Kampf um die Pharma-Zukunft

Ulm.  Der harte Bieterkampf um den Ulmer Arzneimittelhersteller Ratiopharm macht eine neue Richtung auf dem Pharmamarkt deutlich. Ob für forschende Hersteller oder Nachahmer: Ratiopharm ist sehr interessant.

Seit Tagen spekulieren Medien vermehrt über die Bieter in der Endrunde um Ratiopharm. Ende der Woche sollen die Interessenten, die es in die Finalrunde geschafft haben, ihre konkreten Angebote vorlegen. Der so genannte Rechtsübergang auf den Käufer ist für den 1. April fest eingeplant.

Das "Handelsblatt" sieht den US-Konzern Pfizer und den Generika-Weltmarktführer Teva vorne, eine andere Zeitung Teva und Sanofi-Aventis. Vertreter aller drei Konzerne hatten aber auch schon erklärt beziehungsweise signalisiert, sie hätten kein Interesse an dem Arzneimittelhersteller, der rund 5000 Mitarbeiter beschäftigt, davon 2300 in Ulm und Blaubeuren. Branchenexperten sehen solche Dementis in Kaufverhandlungen freilich auch als taktische Manöver.

Was bei all diesen Gerüchten in den Hintergrund gerät: Aller Voraussicht nach wird der Kaufpreis für Ratiopharm ausreichen, um die restlichen Schulden der Merckle-Gruppe im Wesentlichen zu tilgen. Daher kommen Alleinerbe Ludwig Merckle und seiner Mutter Ruth, entscheidende Bedeutung zu. Die Unternehmerfamilie, die mit Ratiopharm emotional eng verbunden ist und dort beispielhafte soziale Leistungen eingeführt hat, legt Wert darauf, dass der Käufer zu Ratiopharm passt und die Standorte in der Region erhalten bleiben. Das war in den vergangenen Monaten aus informierten Kreisen zu hören.

Der künftige Besitzer darf sich indes darüber freuen, den Spezialisten für Nachahmermedikamente zu guten Konditionen zu erwerben. Denkt man zurück an D-Mark-Zeiten, als der Marktwert des deutschen Generika-Pioniers auf 20 Mrd. DM veranschlagt wurde, oder an den Kauf von Hexal (Holzkirchen) samt der US-Firma Eon Labs durch den Schweizer Pharmariesen Novartis für 5,65 Mrd. EUR vor fünf Jahren, ist der aktuelle Kaufpreis für Ratiopharm vergleichsweise niedrig.

Im vergangenen Jahr war von 2 bis maximal 3 Mrd. EUR die Rede. Dass der Preis nun wieder an der oberen Grenze liegen soll, hat mit grundsätzlichen Entwicklungen auf dem Pharmamarkt zu tun und damit, dass sich die Bedingungen auf dem Kapitalmarkt verbessert haben.

Zudem steht der profitabel arbeitende Arzneimittelhersteller gut da. Er war nur durch die Finanzprobleme der Merckle-Muttergesellschaft VEM Vermögensverwaltung Ende 2008 in den Krisenstrudel gezogen worden. Die Familie musste sich gegenüber den Banken verpflichten, sich vom Kern ihrer Unternehmensgruppe zu trennen, um die Schulden zu verringern. Im vergangenen Jahr erzielte das Ulmer Unternehmen einen Umsatz von 1,6 Mrd. EUR (ohne die schweizerische Mepha). Das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen lag bei rund 300 Mio. EUR. Das ist ein Verdienst von Ratiopharm-Chef Oliver Windholz, der vor zwei Jahren Philipp Merckle an der Spitze ablöste. Er straffte die Organisation, optimierte Abläufe und verringerte die Lagerbestände und somit die Bindung von Kapital. Letzteres tat er so stark, dass manche Ratiopharm-Mitarbeiter darüber witzeln: "Wir sind das erste Unternehmen, das ohne Lagerbestände verkauft wird."

Vor allem im europäischen Ausland wächst Ratiopharm stark und profitabel. In Indien verfügt das Unternehmen über einen kleinen Forschungs- und Fertigungsstandort, der bisher vor allem dazu dient, neue Produkte zu entwickeln, deren Patente auslaufen.

In Deutschland liegt Ratiopharm mit einem geschätzten Marktanteil von mehr als 20 Prozent zwar hinter Sandoz/Hexal auf Platz zwei, ist aber die meistverkaufte deutsche Arzneimittelmarke. Obendrein hat der Generika-Spezialist in den vergangenen Jahren dreistellige Millionenbeträge in die Forschung und den Aufbau einer biotechnologischen Fertigung investiert. Die Wirkstoffe, die ausgehend von gentechnisch veränderten Hamsterzellen hergestellt werden, sind keine Nachahmer-Produkte mehr. Dazu sind die Prozesse zu vielschichtig. Derzeit liegt der Markt für Biosimiliars in den westlichen Ländern bei 300 Mio. US-Dollar im Jahr, bis 2016 wird er nach Angaben der Unternehmensberatung AT & Kearney auf 3,4 Mrd. Dollar steigen.

Von solchen Aussichten können etliche Pharmakonzerne nur träumen. Die erfolgsverwöhnte Branche sorgt sich wegen der Patentabläufe wichtiger Medikamente. Der AT & Kearney-Pharmaexperte Thilo Kaltenbach sagt: "Wir erwarten, dass bis 2014 bei den weltweiten Top fünf Pharmakonzernen Arzneimittel im Wert von rund 40 Prozent des Gesamtumsatzes patentfrei werden und damit durch generischen Wettbewerb bedroht sind." 2008 haben diese Pharmagrößen einen Umsatz von 200 Mrd. US-Dollar erzielt. Das heißt aus Sicht dieser forschenden Hersteller: 40 Mrd. Dollar Umsatz sind bedroht.

Erschwerend hinzu kommen vier Trends, die das herkömmliche Geschäftsmodell der internationalen Pharmariesen bedrohen: Die Staaten wollen die Kosten in den Gesundheitssystemen senken.

Manche Konzerne verfügen über zu wenig hoffnungsvolle Präparate, um ihren Umsatz, geschweige denn ihr Wachstum, zu halten.

Es sind die Gesundheitsmärkte der Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien, die starkes Wachstum versprechen. Doch sind patentgeschützte Medikamente dort immer noch zu teuer. Wer dort wachsen will, braucht Generika, quasi als Einstieg.

Auch wird die Konkurrenz durch Generikakonzerne immer heftiger. Diese wirkstoffgleichen Kopien von Originalprodukten sind in der Regel ein pharmazeutisches Massengut. Daher streben Generika-Anbieter wie Teva nach Größe. Denn Mengeneffekte und kostengünstige Strukturen bestimmen den Erfolg.


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Autor: ALEXANDER BÖGELEIN | 01.02.2010

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