Philipp Merckle: „Gigantomanie war Gesetz“

Blaubeuren.  Großes ist nicht automatisch gut, sagt der Unternehmer Philipp Daniel Merckle. Er ärgert sich über die Störfeuer bei der Gruschwitz AG und erzählt seine Sicht der Merckle-Krise.

Sie haben dem „Spiegel“ ein Interview gegeben, das manche Medien als Abrechnung mit ihrem verstorbenen Vater werteten. War es das?

DR. PHILIPP DANIEL MERCKLE: Nein, war es selbstverständlich nicht. Das ist für Außenstehende vielleicht schwierig zu verstehen. Mich schmerzt, dass mein Vater trotz vieler sehr deutlicher Auseinandersetzungen zum Schluss nicht auf einen klaren Weg zurückgefunden hat. Er bleibt immer mein Vater; auch in meinem Herzen, aber ich muss mit der Situation in neuer Generation aktiv als Unternehmer zurechtkommen.

Meinen Sie damit, dass er als Pharmaunternehmer ein verschachteltes Firmengebilde schuf, dann noch den Baustoffkonzern Heidelberg Cement auf Kredit kaufte und damit die Krise auslöste?

MERCKLE: Es gab vieles, auf das mein Vater stolz hätte zurückblicken können, zahlreiche Erfolge. Ich glaube, es wäre besser für ihn und auch für die Familie gewesen, wenn man die bestehenden Unternehmen geordnet und auf neuer Basis weitergeführt hätte, sauber getrennt. Es hätte viel zu regeln gegeben, bevor man in das nächste Thema hineingaloppiert. Aber Gigantomanie war Gesetz.

Bemängeln Sie, dass er das Wachstum der Merckle-Gruppe mit Fremdkapital finanzierte?

MERCKLE: Die Frage ist doch, was hätte der Kauf von Heidelberg Cement und dem britischen Baustoffkonzern Hanson der Familie bringen sollen? Ich finde, man darf als Unternehmer nicht den Kern seines Geschäftszwecks aus den Augen verlieren und sich nicht in Abhängigkeiten und Konstruktionen begeben, die man nicht mehr steuern kann. In diesem verschachtelten Firmengebilde war das der Fall. Das zeigt ja auch die jetzige Situation. Ich empfinde sie als desaströs.

Ist das Kritik an dem allgemeinen Drang nach Größe in der Wirtschaft?


MERCKLE: Wenn etwas groß ist, ist es doch nicht automatisch gut. Diese verhängnisvolle Illusion ist in Deutschland immer noch weit verbreitet. Doch die Finanzkrise hat deutlich gemacht, dass die Größe von Unternehmen nur eine Scheinsicherheit bietet. Wir müssen die bisherigen Forderungen nach Wachstum und Rendite überdenken. Die Finanz- und Wirtschaftskrise darf man nicht als Betriebsunfall abtun. Wenn wir daraus nichts gelernt haben, machen wir künftig die gleichen Fehler wieder.

Gab es Ende des Jahres 2008 in der Familie Diskussionen über eine Neuausrichtung der Gruppe?


MERCKLE: Ende des Jahres war es schon nicht mehr möglich, in dem Sinne zu gestalten oder Themen umzusetzen. Auch wenn mein Vater zu diesem Zeitpunkt bereits bereit gewesen war, verschiedene Dinge zu ändern und sich in einigen Punkten gewünscht hätte, manches anders gemacht zu haben.

Sie sind damals zu Ihrer Familie auf Distanz gegangen und betonten, Sie wollten unternehmerisch eigene Wege gehen.

MERCKLE: Es ist ja nicht so, dass ich mich zu Lasten der Familie abgegrenzt habe. Ich habe auf der einen Seite in der Krise auch erhebliche Vermögenswerte als Sicherheit für die Banken abgegeben. Auf der anderen Seite war es für mich wichtig zu sagen, es gibt Punkte, die ich nicht aufgeben will. Ich möchte als Unternehmer gestalten. Nur so geht es weiter – und zwar gut und integer weiter. Die Gesellschaft braucht sichtbares Vorgehen.

Damit sprechen Sie unter anderem ihr Engagement als Mehrheitsaktionär bei der Gruschwitz Textilwerke AG an.

MERCKLE: Ich habe mich in der Folge in erster Linie bei zwei Unternehmen beteiligt und engagiert: der Villi Glas (Kärnten) und der Gruschwitz (Leutkirch). Dies aus Überzeugung.

Führte die Herauslösung von Unternehmensteilen nur zum Bruch auf wirtschaftlicher Ebene mit Ihrer Familie?

MERCKLE: Wir sind uns nicht immer einig – aber ich hoffe sehr, dass die saubere Trennung nun zu wieder verständigeren Gesprächen führt.

Als Ratiopharm-Chef waren Sie verantwortlich für ein großes Unternehmen. Nun sitzen Sie in den Aufsichtsgremien kleinerer Firmen. Schmerzt Sie dieser Rückschritt?

MERCKLE: Das was mir wichtig ist, hängt nicht ab von der Größe des Unternehmens. Mich schmerzt es allerdings, dass ich meine Vorstellungen in einem Unternehmen nicht umsetzen konnte, das sichtbare Integrität so sehr gebraucht hätte. Meine Grundeinstellung hat die Enttäuschung durch die Ratiopharm keineswegs geändert. Ich will umsetzen, was mir wichtig ist und mich an meinen eigenen Aussagen und am eigenen Handeln messen lassen.

In den Ex-Gruschwitz-Chef Marc Lorch hatten Sie kein Vertrauen?

MERCKLE: Die Gruschwitz war früher ein anonymes Unternehmen in der Merckle-Gruppe. Ich habe 76 Prozent der Aktien bewusst persönlich übernommen um für Transparenz zu sorgen und glaube sehr an die Entwicklungschancen der Gruschwitz: Mit einem echten Eigentümer, der genauer hinschaut, wie Dinge umgesetzt werden und einer Mannschaft, die im Grunde genommen prima ist. Dem damaligen Vorstand Marc Lorch war diese deutliche Durchdringung nicht geheuer und er agierte auf keine gute Weise, um mich zu unterlaufen. Daher habe ich ihm nach mehreren persönlichen Gesprächen die Zusammenarbeit gekündigt.

Mit Herrn Lorch ging dessen Vertrauter, der Finanzvorstand Manfred Thumm, gleich mit.

MERCKLE: Und das ohne jede Rücksprache in einer schwierigen Phase des Unternehmens. Herr Thumm hat sich zunächst mir gegenüber über die Maßen loyal verhalten.

Der Kurs der Gruschwitz AG, an der Sie rund 76 Prozent halten, ist eingebrochen. Die Taurus AG und ein Kleinaktionär üben scharfe Kritik: Beide wollen Sie als Aufsichtsratsmitglied abberufen?


MERCKLE: Das sind nichts als Störfeuer. Man beschäftigt sich hier gefährlicherweise nicht mit Inhalten. Angesichts der Krise in der Autobranche wäre es viel wichtiger, dass die Gruschwitz, deren Umsatz zur Hälfte am Autogeschäft hängt, sich neue Geschäftsfelder erschließt und neue Produkte in der Medizintechnik entwickelt. Solche Innovationen sind verschlafen worden. Ich habe deswegen sehr rasch einen neuen Mann aus Österreich geholt.

Es wird also nächsten Dienstag eine turbulente Hauptversammlung geben mit einer Reihe von Vorwürfen: zum Beispiel Ungereimtheiten an der Einstellung des neuen Vorstandes und an der Abrechnung von Ausgaben für Workshops?


MERCKLE: Das sind blödsinnige Vorwürfe, die von eigenen Versäumnissen ablenken sollen. Manchmal kommt es mir vor, als ob diese Störfeuer von einem Geflecht gezielt gestreut würden. Etliche Berufskläger haben sich eine Aktie gekauft und werden zur Hauptversammlung kommen. Die Motivation, mit einem solchen Vorgehen Ängste unter Mitarbeiter zu schüren und eine Firma lahmzulegen, wo es doch in der Krise darum geht, Arbeitsplätze zu erhalten, kann ich nicht nachvollziehen. Ich finde das beschämend.

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Autor: ALEXANDER BÖGELEIN | 04.01.2010

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