Verwurzelt und offen für Neues
Westerheim. Horst Kneer fühlt sich der Schwäbischen Alb und seinen Mitarbeitern verbunden. Mit Engagement, Leistung, Mut und Vorsicht hat er sein Unternehmen zu einem der führenden Fensterhersteller gemacht.
. "Schauen Sie mal, was das für ein tolles Holz ist", sagt Horst Kneer und streicht behutsam über die Oberfläche des Holz-Alu-Fensters in seinem Büro. "Eine schöne Maserung ist für einen Schreiner wie ein Bild", erläutert er. Draußen taucht die Herbstsonne die sanft geschwungenen Hügel der Schwäbischen Alb in ein warmes Licht und lässt die Wälder golden leuchten. Fast 50 Jahre ist es her, dass Horst Kneer im Betrieb seines Vaters Schreiner gelernt hat. Noch immer kann er sich für die Schönheit des Werkstoffs Holz begeistern.
Kneer ist hier geboren und verwurzelt. Mit Westerheim und der Region fühlt er sich verbunden ebenso wie mit seinen Mitarbeitern. In seiner unaufgeregten Art hat er aus der Schreinerei seines Vaters einen der führenden deutschen Hersteller von Qualitätsfenstern gemacht.
Dabei erfüllten sich allerdings seine Vorstellungen nicht. "Meine Vision war ein Betrieb mit 50 bis 70 Mitarbeitern, in dem sich ein Betriebsleiter, ein Meister und ein Vorarbeiter rechnen und dafür sorgen, dass es auch mal ohne den Chef geht." Heute beschäftigt Kneer an vier Standorten in Deutschland und in Ägypten 580 Mitarbeiter.
"Mein Vater hat mir damals freigestellt, ob ich Schreiner werde oder nicht. Doch mir war das von Anfang an klar. Ich habe nie auch nur eine Sekunde daran gezweifelt, dass ich den Betrieb weiterführen werde", erinnert sich Kneer, der sich seither zum Prototyp des schwäbischen Mittelständlers entwickelt hat. Engagiert und leistungsorientiert fühlt er sich Mitarbeitern wie Gesellschaft gleichermaßen verpflichtet. Immer wieder besaß er den Mut, mit dem Unternehmen neue Pfade zu betreten, wenngleich er zugibt, nicht Vorreiter sein zu wollen. "Meinem Naturell entspricht, das Risiko zu begrenzen, die Lernkurve der anderen zu nutzen." Auch räumt er ein: "Um erfolgreich zu sein, benötigt man auch Glück."
Die Bandbreite seiner Erfahrung reicht von der unglaublichen Aufbruchsstimmung der 50er und 60er Jahre bis hin zu heutigen schnelllebigen Zeit. Was heute an Verbesserung und Produktentwicklung innerhalb eines Jahres passiere, habe früher zehn Jahre gedauert.
In den Hochs und Tiefs der Branche hat Kneer immer wieder das richtige Gespür, beispielsweise als er seinen Vater nach seiner Lehre im Boom der Nachkriegszeit davon überzeugt, dass die Schreinerei besser vorankommt, wenn sie sich auf den Fensterbau konzentriert; Oder als er vor 20 Jahren in die Fertigung von Holz-Alufenstern einstieg.
Als richtig erwies sich auch die Gründung eines zweiten Betriebs im mittelfränkischen Schnelldorf Mitte der 60er Jahre. Denn Horst Kneer und sein Vater hatten ein Problem: Die Arbeitslosenquote auf der Alb lag nahe null und die 12 Mitarbeiter waren Hobbylandwirte. "Bei schönem Wetter in der Erntezeit hatte das zur Folge, dass ich mit meinem Vater alleine in der Werkstatt gestanden bin. Mir war klar: Wenn wir wachsen wollen, müssen wir dort hingehen, wo es Arbeitskräfte gibt." Die Aufbauzeit in Schnelldorf prägte den Unternehmer. "Da war ich Mädchen für alles", erinnert er sich. Dabei lernte er auch: "Die Autorität wird einem nicht in die Wiege gelegt. Die muss man sich über Kompetenz erwerben. Wenn Dinge falsch laufen, muss man dies ansprechen."
Das tägliche Mitanpacken in der Produktion prägte sein Führungsverständnis, das er als teamorientiert beschreibt. Mitarbeitern Verantwortung zu übertragen und ihnen Freiraum zu lassen, gehört dazu. "Das A und O ist es, dass die Mannschaft motiviert ist und gute Stimmung im Betrieb herrscht", betont Kneer. "Bei mir dürfen alle ihre Meinung offen sagen, ohne dass sie Angst haben müssen, wenngleich ich letztlich als Chef entscheiden muss." Priorität in seinem Handeln habe stets der Bestand der Arbeitsplätze. "Ich will, dass unsere Mitarbeiter ein sicheres Gefühl haben."
Viele Jahre kniete sich Kneer ins Unternehmen hinein, das er seit Anfang der 70er Jahre leitet. Die Folge: Der heute 71-Jährige heiratete vergleichsweise spät. Seine Ehefrau Hedi und die vier Kinder sind sein großer Rückhalt. "Meine Frau unterstützt mich mit ihrer kreativen Seite, seit wir verheiratet sind. Ob Architektur, das Einrichten des neuen Bürogebäudes, die Gestaltung von Messeständen und Prospekten oder das Design neuer Haustüren, überall ist ihre Handschrift zu sehen."
Zudem treibt die Familie eine Landwirtschaft mit 50 Hektar um. Dabei packen alle mit an. Auch der älteste Sohn Florian (31), der vor vier Jahren ins Unternehmen eingestiegen ist. Die Anfangszeit verlief nicht ganz reibungsfrei. Auf der 15-minütigen Fahrt nach Hause zum Mittagessen gab es teilweise intensive Debatten, weil der junge Fertigungstechnik-Ingenieur mit einem Wirtschafts-Master-Abschluss manches in Frage stellte.
Mittlerweile sind die beiden ein eingespieltes Team. Der Sohn nimmt dem Vater vieles ab. "Das ist eine Riesenerleichterung für mich", sagt Horst Kneer, der sich mit Schwimmen, Rad- und Skifahren fit hält. Wie der Übergang von seinem Vater auf ihn fließend und harmonisch verlaufen ist, will er auch seinem Sohn ermöglichen, in Stufen ins Unternehmersein hineinzuwachsen. "Einfach den Bettel hinzuschmeißen, davon halte ich nichts."
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Autor: ALEXANDER BÖGELEIN | 13.11.2010
Horst Kneer genießt den Ausblick an einem seiner Lieblingsplätze im Unternehmen in Westerheim, der Terrasse des neuen Bürogebäudes: "Wir haben einen der schönsten Industriestandorte weit und breit" Foto: Volkmar Könneke
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