"Konservativ und verrückt"
Donzdorf. Verträgt ein Heavy-Metal-Label einen normalen Unternehmenschef? Ja und nein: Markus Staiger sieht sich selbst als "schrägen Chef". Nuclear Blast läuft aber wohl organisiert - und ist sehr erfolgreich.
Im Industriegebiet von Donzdorf liegt zwischen Getränkehandel und Einfamilienhäusern mit Garagen ein Parkplatz mit Rasensteinen. Auf der anderen Straßenseite sind in einem Schaufenster Bilder von Totenköpfen und blutigen apokalyptischen Wesen zu sehen: Am Fuße der derzeit in herbstlichen Farben leuchtenden Schwäbischen Alb ist eines der erfolgreichsten Heavy-Metal-Plattenlabel der Welt beheimatet. Im Versand-Lager gibt es 8000 Produkte wie nachgemachte Patronengurte, Wikingerschwerter, einen silbernen Sarg als Kettenanhänger und nicht enden wollende Regale voller CDs mit den harten Gitarren-Tönen und Gesang von melodiös bis wild schreiend.
Der Herr von "Nuclear Blast" heißt Markus Staiger und trägt Jeans, weiße Turnschuhe und blonde Haarsträhnen. Nur seine Lederjacke ist schwarz, wie die Lieblingsfarbe der Metal-Fans, von denen welche mit langen schwarzen Haaren in den Büros sitzen.
"Ach, alles halb so schlimm", sagt der Geschäftsführer und winkt ab, wenn die Rede auf martialischen Darstellungen der Plattencover, Poster und Songtexte kommt. "Es gibt auch christliche Metal-Gruppen." Selbst ein Donzdorfer Pfarrer sei schon da gewesen und habe nach einem Rundgang durchs Unternehmen Entwarnung gegeben. "Der Bürgermeister findet uns auch geil, schließlich zahlen wir fett Steuern und sind unter den Top 5 der örtlichen Zahler", sagt Staiger.
Mit Teufelskreuz, in Flammen stehender Totenschädel und Hexen-Pentagram lässt sich auch in der katholischen Fasnet-Hochburg gutes Geld verdienen. "Ich bin christlich erzogen worden und bin noch sehr christlich, auch wenn man es nicht glaubt." Das alles müsse kein Widerspruch sein. "Eine Freundin hat mal über mich gesagt, ich sei konservativ und verrückt zugleich."
Eine Verbundenheit mit seiner schwäbischen Heimat kommt trotz Büros in Los Angeles und São Paulo dazu. Der 44-Jährige will nicht wegziehen. Gruppen wie Nightwish, Sacred Steel und Katklysm mit ihren zum Teil langhaarigen, schwarz gekleideten Musikern kommen genauso brav in die schwäbische Provinz und werden im örtlichen Hotel "Becher" untergebracht.
Dennoch ist vieles unüblich. 120 Flipper stehen in zwei saalartigen Räumen mit mannshohen Figuren der Comicfiguren Batman am Boden und Spiderman an der Decke. Es gibt Billardtisch, Ledersofa und elektronische Spielgeräte. Die Mitarbeiter können sich hier vergnügen, auch wenn es ungeheizt ist. "Wir haben Spaß", sagt Chef Staiger. Einmal pro Woche gibt es aber 5 Meter Obst für alle, damit die Gesundheit nicht leidet. Die Ansprache "Sie" ist unerwünscht, es herrscht "Du"-Zwang. "Na, wer schaut hier auf die Uhr bei der Arbeit?", ruft Staiger in ein Büro, in dem ein Angestellter leise die wilde Spielart Death-Metal hört. Keine Antwort.
"Ich bin als Chef schräg", sagt er selbst. Auf die Zeugnisnoten komme es bei der Einstellung nicht so sehr an. Eher schon auf Metal-Kenntnisse und dass die Mitarbeiter reden können. Aber ums Personal kümmern sich mittlerweile andere. Genauso wie um Marketing, Grafik, Band-Betreuung, Abrechnungen, Computertechnik und vieles andere. "Du brauchst auch normale Leute", sagt Staiger und meint vor allem seinen Stellvertreter Jochen Maass. "Mit ihm telefoniere ich einmal am Tag, wenn ich im Ausland bin." Seine rechte Hand halte ihm den Rücken frei.
Im heimischen Wohnzimmer startete er mit 16 Jahren seinen Versand mit US-Platten, die es hierzulande nicht gab. "Ich habe Maschinenschlosser gelernt, das war nichts für mich." Heute verkauft er 1,5 Mio. Tonträger jährlich, 10 000 Sendungen verlassen jede Woche den 11 000-Einwohner-Ort. Bei Metal gab es in den vergangenen Jahren keine Krise. "Die Fans wollen CDs in der Hand halten und laden nur wenig aus dem Internet runter", sagt Staiger. Die Devotionalien gingen immer.
Um diese Berechenbarkeit dürften ihn viele Unternehmen beneiden: "Ich weiß genau, wieviel Umsatz ich im nächsten Jahr machen werde." Die CD-Produktionen der Bands sind auf Wandtafel mit Metallschildchen bereits sorgfältig für jeden Monat des Jahres 2011 markiert. "Meine Eltern glauben aber, dass hier im Unternehmen Chaos herrscht."
"Ich könnte den Umsatz verdoppeln. Aber ich will nicht", sagt der Geschäftsführer. "So ist alles noch übersichtlich. Ich will nicht gierig sein. Gier macht alles kaputt." Über die finanziellen Möglichkeiten wird nicht hinausgegangen, "wir sind doch Schwaben". Während er früher meist von morgens bis Mitternacht arbeitete und es keinen Tag Urlaub gab, lässt er es heute lockerer angehen. Ein dreiwöchiger Urlaub auf Mallorca ist schon mal drin. Den ganzen Tag reden könne er nicht mehr. Sport ist für ihn wichtig geworden, das Rauchen soll irgendwann Vergangenheit sein. Die Gründung einer Familie hat Staiger im Visier. Er spielt Golf und in seinem Porsche hört er Death-Metal: "Es gibt keinen Tag ohne Musik."
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Autor: THOMAS VEITINGER | 30.10.2010
Markus Staigers Lieblingsplatz im Unternehmen ist das Sofa vor der Wand mit den Auszeichnungen seiner Bands. Der Donzdorfer hört Metal-Musik und mag seine Heimat. Foto: Giacinto Carlucci
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