Merckle gibt Ratiopharm ab

Ulm.  Die Banken gewähren der hoch verschuldeten Merckle-Gruppe einen Überbrückungskredit. Im Gegenzug gibt die Familie Ratiopharm zum Verkauf frei.

Die finanziell schwer angeschlagene Merckle-Gruppe trennt sich von ihrem Kernunternehmen, dem Ulmer Arzneimittelhersteller Ratiopharm. Damit gibt die Ulmer Unternehmerfamilie dem Drängen der Banken nach.

Zugleich gewähren die fast 40 kreditgebenden Banken der hoch verschuldeten Merckle-Dachgesellschaft VEM Vermögensverwaltung (Dresden) einen Überbrückungskredit, der nach Informationen der SÜDWEST PRESSE zwischen 400 Millionen und 500 Millionen Euro betragen soll. Der Liquiditätsengpass der Merckle-Gruppe konnte damit abgewendet werden. „Wir sind sehr froh, eine Lösung gefunden zu haben“, sagte Ludwig Merckle, der wochenlang mit den Banken um den Kredit gerungen hatte.

In dem rund 200-seitigen Vertragswerk haben sich Banken und die Familie auf das weitere Vorgehen und den entsprechenden Zeitrahmen geeinigt. Dabei wird es zu einer grundlegenden Neustrukturierung der Merckle-Gruppe kommen, bestätigte die VEM. Die Familie wird sich von weiteren wesentlichen Beteiligungen, beispielsweise am Baustoffkonzern Heidelberg Cement, trennen müssen.

Teil der Vereinbarung ist auch, dass sich Ludwig Merckle aus der Geschäftsführung der VEM, der Muttergesellschaft von Ratiopharm, zurückziehen muss. Damit erfüllt die Familie eine weitere Bedingung der Banken für den Sanierungskredit, verliert aber den unmittelbaren Einfluss auf Deutschlands zweitgrößten Hersteller von Nachahmerpräparaten (Generika), der als das Herz der Firmengruppe gegolten hatte. Nach dem Tod des Firmenpatriarchen Adolf Merckle, der sich das Leben genommen hatte, und dem Rückzug seines Sohnes Ludwig verbleibt Ratiopharm-Finanzchefin Susanne Frieß als einzige Geschäftsführerin der VEM.

In einem nächsten Schritt werden die Banken und die Familie gemeinsam einen Treuhänder berufen, der den Verkaufsprozess von Ratiopharm begleiten soll, sagte ein VEM-Sprecher. Bis Ende März soll seinen Worten zufolge die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ein Sanierungsgutachten vorlegen und den Wert der Merckle-Unternehmen ermitteln. Damit werde der monatelange Verkaufsprozess wohl nicht vor April beginnen.

Als ernsthafte Interessenten gelten in der Branche die forschenden Arzneimittelhersteller Sanofi-Aventis (Frankreich) und Pfizer (USA) sowie der israelische Generika-Weltmarktführer Teva, der auf Wachstum durch Zukäufe setzt.

Am Ratiopharm-Sitz Ulm und Blaubeuren reagierten gestern viele Mitarbeiter bestürzt auf den Freitod von Adolf Merckle.

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Autor: ALEXANDER BÖGELEIN | 04.01.2010

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