. Von seinem Vater, der aus dem böhmischen Aussig vertrieben worden war und seine kleine Pharmafabrik in Blaubeuren ansiedelte, übernahm er ein Unternehmen, das mit 80 Mitarbeitern zwei Millionen Euro umsetzte. Binnen vier Jahrzehnten machte er daraus eine Unternehmensgruppe mit 100 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 33 Milliarden Euro. Ob bei der Gründung des Generikaherstellers Ratiopharm Anfang der 70er Jahre, der Bildung des Mannheimer Pharmagroßhändlers Phoenix Anfang der 90er Jahre oder der Übernahme des Baustoffkonzerns Heidelberg Cement: Mit dem richtigen Riecher für Entwicklungen, mit Durchsetzungskraft, Fleiß und erfolgreichen Wertpapiergeschäften mehrte der gewiefte Investor sein Vermögen und schuf tausende Arbeitsplätze. Merckle galt als sozial vorbildlicher und familienfreundlicher Arbeitgeber. Er war Mäzen, ohne darum viel Aufhebens zu machen.

Merckles Sparsamkeit und Bescheidenheit waren legendär. Zu offiziellen Anlässen kam er mit dem Fahrrad, in der Bahn fuhr er zweiter Klasse. Er lebte in bürgerlicher Normalität. Die Gewinne beließ er in seinen Unternehmen. Die Krise seiner Gruppe, die hohen Schulden, die riesigen Verluste, das muss der gebürtige Dresdner als Schmach empfunden haben.

Die Finanznot, in deren Folge sich die Familie nun mindestens von Heidelberg Cement und Ratiopharm wird trennen müssen, ist vor allem durch das kreditfinanzierte Engagement bei dem Baustoffkonzern ausgelöst worden. Das sollte den überteuerten Kauf des britischen Konkurrenten Hanson, der stark in den USA und im Kies-Sandgeschäft vertreten ist, finanzieren. Als Sicherheit für die Kredite wurden Aktien hinterlegt. Als der Börsenwert von Heidelberg Cement im Zuge der Finanzkrise und den schlechteren Aussichten auf dem Weltmarkt abstürzte, drängten die Banken auf zusätzliche Sicherheiten. Die Spekulationsverluste mit VW-Aktien, die in der Öffentlichkeit für viel Aufregung sorgten, waren dagegen nicht der Auslöser des Problems, sondern eine misslungene Rettungsaktion. Getreu dem Motto der Familie „Uns ist fremd, etwas aufzugeben“, zog sie aus ihrem weitverzweigten Imperium Geld zusammen, Merckle-Töchter gaben Darlehen, weitere Aktien wurden beliehen. Doch das alles half nichts gegen die Rasanz der Finanzkrise.

Nach Einschätzungen aus Bankenkreisen hat es lange gedauert, bis sich die Familie das Ausmaß ihres Liquiditätsproblems eingestanden hat. Denn Adolf Merckle wollte auch den Banken keine tiefen Einblicke in sein Firmengebilde gewähren. Doch mittlerweile bestimmen die fast 40 Kreditinstitute über die Zukunft von weiten Teilen seiner Unternehmensgruppe. Adolf Merckle, der stets gewohnt war, das Heft des Handelns in der Hand zu behalten, musste deren Forderungen zuletzt machtlos nachgeben.

Dass ihm das Schicksal seiner Unternehmen buchstäblich zu Herzen ging, wurde im März 2008 deutlich. Als er nach kontroversen Diskussionen in der Familie über die Zukunft der Unternehmensgruppe seinen zweitältesten Sohn Philipp als Ratiopharm-Chef abberief, fehlte er – schwer erkrankt – bei der öffentlichen Verkündung der Neuausrichtung der Unternehmensgruppe.

Seinen langjährigen engen Vertrauten Bernd Scheifele setzte er an die Spitze der Unternehmensgruppe. Doch die neue Holding-Struktur stand in erster Linie auf dem Papier. Den 50-jährigen Juristen, dem nichts schnell genug gehen kann, verbinden mit Adolf Merckle viele Gemeinsamkeiten und mehr als ein Jahrzehnt sehr erfolgreicher Zusammenarbeit, zuerst bei Phoenix, dann bei Heidelberg Cement. Beobachter meinen, Merckle hat zu sehr auf Scheifele gehört – auch bei der teuren und schnellen Expansion von Heidelcement, die die Krise ausgelöst hat.

Als diese sich zum Jahresende 2008 zuspitzte, kamen seine Kinder immer wieder nach Hause, um ihrem Vater moralisch den Rücken zu stärken. Dass der Familienmensch Merckle dennoch Selbstmord beging, lässt erahnen, wie ausweglos er seine Situationen empfunden haben muss.


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Autor: ALEXANDER BÖGELEIN | 04.01.2010

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