Ratiopharm vor dem Verkauf - eine Bestandsaufnahme

Ulm.  Die Konzerne Teva, Pfizer und Actavis wollen sich mit dem Kauf des Arzneimittelherstellers Ratiopharm stärken. Sie haben es bis ins Finale geschafft. Eine Chronologie und Bestandsaufnahme in Schlaglichtern.

Finalist 1
Ein Team des US-Konzerns Pfizer stellt am Freitag bei Ratiopharm einem Kreis von rund 50 Führungskräften seine Pläne vor. Der weltgrößte Pharmakonzern ist seit Anfang an im Rennen dabei um den Hersteller von Nachahmerpräparaten. Er steuert sein Deutschland-Geschäft aus seiner neuen Zentrale in Berlin und ist einer von drei Kaufkandidaten, die in der Endrunde stehen. Die US-Amerikaner galten bei vielen Ratiopharm-Mitarbeitern lange Zeit als Wunschkandidat. Sie haben jedoch eine Hypothek: Als sie 2009 den US-Konzern Wyeth übernahmen, zeigten sie sich wenig sensibel und schlossen auch deutsche Standorte, zum Beispiel Münster. Daher sorgen sich Mitarbeiter, dass zum Beispiel in der Ratiopharm-Verwaltung Stellen gestrichen werden könnten.

Mit einem Kauf von Ratiopharm will der forschende Arzneimittelhersteller seine Generika-Sparte ausbauen. Der Hintergrund: Bei Pfizer laufen in den nächsten Jahren patentgeschützte, äußerst umsatzstarke Medikamente aus. Damit drohen hohe Einbußen. Wie wichtig das Thema Ratiopharm für Pfizer ist, zeigt eines: Konzernchef Jeff Kindler kommt zur Präsentation der Pläne persönlich nach Ulm.

Finalist 2
Der israelische Teva-Konzern, Weltmarktführer für Nachahmerprodukte, hat bei der Vorstellung seiner Zukunftspläne vor einer Woche umfassende Zusagen zum Erhalt und Ausbau der Ratiopharm-Standorte in Ulm und Blaubeuren abgegeben. Er will Ulm zur Drehscheibe seines Europageschäfts ausbauen. Teva versucht seit Jahren – bisher weitgehend erfolglos – den Marktanteil in Deutschland, dem weltweit zweitgrößten Generika-Markt nach den USA, zu steigern. Mit Ratiopharm wäre Teva in Deutschland die Nummer zwei und in Europa die Nummer eins. Das wäre eine gute Basis für die ehrgeizigen Wachstumspläne in Europa.

Finalist 3
Während Pfizer und Teva ungemein ertrags- und kapitalstark sind, kämpft Actavis mit Problemen. Der isländische Konzern wurde vergangenes Jahr wie sauer Bier zum Kauf angeboten und steht Finanzkreisen zufolge bei der Deutschen Bank, seinem größten Gläubiger, mit bis zu 5,4 Mrd. in der Kreide. Um ihren Kredit zu retten, wolle die Deutsche Bank nun den Kauf von Ratiopharm finanzieren, heißt es. Doch solch ein teurer Plan rechnet sich nur, wenn in einem fusionierten Konzern Synergieeffekte gehoben, sprich Kosten gesenkt und Stellen abgebaut werden.

Dazu kommt: Die Deutsche Bank dürfte das Generika-Geschäft langfristig kaum zu ihrer Kernaufgaben zählen. Damit ist ein Börsengang beziehungsweise ein Verkauf des fusionierten Unternehmens programmiert. Damit gingen die Unsicherheiten für Ratiopharm und die Mitarbeiter in drei bis fünf Jahren von vorne los. Bisher hat Actavis im Finale seine Pläne nicht vorgestellt. Bei Actavis und der Deutschen Bank heißt es: kein Kommentar.

Die Ausgeschiedenen
Die Reihe der Interessenten, die sich Mitte September meldeten, ist lang. Dazu gehören neben forschenden Pharmaherstellern, Generika-Konzernen aus Frankreich, Osteuropa und Asien auch Finanzinvestoren. Die Erholung der Kapitalmärkte und das große strategische Interesse von Pharma- und Generikakonzernen haben den Preis auf rund 3 Mrd. nach oben getrieben. Damit bleibt Ratiopharm erspart, von Finanzinvestoren aufgekauft und in seine Einzelteile zerlegt zu werden.

Der Entscheider
Hans-Joachim Ziems ist einer der führenden Wirtschaftsanwälte der Republik. Seit März 2009 ist der Kölner Sanierungsexperte der „Chief Restructuring Officer“ der Ratiopharm-Muttergesellschaft VEM Vermögensverwaltung und damit als oberste Instanz verantwortlich für den Verkauf und die Entwirrung der vielfältigen Verknüpfungen von Ratiopharm zu dem restlichen Merckle-Firmengebilde.

Das Objekt der Begierde
Ratiopharm, nach der Sandoz/Hexal/1A-Pharma-Gruppe (geschätzter Marktanteil 35 Prozent) die Nummer zwei mit rund 23 Prozent Marktanteil im deutschen Generikamarkt, ist glänzend aufgestellt, arbeitet hocheffizient und ist Deutschlands bekannteste Arzneimittelmarke. Das durch die Rabattverträge der Krankenkasse unter die Schmerzgrenze gedrückte Preisniveau für Generika gleicht das 1973 gegründete Unternehmen durch ertragreiches Wachstum im Ausland aus. Operativ hatte Ratiopharm trotz der Finanzkrise der VEM zu keiner Zeit Probleme.

Die Mitarbeiter
Trotz aller Unsicherheiten legten sich die aktuell 4720 Beschäftigten, davon 2252 in Ulm und Blaubeuren-Weiler, ins Zeug. Chefsanierer Ziems lobte die Beschäftigten erst unlängst für ihr professionelles Verhalten und deren enge emotionale Bindung zum Unternehmen. Das habe bei den potenziellen Investoren einen positiven Eindruck hinterlassen.

Die Banken
Sie waren im Spätsommer 2008 angesichts ihrer unbesicherten Forderungen an die Merckle-Muttergesellschaften nervös geworden und verpflichteten Anfang Januar 2009 die Familie Merckle zum Verkauf von Ratiopharm, um die Schulden der VEM Vermögensverwaltung zu tilgen.

Die Ursache der Finanzklemme
Ratiopharm-Gründer Adolf Merckle finanzierte im Januar 2008 eine Kapitalerhöhung für den Baustoffkonzern Heidelberger Cement über zwei Mal rund 500 Mio. auf Kredit, die er mit Heidelcement-Aktien besicherte. In der Finanzkrise stürzte der Akienkurs dramatisch ab, die Banken forderten Nachschüsse und vorzeitige Kredittilgungen in einer Höhe, die die Liquidität Merckles überstiegen.

Das Vermächtnis
Adolf Merckle nahm sich am 5. Januar 2009 das Leben, aus dem Gefühl der Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, und wegen des Eindrucks, er müsse zuschauen, wie die Banken sein Lebenswerk zerschlagen. Adolf Merckle und seine Frau Ruth waren soziale Arbeitgeber und waren/sind emotional eng mit Ratiopharm verbunden. Neben dem Kaufpreis, der ausreicht, damit Alleinerbe Ludwig Merckle die Verbindlichkeiten der VEM tilgen kann, steht nun auch im Vordergrund, den Käufer zu finden, der am besten zu Ratiopharm passt.


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Autor: ALEXANDER BÖGELEIN | 04.03.2010

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