Lust auf Arbeit

Meßstetten.  Er hat mit der Geschichte der Familie gebrochen und machte dennoch den Möbelhersteller Interstuhl mit konservativen Werten groß: Der Autodidakt Werner Link sitzt zwischen Innovation und Tradition.

"Es war ein hartes Stück Arbeit." Werner Link sagt das ohne jedes Bedauern. Kein Selbstmitleid ist vom Geschäftsführer zu hören, der aus einem Handwerksbetrieb seines Vaters mit vier Mitarbeitern das Industrieunternehmen Interstuhl Büromöbel GmbH & Co. KG mit 554 Beschäftigten geschmiedet hat. Lust statt Last, Lernen statt Besserwissen, Anpassen statt Starrsein bestimmten seit 50 Jahren seine Arbeit. Aufgeben, verkaufen, wegziehen habe er sich "eigentlich nie überlegt" - trotz vieler Krisen. Und jetzt "kann und will ich nicht mehr umziehen".

Warum auch? Die Internetseite der Stadt Meßstetten beschreibt den Ortsteil Tieringen, wo Interstuhl sitzt, als "herrliches Albgebiet inmitten der typischen Wacholderlandschaft zwischen sanften Hügeln, duftenden Wiesen, geheimnisvollen Wäldern und schroffen Felsen". Zwei Loipen gibt es auf über 800 Höhenmetern, Skilift und "herrliche Schlittenhänge".

Die Geschäfte laufen 100 Kilometer von Stuttgart entfernt gut. Was am Anfang schwierig war, ist jetzt ein Vorteil: Geeignete Mitarbeiter zu finden und oben auf der Alb zu halten. Im Laufe der Jahre habe man sich einen "Stamm" geschaffen, sagt Link.

"Ich geh zum Link", hieß es früher, wenn ein Meßstettener den Unternehmensgründer und Huf- und Wagenschmied Wilhelm Link aufsuchte. Das Schmiedehandwerk der Familie Link reicht zurück bis zum Jahr 1731. Werner Link brach mit der Tradition.

Gleichzeitig sind ihm Heimat und Werte wichtig. Link ist Handwerker, exportiert aber auch nach Mittelamerika. Er ist ein Autodidakt und wird als "Machertyp" beschrieben. Metall und Holz gehören ebenso zu den eingesetzten Materialien wie eine "neuartige Membrantechnologie". Statt Einzelteile fertigen zu lassen und diese zusammenzubauen, stellt Interstuhl noch fast alles selbst her. "Ich stehe nicht mehr am Schraubstock, obwohl ich könnte", sagt Link, in dessen Anzugstasche ein Bleistift steckt. Er will überall qualifiziert mitreden. "Der einzige Bereich, bei dem ich nicht gut bin, ist Computertechnik." Link besuchte nur sieben Jahre die Schule und ließ sich zum Automechaniker ausbilden. Er zitiert den Bauhaus-Architekten Ludwig Mies van der Rohe: "Es ist schwerer, einen guten Stuhl zu bauen als einen Wolkenkratzer." Gleichzeitig sagt er selbst: "Ein Stuhl ist ein Stuhl und keine Weltanschauung" - und eckt damit bei der Marketinabteilung an, die eine andere Botschaft vermitteln will.

So sind Interstuhl-Produkte in Filmen wie "James Bond", "Oceans 13" zu sehen und schmückten das Büro des Ex-Porsche-Chefs Wendelin Wiedeking. In der weiten Welt und daheim: Auf dem Tisch in Meßstetten steht aber auch eine Flasche Teinacher Sprudel. Der Sportverein Tieringen wird ebenso finanziell unterstützt wie der Sängerbund und die Evangelische Kirchengemeinde.

Seine beiden Söhne Joachim und Helmut sprechen mehrere Sprachen und arbeiten im Unternehmen als Gesellschafter mit. "Eine Familiengesellschaft muss man mögen, ich mag die Wärme." Er lasse sich von Meinungen beeinflussen, "ein diktatorischer Stil ist nicht unser Mittel". Der große Vorteil von Familienunternehmen sei ihre Flexibilität. "30 Prozent sind betriebswirtschaftliche Zahlen, 70 Prozent Gefühle", beschreibt Link seine Geschäftsführung.

Das passt gut zu den Produkten. Sitzen ist individuell und hängt von Körpergewicht, Größe, Körperbau, Empfindung und Mode ab. "Es gibt Leute, die lassen ihren Stuhl drei mal beziehen." Was den Schwaben natürlich auch wiederum nicht so recht passt.

"Wenn jemand bei uns im Unternehmen etwas bewegen will, kann er es. Manchmal gebe ich sogar zu wenig Vorgaben", sagt Link, der es als ein Hobby bezeichnet, sich in die Entwicklung einzubringen. Der bald 70-Jährige will sich noch nicht von seinem Unternehmen trennen, nicht loslassen von seiner Arbeit. "Das ist schwer, da habe ich Angst davor." Er habe das Unternehmen als Lebenswerk aufgebaut. "So lange ich keinen Blödsinn rede, habe ich immer noch Lust, Unternehmen zu führen."

"Ich musste lernen, dass Vertrauen ein ganz wichtiges Instrument für Erfolg ist", sagt Link. Als er seine Produkte direkt verkaufte, reagierte der Handel empört. Zum Teil wird ihm das heute noch vorgeworfen. "Was ich als Junger nicht gesehen habe ist, dass das Leben ein Geben und Nehmen ist. Wenn ich mich anstrenge, ist man auch offen und gut zu mir."

Im Treppenhaus des Stammhauses hängen Fotos von Mitarbeitern. Link ist auch darunter - irgendwo.


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