Verschieden und doch so gleich
Creglingen. Im Taubertal liegt ein Unternehmen, das zu den versteckten Meistern der Spritzgusstechnologie zählt: Wirthwein ist auf der ganzen Welt erfolgreich. Die Brüder Marcus und Frank erzählen, warum das so ist.
Die beiden Brüder sind sehr verschieden. Marcus, der Ältere, wirkt betont sachlich; Frank dagegen scheint der Schalk im Nacken zu sitzen, er liebt es zu scherzen. Wenn es aber um ihr Unternehmen geht, könnte die Übereinstimmung kaum größer sein. "Wir kommen gut miteinander aus", sagt Marcus Wirthwein. "In unternehmerischen Entscheidungen sind wir uns einig", sagt sein Bruder Frank. Auch die eigene Bodenständigkeit und die Verpflichtung für ihre Firma und deren Mitarbeiter sind für beide selbstverständlich.
Creglingen ist ein kleines Städtchen im Taubertal, unweit des Touristenmagnets Rothenburg. Hier hat der Großvater den Grundstein gelegt. Er produzierte klobige Holzdübel, mit denen die Eisenbahnschienen auf den damaligen Holzschwellen befestigt und nach Schäden saniert wurden. Ein Nischenprodukt, wenn auch ein massenhaftes. In seiner Weiterentwicklung ist es auch heute für Wirthwein ein zukunftsträchtiges: Zusammen mit dem Industriepartner Vossloh rüstet Wirthwein China beim Ausbau des Hochgeschwindigkeitsschienennetzes aus. Riesige Potenziale tun sich hier auf.
Marcus und Frank Wirthwein sind in einem florierenden Familienunternehmen groß geworden. Sie sind als Kinder auf den Holzstapeln im Firmenhof herumgeklettert, haben mitgeholfen. Das war für die beiden Buben ebenso selbstverständlich wie der Wunsch, dereinst die Firma weiterzuführen. Marcus hat später eine Lehre als Werkzeugmacher gemacht und Maschinenbau studiert. Frank ist gelernter Betriebswirt. Beide sammelten erste beruflichen Erfahrungen außerhalb des elterlichen Unternehmens, ehe sie nach Hause zurückkehrten.
So kommt es, dass sie heute die Chefs von Mitarbeitern sind, die die Buben von Kind auf kannten. "Manche Mitarbeiter duzen uns, und wir siezen sie", sagt Marcus. Die Wirthwein-Söhne kennt auch im Städtchen fast jeder. Da gibt es kaum eine Anonymität, sagt Frank, was er meistens als angenehm empfindet.
Am Stammsitz sieht man nur noch wenig vom ehemals holzverarbeitenden Betrieb. Hier steht jetzt ein hochmodernes Unternehmen. Es hat sich in den letzten Jahren durch Zukäufe und eigenes Wachstum zu einer Firmengruppe mit sechs unterschiedlichen Geschäftsfeldern entwickelt. Das Verbindende daran ist - bis auf eine Ausnahme - das Know-how in der Spritzgusstechnologie.
Gemeinsam scheint den Brüdern auch ihr sprühendes unternehmerisches Engagement zu sein. Kaum verwunderlich: Das Unternehmen ist bei aller regionalen Verwurzelung ein Global Player, weltoffen und -orientiert mit einer Exportquote von 48 Prozent. Auf dem Firmengelände wehen die Nationalflaggen der fünf Länder, in denen Wirthwein produziert, im Besprechungszimmer steht die Auszeichnung als Weltmarktführer aus Baden-Württemberg.
Auch in der strategischen und globalen Ausrichtung ticken die Brüder gleich. Ihre Firmengruppe soll wachsen, weitere Zukäufe sind jederzeit denkbar, aber kein Selbstzweck. Stolz erzählen sie, dass ihnen ein Familienunternehmen verkauft wurde, für das ein Finanzinvestor einen deutlich höheren Preis geboten hatte. Ein reines Finanzinvestment reizt sie nicht. Es gehe ihnen nicht darum, die Gewinne renditestark anzulegen. "Das ganze Geld bleibt in der Firma", sagt Marcus, "so war das auch schon bei unseren Eltern." Und der Bruder ergänzt: "Unsere Firma ist die beste Kapitalanlage."
Wachstum und Internationalisierung, das folgte und folgt bei Wirthwein keinem ausgetüfteltem Strategiepapier. "Es hat sich die Gelegenheit ergeben" oder "Es hat einfach gut gepasst" - so beschreiben die Beiden die Übernahme von Firmen. Sie hat mit zu einer Expansion beigetragen, die jährlich meist zweistellig ausfiel. Frank benützt auch das Bild vom "Brückenkopf", das typisch für einen Zulieferer ist: Er geht dorthin, wohin sein Abnehmer geht. So war es in Polen, in den USA, in China und zuletzt in Spanien. Gut möglich, dass auch einmal die Flaggen von Russland oder Indien auf dem Firmenhof flattern könnten.
Dabei wollen sie nicht vergessen, woher sie kommen und was das für einen Unternehmer bedeutet. "Das Gefühl der Verantwortung wächst", sagt Frank, der Jüngere, und meint die Verpflichtung, die viele Macher des Mittelstandes fühlen: das Familienunternehmen nicht nur zu bewahren, sondern möglichst weiterzuentwickeln.
"Mittelständler denken langfristig", sagt Marcus. Er und sein Bruder verstehen sich nicht als Manager, sondern als Unternehmer. Was macht außer dem Zeithorizont noch den Unterschied zum Manager? "Man ist 24 Stunden Unternehmer", sagt Frank. Am Stammsitz Creglingen bedeutet das auch die Verbundenheit mit den Mitarbeitern. Bisweilen fühle man sich auch deren privaten Schwierigkeiten verpflichtet und helfe.
Der Preis, den die Brüder Marcus und Frank Wirthwein bezahlen, ist bei einer weltweit tätigen Firmengruppe groß: Die Zeit fürs Private ist knapp bemessen. Geld zu verdienen ist nicht der Antrieb, sagt Frank. Erfolg zu haben, gestalten schon eher. "Und Spass muss es auch machen."
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Autor: HELMUT SCHNEIDER | 19.03.2011
Die beiden Wirthwein-Brüder (links Frank, rechts Marcus) in der Produktionshalle am Stammsitz Creglingen - wo sie manchen Mitarbeiter siezen, der sie duzt, weil er die beiden schon als Buben kannte. Foto: Helmut Schneider
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