Abschied vom Merckle-Imperium
Ulm. Mit dem Verkauf von Ratiopharm endete gestern die gemeinsame Ära des Arzneimittelherstellers und der Ulmer Familie Merckle. Der Teva-Konzern als neuer Eigentümer will Ratiopharm stärken.
"Ich bin einfach nur froh, dass wir jetzt Klarheit haben. Und mit Teva können wir hier, glaube ich, ganz gut leben", sagt die Ratiopharm-Mitarbeiterin mit einem erleichterten Unterton in der Stimme. Damit dürfte sie die Stimmungslage vieler ihrer Kollegen bei dem Ulmer Arzneimittelhersteller wiedergeben. Denn der neue Eigentümer, der israelische Teva-Konzern, hat nicht nur umfassende Zusagen für die Standorte Ulm und Blaubeuren-Weiler (Alb-Donau-Kreis) mit insgesamt 2250 Mitarbeitern abgegeben. Er will die Standorte sogar ausbauen. Teva-Europa-Chef Gerard Van Odijk kündigte gestern bei einer Pressekonferenz in Köln an, dass in den beiden Standorten die Produktion erhöht und sogar Mitarbeiter eingestellt werden sollen.
An solche Aussagen hatten die Ratiopharm-Mitarbeiter vor 15 Monaten nicht zu denken gewagt. Firmengründer Adolf Merckle hatte sich im Gefühl der Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, das Leben genommen. Und die Banken waren drauf und dran gewesen, sein Lebenswerk zu zerschlagen. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise waren sie in heller Aufregung und befürchteten angesichts der komplizierten Finanzierungsstrukturen des Merckle-Imperiums, dass sie auf ihren unbesicherten Forderungen in Milliardenhöhe sitzenbleiben würden. Der Ton gegenüber der Familie Merckle war rüde, sagen eng mit den Verhältnissen vertraute Personen. Die Gläubigerbanken verpflichteten die Familie Merckle zum Verkauf von Ratiopharm und forderten anfangs, dass das Kernstück der Merckle-Gruppe noch im ersten Quartal 2009 veräußert werden soll, damit sie wenigstens an einen Teil ihrer Außenstände gelangen.
Die Folgen eines solchen Notverkaufs von Ratiopharm wären fatal für das Unternehmen und die Mitarbeiter gewesen. Denn zu dieser Zeit voll gegenseitigen Misstrauens in der Finanzwelt hätte wohl keine Bank einen Unternehmensverkauf finanziert. Da bestand die Gefahr, dass Finanzinvestoren das Unternehmen zerlegen. Und der Verkaufspreis hätte wohl nicht einmal bei der Hälfte der heutigen 3,6 Milliarden Euro gelegen. Die logische Konsequenz wären massiver Stellenabbau bei Ratiopharm gewesen und die Zerschlagung der Merckle-Gruppe. Doch das verhinderte Ludwig Merckle, der Alleinerbe des Firmengeflechts, mit Beharrlichkeit und Verhandlungsgeschick. Er konnte die Banken überzeugen, dass alle Beteiligten von einem geordneten Verkaufsprozess profitieren. Zudem sendete er früh Signale, dass die Standortsicherung in Ulm ein entscheidendes Kriterium für die Akzeptanz eines Käufers sei.
Dabei kam ihm in diesem Prozess in erster Linie eine beratende Rolle zu. Denn die Banken und die Familie setzten den Kölner Wirtschaftsanwalt Hans-Joachim Ziems als Chefsanierer der damals hoch verschuldeten Ratiopharm-Muttergesellschaft VEM Vermögensverwaltung ein. Doch Merckle führte mehrere Gespräche mit der Geschäftsleitung, dem Ratiopharm-Betriebsrat und Ziems. Auch sprach er mit allen drei Investoren, um sich ein Bild ihrer Absichten zu machen.
Ziems stellte gestern bei der Pressekonferenz klar, dass in den ersten fünf Monaten seiner Tätigkeit für die VEM nicht abzusehen war, dass ein fairer Preis für Ratiopharm zu erzielen sei. "Auch haben wir von Anfang an betont, dass das strategische Konzept für die Integration von Ratiopharm neben dem Kaufpreis eine herausragende Rolle spielen würde", betonte Ziems.
Der Gedanke, dass Teva und Ratiopharm eine Einheit bilden, hätte vor 15 Monaten so manchem Ratiopharm-Mitarbeiter Bauchgrimmen bereitet. Zu groß war die Sorge, dass Ratiopharm als deutlich kleinerer Partner unter die Räder kommt, und auch der israelische Weltmarktführer war anfänglich sehr skeptisch gegenüber einer großen Produktion und großen Standorten in Deutschland. Nachdem sich aber die Teva-Abordnungen vor Ort überzeugten, zu welch geringen Stückkosten Ratiopharm bei hoher und zuverlässiger Qualität produziert, schlug die Skepsis in Anerkennung und Respekt um. Nur sehr sehr wenige der 68 weltweit verstreuten Teva-Fabriken können der Ratiopharm-Fertigung in Sachen Effizienz das Wasser reichen. Ratiopharm sei Klassenbester, sagten Teva-Vorstandschef Shlomo Yanai und Europa-Chef Gerard van Odijk, als sie Anfang März ihre Pläne einem erweiterten Führungskreis in Ulm vorstellten. Gestern betonte Odijk im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE, dass Teva plane, die Produktion in Ulm auszubauen, um die äußerste effiziente Struktur noch besser zu nutzen, wodurch in Ulm und Weiler durchaus Stellen geschaffen werden könnten.
Effizienz ist im Geschäft mit den preiswerten Nachahmerpräparaten, die nach Ablauf des Patents eines Originalmedikaments auf den Markt kommen, eine entscheidende Größe. Denn bei diesen so genannten Generika handelt es überwiegend um austauschbare pharmazeutische Massengüter, bei denen es auf Flexibilität, Tempo und geringe Stückkosten ankommt.
In den nächsten Monaten wird sich Teva laut van Odijk mit dem Ratiopharm-Management zusammensetzen und prüfen, wie die Integration ablaufen soll. Stellenabbau in Deutschland sei kein Thema, weil Teva Ratiopharm benötige, um seine Wachstumsziele zu erreichen. Bis zum Jahr 2015 soll der Umsatz in Europa sich auf 9,2 Milliarden Euro fast verdreifachen.
Mit der Unterzeichnung des Ratiopharm-Kaufvertrags bricht auch für den Noch-Eigentümer Ludwig Merckle eine neue Ära an. Denn in den vergangenen 37 Jahren war der Erfolg von Ratiopharm eng mit dem der Familie Merckle verbunden. "Der Verkauf ist mir nicht leicht gefallen", sagte Merckle der SÜDWEST PRESSE. Er stelle jedoch einen weiteren wesentlichen Schritt bei der Entschuldung der Unternehmensgruppe dar.
"Ich glaube, dass wir mit Teva einen guten neuen Eigentümer gefunden haben. Teva denkt und handelt wie Ratiopharm. Sie haben ehrgeizige Wachstumsziele, die sie gemeinsam mit der Ratiopharm erreichen wollen", erklärte Merckle. "Mit Teva ist ein starker neuer Eigentümer gefunden, der ein klares Bekenntnis zu den Standorten Ulm und Blaubeuren abgegeben hat. Das war mir sehr wichtig."
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Autor: ALEXANDER BÖGELEIN | 19.03.2010
Das Firmengebäude des Generika-Herstellers Ratiopharm am Hauptsitz des Unternehmens in Ulm. Foto: apn
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