Adolf Merckle: „Wir haben nie gezockt“
Ulm. Die Unternehmensgruppe von Adolf Merckle ist schwer angeschlagen. Gegenüber der SÜDWEST PRESSE äußerte er sich aber zuversichtlich, dass er mit Banken-Hilfe das Ruder noch herumreißen könnte.
Herr Merckle, Sie machen seit Wochen Schlagzeilen. Wie kann es passieren, dass ein Milliardär in einen Liquiditätsengpass gerät?
ADOLF MERCKLE: Der Liquiditätsengpass der VEM Vermögensverwaltung GmbH ist in unmittelbarem Zusammenhang mit der allgemeinen Finanzmarktkrise zu sehen. Wir haben über die VEM VV unter anderem Kapitalerhöhungen der Heidelberg Cement ermöglicht und damit Heidelberg Cement zu einem der erfolgreichsten Baustoffkonzerne der Welt gemacht. Diese Kapitalerhöhungen wurden zum Teil mit Krediten finanziert. Für diese Kredite haben wir Aktien als Sicherheiten hinterlegt. Dies hat in den letzten Jahrzehnten hervorragend funktioniert.
Was lief denn letztlich mit Ihrer Strategie schief?
MERCKLE: Vor der Finanzmarktkrise konnten wir nicht vorhersehen, dass der Abschwung an den Weltbörsen die Aktienkurse so drastisch sinken lässt. Folge ist, dass der Wert der Sicherheiten, welche die VEM VV bei den Banken hinterlegt hat, geschmälert wurde. Nun fordern die kreditgebenden Banken kurzfristig höhere Garantien beziehungsweise Kredittilgungen. Dadurch wurde die Liquiditätskrise bei der VEM VV ausgelöst.
Sie haben in Ihrem Leben schon mehrfach außergewöhnliche unternehmerische Entscheidungen getroffen. Wie beurteilen Sie Ihr Engagement beim Baustoffkonzern Heidelberg Cement aus heutiger Sicht?
MERCKLE: Wir haben schon immer hauptsächlich an die Firmen gedacht. Seit Jahren belassen wir sämtliche Gewinne in den Unternehmen.So auch bei Heidelberg Cement. Dies ist heute ein sehr erfolgreiches Unternehmen mit einem wettbewerbsfähigen Geschäftsmodell. Heidelberg Cement hat dieses Jahr ein hervorragendes Ergebnis erzielt, und auch die Szenarien für das nächste Jahr sehen sehr gut aus.
Dennoch gibt es jetzt Probleme.
MERCKLE: Die Wertpapiergeschäfte, mit denen wir diese positive Entwicklung ermöglicht haben, haben über Jahrzehnte funktioniert. Sie waren solide kalkuliert, so dass immer alle beteiligten Parteien – unsere Beteiligungsunternehmen und auch die Banken – davon profitiert haben. Das Problem ist die Finanzmarktkrise. Jetzt funktionieren Instrumente, die vorher gelobt wurden, nicht mehr. Zudem haben wir Entwicklungen gesehen, die fundamental nicht gerechtfertigt sind. Das Ausmaß der Finanzkrise hat keiner vorausgesehen. Auch ich nicht.
Wie ist der Stand der Verhandlungen? Wie weit gehen die Forderungen der Banken für einen Überbrückungskredit, den Sie dringend benötigen?
MERCKLE: Wir haben am Montag den Banken ein neues Angebot unterbreitet. Die Banken haben weitreichende Sicherheiten eingefordert. Wir sind bereit, ihnen alle Anteile an Ratiopharm, Heidelberg Cement und dem Pharma-Großhändler Phoenix als Sicherheit zu geben – auch die aus unserem Privatvermögen – wenn sie uns im Gegenzug die notwendigen Kredite zur Verfügung stellen.
Vielen Ratiopharm-Mitarbeitern und Pensionären, die sich der Familie Merckle eng verbunden fühlen, erscheint ein Verkauf des Generika-Herstellers noch immer absolut unvorstellbar. Welche Konsequenzen hätte der Verkauf?
MERCKLE: Es geht darum, einen Kredit zur Stabilisierung der Liquiditätssituation der VEM VV auf der Ebene der Holdinggesellschaft zu erhalten. Das Ziel unserer Familie war es immer, die operativen Beteiligungsunternehmen mit ihren Geschäftsmodellen wettbewerbsfähig aufzustellen. Das ist uns gelungen. Insofern sind wir zuversichtlich und auch die aktuellen Geschäftsprognosen zeigen dies, dass die Zukunft der Beteiligungsunternehmen positiv zu bewerten ist. Wir sind auch unseren Mitarbeitern sehr verbunden. Den bisherigen Erfolg haben wir vor allem ihnen zu verdanken. Wir freuen uns über die enge Verbundenheit der Mitarbeiter und Pensionäre und dass sie auch in dieser schweren Zeit zu uns stehen.
Die Tatsache, dass Sie eine Landesbürgschaft angestrebt haben, in Verbindung mit den Spekulationsverlusten der VEM VV mit VW-Optionen, wurde in vielen Medien hämisch aufgegriffen. Wie sehr schmerzt Sie der Vorwurf, zuerst zu zocken und anschließend den Staat um Hilfe zu rufen?
MERCKLE: Es schmerzt schon, dass in solchen Zeiten wie der jetzigen Finanzkrise die öffentliche Meinung über Handlungen und Personen schlagartig umschwingen kann. Plötzlich werden Dinge, die zuvor sehr positiv bewertet wurden, scharf kritisiert.
Was zum Beispiel?
MERCKLE: Wir haben nie spekuliert, nie gezockt. Das Wertpapiergeschäft unserer VEM VV hat jahrelang dazu gedient, das Wachstum derBeteiligungsunternehmen zu ermöglichen. Und alle waren zufrieden damit. Keiner hat daran gezweifelt, dass dies der richtige Weg ist, weil Arbeitsplätze geschaffen wurden und zur Entwicklung der Regionen beigetragen wurde. Darum ging es auch bei der Landesbürgschaft. Wir wollten ja kein Geschenk des Landes Baden-Württemberg. Wir wollten, dass Unternehmen, die in Baden-Württemberg Arbeitsplätze schaffen, stabilisiert werden. Wir haben immer in den Standort Ulm investiert. Unsere Mitarbeiter hier sind exzellent ausgebildet und hochmotiviert. Vor allem ihretwegen haben wir um die Landesbürgschaft gebeten.
Ihr Sohn Philipp, der bis März den Generikahersteller Ratiopharm leitete, hat sich gegenüber der SÜDWEST PRESSE kürzlich sehr kritisch zur Geschäftspolitik der vergangenen Jahre geäußert. Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Gefahr, dass die Krise die Familie spaltet?
MERCKLE: Das kam vollkommen falsch herüber. Unter Philipps Führung hatte Ratiopharm das beste Ergebnis seit Jahren erwirtschaftet. Die öffentlichen Gerüchte um die Gründe für die Abgabe der operativen Führung stimmen nicht.
Was waren dann die Gründe für den Wechsel an der Ratiopharm-Spitze?
MERCKLE: Philipp wollte sich wirtschaftlich trennen und selbstständige Wege gehen. Das unterstütze ich. Er hat Anteile der Gruschwitz AG gekauft. Diese Anteile sind in seinem Privatvermögen und haben mit der VEM VV nichts zu tun. Somit ist die Gruschwitz AG von der Liquiditätskrise bei der VEM VV überhaupt nicht betroffen. Bei den Äußerungen von Philipp ging es ihm darum, dies klarzumachen.
ADOLF MERCKLE: Der Liquiditätsengpass der VEM Vermögensverwaltung GmbH ist in unmittelbarem Zusammenhang mit der allgemeinen Finanzmarktkrise zu sehen. Wir haben über die VEM VV unter anderem Kapitalerhöhungen der Heidelberg Cement ermöglicht und damit Heidelberg Cement zu einem der erfolgreichsten Baustoffkonzerne der Welt gemacht. Diese Kapitalerhöhungen wurden zum Teil mit Krediten finanziert. Für diese Kredite haben wir Aktien als Sicherheiten hinterlegt. Dies hat in den letzten Jahrzehnten hervorragend funktioniert.
Was lief denn letztlich mit Ihrer Strategie schief?
MERCKLE: Vor der Finanzmarktkrise konnten wir nicht vorhersehen, dass der Abschwung an den Weltbörsen die Aktienkurse so drastisch sinken lässt. Folge ist, dass der Wert der Sicherheiten, welche die VEM VV bei den Banken hinterlegt hat, geschmälert wurde. Nun fordern die kreditgebenden Banken kurzfristig höhere Garantien beziehungsweise Kredittilgungen. Dadurch wurde die Liquiditätskrise bei der VEM VV ausgelöst.
Sie haben in Ihrem Leben schon mehrfach außergewöhnliche unternehmerische Entscheidungen getroffen. Wie beurteilen Sie Ihr Engagement beim Baustoffkonzern Heidelberg Cement aus heutiger Sicht?
MERCKLE: Wir haben schon immer hauptsächlich an die Firmen gedacht. Seit Jahren belassen wir sämtliche Gewinne in den Unternehmen.So auch bei Heidelberg Cement. Dies ist heute ein sehr erfolgreiches Unternehmen mit einem wettbewerbsfähigen Geschäftsmodell. Heidelberg Cement hat dieses Jahr ein hervorragendes Ergebnis erzielt, und auch die Szenarien für das nächste Jahr sehen sehr gut aus.
Dennoch gibt es jetzt Probleme.
MERCKLE: Die Wertpapiergeschäfte, mit denen wir diese positive Entwicklung ermöglicht haben, haben über Jahrzehnte funktioniert. Sie waren solide kalkuliert, so dass immer alle beteiligten Parteien – unsere Beteiligungsunternehmen und auch die Banken – davon profitiert haben. Das Problem ist die Finanzmarktkrise. Jetzt funktionieren Instrumente, die vorher gelobt wurden, nicht mehr. Zudem haben wir Entwicklungen gesehen, die fundamental nicht gerechtfertigt sind. Das Ausmaß der Finanzkrise hat keiner vorausgesehen. Auch ich nicht.
Wie ist der Stand der Verhandlungen? Wie weit gehen die Forderungen der Banken für einen Überbrückungskredit, den Sie dringend benötigen?
MERCKLE: Wir haben am Montag den Banken ein neues Angebot unterbreitet. Die Banken haben weitreichende Sicherheiten eingefordert. Wir sind bereit, ihnen alle Anteile an Ratiopharm, Heidelberg Cement und dem Pharma-Großhändler Phoenix als Sicherheit zu geben – auch die aus unserem Privatvermögen – wenn sie uns im Gegenzug die notwendigen Kredite zur Verfügung stellen.
Vielen Ratiopharm-Mitarbeitern und Pensionären, die sich der Familie Merckle eng verbunden fühlen, erscheint ein Verkauf des Generika-Herstellers noch immer absolut unvorstellbar. Welche Konsequenzen hätte der Verkauf?
MERCKLE: Es geht darum, einen Kredit zur Stabilisierung der Liquiditätssituation der VEM VV auf der Ebene der Holdinggesellschaft zu erhalten. Das Ziel unserer Familie war es immer, die operativen Beteiligungsunternehmen mit ihren Geschäftsmodellen wettbewerbsfähig aufzustellen. Das ist uns gelungen. Insofern sind wir zuversichtlich und auch die aktuellen Geschäftsprognosen zeigen dies, dass die Zukunft der Beteiligungsunternehmen positiv zu bewerten ist. Wir sind auch unseren Mitarbeitern sehr verbunden. Den bisherigen Erfolg haben wir vor allem ihnen zu verdanken. Wir freuen uns über die enge Verbundenheit der Mitarbeiter und Pensionäre und dass sie auch in dieser schweren Zeit zu uns stehen.
Die Tatsache, dass Sie eine Landesbürgschaft angestrebt haben, in Verbindung mit den Spekulationsverlusten der VEM VV mit VW-Optionen, wurde in vielen Medien hämisch aufgegriffen. Wie sehr schmerzt Sie der Vorwurf, zuerst zu zocken und anschließend den Staat um Hilfe zu rufen?
MERCKLE: Es schmerzt schon, dass in solchen Zeiten wie der jetzigen Finanzkrise die öffentliche Meinung über Handlungen und Personen schlagartig umschwingen kann. Plötzlich werden Dinge, die zuvor sehr positiv bewertet wurden, scharf kritisiert.
Was zum Beispiel?
MERCKLE: Wir haben nie spekuliert, nie gezockt. Das Wertpapiergeschäft unserer VEM VV hat jahrelang dazu gedient, das Wachstum derBeteiligungsunternehmen zu ermöglichen. Und alle waren zufrieden damit. Keiner hat daran gezweifelt, dass dies der richtige Weg ist, weil Arbeitsplätze geschaffen wurden und zur Entwicklung der Regionen beigetragen wurde. Darum ging es auch bei der Landesbürgschaft. Wir wollten ja kein Geschenk des Landes Baden-Württemberg. Wir wollten, dass Unternehmen, die in Baden-Württemberg Arbeitsplätze schaffen, stabilisiert werden. Wir haben immer in den Standort Ulm investiert. Unsere Mitarbeiter hier sind exzellent ausgebildet und hochmotiviert. Vor allem ihretwegen haben wir um die Landesbürgschaft gebeten.
Ihr Sohn Philipp, der bis März den Generikahersteller Ratiopharm leitete, hat sich gegenüber der SÜDWEST PRESSE kürzlich sehr kritisch zur Geschäftspolitik der vergangenen Jahre geäußert. Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Gefahr, dass die Krise die Familie spaltet?
MERCKLE: Das kam vollkommen falsch herüber. Unter Philipps Führung hatte Ratiopharm das beste Ergebnis seit Jahren erwirtschaftet. Die öffentlichen Gerüchte um die Gründe für die Abgabe der operativen Führung stimmen nicht.
Was waren dann die Gründe für den Wechsel an der Ratiopharm-Spitze?
MERCKLE: Philipp wollte sich wirtschaftlich trennen und selbstständige Wege gehen. Das unterstütze ich. Er hat Anteile der Gruschwitz AG gekauft. Diese Anteile sind in seinem Privatvermögen und haben mit der VEM VV nichts zu tun. Somit ist die Gruschwitz AG von der Liquiditätskrise bei der VEM VV überhaupt nicht betroffen. Bei den Äußerungen von Philipp ging es ihm darum, dies klarzumachen.
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Autor: ALEXANDER BÖGELEIN | 04.01.2010
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