Langsam, aber sicher bis zum Ural
Weikersheim-Neubronn. Ulrich und Hans-Friedrich Wolfarth sind fest verankert im idyllischen Taubertal, die dort hergestellten Bauelemente vertreiben sie bis an den Ural. Gemeinsam leiten und leben die Brüder ihr Unternehmen Wolfa.
Schwäbische Erfinder haben es mitunter nicht leicht. Als Friedrich Wolfarth in den 50er Jahren von Weikersheim aus mit dem Moped zum Bayer-Konzern nach Leverkusen fuhr, weil er mit Harzen und Härtern experimentierte, musste er dort einigen Spott ertragen: "Jetzt kommt wieder der, der Fenster aus Kunststoff machen will", erzählt Ulrich Wolfarth, der heute mit seinem jüngeren Bruder Hans-Friedrich das Familienunternehmen Wolfa in Weikersheim-Neubronn führt, von den Erlebnissen seines Vaters.
Über die Anekdote schmunzeln sie auch heute noch. Denn 1955 entwickelte ihr Vater Johann Wolfarth das erste Fenster aus Polyesterharz. Das stellte die Geburtsstunde von Fenstern aus diesem Material in Deutschland her. Wolfa sei eines der ersten Unternehmen in Deutschland das Kunststofffenster hergestellt habe, erzählt Wolfarth.
Die Freude am Tüfteln und die Umsetzung neuer Ideen prägt das Unternehmen bis heute. Von der Gründung 1919 als Wagnerei veränderte Wolfa sein Profil, entwickelte erst Lösungen für die Landwirtschaft, später auch für Wohnungsbau und Industrie. Systematisch verbreiterten die Brüder die Geschäftsbasis, vergrößerten ihr Absatzgebiet. "Dabei haben wir eins nach dem anderen gemacht, nichts fremdfinanziert. Wir sind den langsamen, aber sicheren Weg gegangen und haben keine Angst vor der Zukunft", betont Hans-Friedrich Wolfarth, der fürs Kaufmännische zuständig ist. Dass ihm und seinem Bruder Ulrich, der die Produktion verantwortet, die Ideen nicht ausgehen, ist für das Familienunternehmen überlebenswichtig. Denn der Hersteller von Fenstern, Lüftungschächten, Gitterrosten und anderen Bauelementen aus Kunststoffen und Metallen steht überwiegend im Wettbewerb mit großen Konkurrenten. Seine Produkte verkauft er über den Baustoffhandel, bei dem den Brüdern die dortigen Einkäufer schon einmal vorrechnen, was ihre Produkte kosten dürfen.
Zur Strategie gehört seit Jahren, möglichst vieles selbst herzustellen, vom Isolierglas und eigenem Werkzeugbis hin zur Auslieferung mit eigenen Lkw. Die Mischung aus Qualität, Flexibilität, Schnelligkeit, effizienten Abläufen und Service lässt Wolfa mit "Made in Germany" in ihrer Nische selbst in Polen und bis zum Ural erfolgreich sein.
Viele Wettbewerber haben ihre Produktion in Länder mit günstigeren Lohnkosten verlagert, berichtet Ulrich Wolfarth. Doch für das Familienunternehmen, dessen Stammsitz im idyllischen Taubertal liegt, kommt das nicht in Frage. "Die Leute, die hier arbeiten, brauchen ein Grundlage für ihr Leben. Und als Unternehmer haben wir auch eine gesellschaftliche Verantwortung", sagt Ulrich Wolfarth. "Wenn wir einen Geschäftsführer hier reinsetzen, würde der andere Entscheidungen treffen. Doch die Firma ist auch ein großes Stück von uns", ergänzt Hans-Friedrich Wolfarth.
Daher verschwimmen die Grenzen zwischen Firma und Familie. Ulrich Wolfarth wohnt auf dem Werksgelände, sein Bruder nur wenig entfernt. Sonntag vormittags treffen sie sich bei ihrem Vater im Wohnzimmer oder im Sommer im Garten, "um die Dinge zu besprechen, die in der Firma anstehen". Mit dabei sind oft ihre Kinder, die - wie ihre Väter - schon früh das Unternehmen kennenlernen. "Mein Vater hat mich schon im Alter von fünf Jahren mit zu Kunden nach Wien mitgenommen", erinnert sich Ulrich Wolfarth. "Ich bin da einfach so hineingewachsen", sagt er zu seinem Einstieg ins Unternehmersein. Sein Vater habe nie Druck ausgeübt.
Nach Lehre und Betriebswirtschaftsstudium kam er in den väterlichen Betrieb und machte berufsbegleitend seinen Meister. Zehn Jahre später, als die Mauer gefallen war, ereilte Hans-Friedrich Wolfarth der Ruf seines Vaters. Auch für ihn war es selbstverständlich nach dem BWL-Studium in die Firmen einzusteigen, auch, um dabei zu helfen, die Chancen die sich durch die Wiedervereinigung für Wolfa auftaten, zu erkunden. "Ich bin 28 Jahre lang von meiner Familie unterstützt worden, da wollte ich etwas zurückgeben", schildert er seine Motivation.
Noch ist die Nachfolge bei Wolfa kein Thema. "Man kann nur versuchen, den Kindern ein Ausbildung zu ermöglichen, damit sie ins Unternehmen einsteigen können, wenn sie das wollen. Mit Zwang funktioniert das nicht", sagen die beiden Brüder. Viel mehr Gedanken machen sie sich darüber, wie sie das Know-How lang gedienter Mitarbeiter fürs Unternehmen sichern können. Um erfolgreich zu sein, brauche ein Unternehmen Mitarbeiter "mit 50plus". Diese verfügten über großes Wissen. Daher würden bei Wolfa Tandem-Teams gebildet, damit die Jüngeren in die Aufgaben hineinwachsen könnten.
Keinen Hehl machen die beide daraus, dass sie gerne junge Leute aus dem nahen Umkreis als Nachwuchs haben. Denen falle es leichter, morgens aufzustehen, wenn sie nicht noch viel Zeit auf dem Weg zur Arbeit verbringen müssten. "Außerdem sind sie verwurzelter", sagt Hans-Friedrich Wolfarth. Und was das ausmacht, wissen er und sein Bruder nur zu genau.
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: ALEXANDER BÖGELEIN | 10.12.2011
Ulrich (links) und Hans-Friedrich Wolfarth stehen an ihrem Lieblingsplatz im Unternehmen: vor einer Polyesterpresse am Stammwerk in Neubronn. Dort werden Lichtschächte produziert. Foto: Hans-Peter Kuhnhäuser
MEHR ARTIKEL ZUM THEMA
Familienunternehmen im Südwesten: Die Macher
Der junge Chef aus Moskau
Reichenbach/Fils Drei Generationen lang war Electrostar in Familienbesitz. In schwieriger Lage suchte das schwäbische Unternehmen einen Investor. Ein Russe sprang ein. Nun managt dessen Sohn das Unternehmen - mit Erfolg.... mehr
Ein Mann mit zwei Gesichtern
Stuttgart Eine Halle mit wenig Sauerstoff, eine Fahrt in schwindelerregende Höhen: Thomas Schäberle ist ein seriöser, rationaler Gefahrgut-Spediteur. Aber nicht nur. Manchmal hat er Spaß an Unerwartetem.... mehr
"Stillstand ist Rückschritt"
Göppingen Mut, Fleiß, die Fähigkeit, Mitarbeiter zu begeistern, gehören für Franz Rieger zu den Tugenden eines Unternehmers. "Vor allem aber muss man seine Ideen verwirklichen", sagt der Göppinger Möbelhändler.... mehr
Ein Buchstabe, der viel verändert
Stuttgart Man hat sie noch nicht schief angeschaut. Dabei ist der Ruf des Bankers ramponiert. Volker Gerstenmaier und Mario Caroli leiten nicht nur eine Bank, sie gehört ihnen sogar - wenn auch nur ein bisschen.... mehr
Auf dem Boden der Tatsachen
Stuttgart Bodenständigkeit kann wichtig sein. Schon gar bei einem Boden-Lack-Hersteller. Doch Stephan Klumpp muss das Unternehmen auch verändern. Und er ist anders, als sein Vater, Opa, Uropa.... mehr
Nachfolge ohne Haken
Leinfelden-Echterdingen Die Nachfolge gehört in Familienunternehmen meist zu den spannenden Phasen der Firmengeschichte. Manchmal verläuft sie aber auch völlig unkompliziert, wie das Beispiel der Verlagsgruppe Weinbrenner zeigt.... mehr
"Kompetenz im Schrott"
Essingen Der Schrottplatz ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Oliver Scholz leitet ein milliardenschweres Unternehmen auf der Ostalb - und geht völlig locker mit allem um, was heute Schrott ist.... mehr
Ein Mann mit vielen Etiketten
Waldenbuch Manche Familienunternehmer haben eine kerzengerade Biographie. Alfred Ritter zählt nicht dazu. Jeder kennt die berühmte Schokolade, die er macht. Doch der Mann hat noch ganz andere Seiten.... mehr
Hart aber herzlich
Bietigheim Klaus Fuchs ist seinen Produkten aus Stahl tief verbunden und sieht in dem Werkstoff auch nichts Kaltes und Emotionsloses. Dennoch ist der Chef von Bessey abgehärtet - die Branche verlangt es.... mehr

