Ständigem Wandel ausgesetzt

Nagold.  Mit Boss will er sich nicht vergleichen. Aber wer einen Anzug für 300 Euro sucht, ist bei Digel bestens bedient. In Nagold sitzt einer der letzten Textilhersteller des Landes. Nie war er erfolgreicher als jetzt.

Manchmal schält sich im Gespräch mit einem Familienunternehmer dessen Erkenntnis heraus wie bei einer reifen Frucht der Kern. Bei Hans Digel ist es die Erfahrung des Wandels. Darüber kann einer schließlich berichten, der schon bald vier Jahrzehnte eine Firma führt, zumal in einer Branche, die sich so grundlegend gewandelt hat wie die Textilindustrie Baden-Württembergs. Der Herrenmodemacher Digel ist einer der Letzten im Land. Aber er stand noch nie besser da als heute. Das muss Gründe haben.

Von der neuen Zentrale im Nagolder Gewerbegebiet aus zeigt Hans Digel hinüber zu Rolf Benz und Walter Knoll - zwei große Namen schwäbischer Industrielandschaft, beide als Familienfirma gegründet und Fabrik gewordener Beleg dafür, dass es wohl so etwas wie ein Unternehmer-Gen geben müsse. Hans Digel jedenfalls würde immer etwas unternehmen , sagt er, "notfalls eine Sprudelfabrik gründen".

Er spricht vom Optimismus, der für jeden Macher unerlässlich sei. Er spricht über seine Risikobereitschaft, die ihn vor 15 Jahren zum Pionier auf dem russischen Markt machte und jetzt nach Ex-Jugoslawien führt, wo noch keine Kreditversicherung Rückendeckung gibt. Entscheidend ist für ihn der persönliche Eindruck, den seine Geschäftspartner auf ihn machen. Er muss den Mensch kennen, den Zahlen allein vertraut er nicht.

Der frühe Tod seines Vaters hat ihn unmittelbar nach dem BWL-Studium in die Nachfolge gebracht. Damals war Digel schon eine Anzug-Fabrik mit 300 Mitarbeitern - "15 in der Verwaltung und 285 in der Produktion", sagt Hans Digel, um gleich den Unterschied nachzuschieben. Heute arbeiten in Nagold 200 Leute, aber keiner näht davon mehr. Das tun Polen, Rumänen, Türken und neuerdings auch Chinesen in Partnerfirmen. So etwa sieht er konkret aus, der Strukturwandel.

Sein Vater würde sich bestimmt wundern und ihn fragen, warum die Firma nicht mehr produziere - zumindest nicht mehr in Nagold. Wäre er aber nicht auch stolz darüber, was sein Sohn erreicht hat? "Ich hoffe doch", sagt Hans Digel und man merkt ihm an, dass er sich dessen sicher ist. Denn wenn in den vergangenen 30 Jahren vier von fünf Betrieben der einstmals bedeutenden schwäbischen Textilindustrie verschwunden, seine Firma aber nicht nur geblieben ist, sondern seit Jahren mit zehnprozentigen Zuwächsen aufwartet, dann kann der Macher nicht alles falsch gemacht haben.

Die Welt hat sich für einen Modemacher weit über Produktionsverlagerungen und Konzentration hinaus verändert. Die alte Arbeitsteilung - hier Produktion, dort Einzelhandel mit Lagerhaltung - gibt es nicht mehr. Digel ist Produzent und Lagerist in einem. Im neuen Logistikzentrum hängen 100 000 Anzüge an der Stange, Bestellungen gehen ständig ein.

Der Showroom, der auch bei einem schwäbischen Hersteller nicht Schauraum heißt, zeigt die Veränderung der jüngeren Vergangenheit. Hans Digel, der von seinem Vater eine Anzugfabrik geerbt hat, kleidet heute den ganzen Mann ein. "Komplett-Kollektion" heißt das, es ist die logische Folge der "Markenbildung", einem weiteren Zentralbegriff der modernen textilen Welt. In eigenen Läden und Flächen wird nicht mehr das Produkt unter anderen Produkten verkauft, sondern die Marke vermarktet. "Man kann nicht mehr nur lauter blaue Anzüge aufhängen", sagt Digel und blättert an meterlangen Regalen all das durch, was seine Marke ausmacht.

Und dann sagt der knapp 70-Jährige den Satz, den sein Vater niemals hätte sagen können: "Es nützt gar nichts, wenn Du den besten Anzug der Welt machst" - wenn die Vermarktung nicht klappt, meint er damit. Deshalb wird Marketing immer wichtiger, müssen Events geschaffen, Emotionen geweckt werden. Hans Digel malt den Wandel in der vom "Chi-Chi" angehauchten Modewelt noch plastischer und feiner aus. Das Wesentliche ist für ihn, dass sich der Unternehmer erst bewährt, wenn sich die Welt zu ändern beginnt, "wenn ich darauf die richtige Antwort finde".

Seine beiden Söhne sind nach Studium und aushäusiger Berufserfahrung inzwischen ins Unternehmen zurückgekehrt. Es laufe wohl darauf hinaus, dass sie seine Nachfolge antreten werden, sagt der Vater. Aber zwangsläufig sei das nicht. "Firma vor Familie" ist einer seiner Glaubenssätze, eine gewissermaßen automatische Erbfolge in der Geschäftsführung gebe es nicht.

Bei Nagold betreibt ein Freund von ihm einen Kamelhof. Dem spendete Scheich Zayed von Abu Dhabi einst 30 Kamele, die in Berlin vor 28 000 Zuschauern um die Wette liefen. Digel erzählt, wie er vor 13 Jahren in dem Wüstenstaat den Kontakt knüpfte. Und jetzt war er wieder dort, mit seiner Frau über Weihnachten in einem 6-Sterne-Hotel für nur 140 EUR Halbpension pro Kopf. Das staubige rückständige Abu Dhabi aus seiner Erinnerung hat er nicht mehr wieder gefunden in all der glitzernden neuen Wolkenkratzer-Welt. Dafür eine erneute Bestätigung seiner Lebenserfahrung vom dramatischen Wandel der Welt.


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