Immer dem Aufwind auf der Spur

Kirchheim unter Teck.  Fliegen ist kein entspanntes Dahinschweben über den Wolken. Ständig müssen weitreichende Entscheidungen gefällt werden - wie im Berufsleben. Tilo Holighaus ist beides: Pilot und Unternehmenschef.

Ein ruhiger Segelflug. Aber in zwei Kilometern Höhe ist zu wenig warme Luft, die Auftrieb gibt. Weiter weg sieht es nach Aufwind aus. Aber ist es klug, dorthin zu fliegen? Oder sollte lieber schwächere Thermik in der Nähe in Kauf genommen werden? Endet dies mit einer harten Landung auf dem Acker?

"Eigentlich müssen beim Fliegen fast andauernd Entscheidungen getroffen werden", sagt Tilo Holighaus. Und findet ein weiteres Beispiel, diesmal aus seiner Arbeit als Geschäftsführer des Segelflugzeugbauers Schempp-Hirth: "Soll ich ein exotisches Flugzeug bauen? Es interessiert mich und erweitert unser Angebot. Aber verkauft es sich auch? Was ist, wenn es kaum jemand haben will? Hat dies Auswirkungen auf das Unternehmen?" Eine Entscheidung ist nötig.

Holighaus ist Pilot und Unternehmenslenker. Er sitzt am Steuer eines Flugzeugs und bestimmt so sein Schicksal. Als Chef ist er dagegen für die Zukunft von sich und vielen Mitarbeiter-Familien verantwortlich. "Fliegen gibt einem Selbstsicherheit", sagt der 41-Jährige. "Im Berufsleben muss ich auch einmal einen Vertrag unterschreiben, den ich nicht bis ins Detail verstanden habe." Er könnte 300 Kurse pro Jahr belegen, so viele Angebote von Unternehmensberatern bekommt er. Aber es geht ohne. "Ich kann es."

Natürlich ist er nicht alleine. Beim Segelfliegen gibt es Menschen, die helfen, das Flugzeug auf den Platz zu schieben, es in die Luft zu bringen und richtig zu leiten. Beim Flugzeugbau sind es die Mitarbeiter, die in viel Handarbeit individuelle Wünsche umsetzen, ihm Ratschläge geben, Neues erfinden. Seine Mutter Brigitte ist ebenfalls Geschäftsführerin. Alle geben Sicherheit zur Selbstsicherheit, Risikoabschätzung, Entscheidungsfreude.

"Die Menschen sind es, auf die es ankommt" - auch beim Fliegen allein in 2000 Metern Höhe und beim Leiten der 75jährigen Firma von seinem Büro aus.

Doch wer bereitet einen auf den Umgang mit Menschen vor? Als sein Vater am 9. August 1994 mit seinem Nimbus-4M mit dem unter Segelfliegern weltbekannten Kennzeichen XX an einer Felswand des Rheinwaldhorn stirbt, ist Holighaus Student. "Ich wollte noch eine Abschlussarbeit schreiben, in andere Unternehmen reinschnuppern. Ich hatte noch andere Dinge vor." Vorbei. Er muss ins heimische Unternehmen. Er will.

Holighaus kennt es von klein auf. Sein Vater hat die Firma vom Gründer übernommen. "Als Bub bin ich schon zwischen den Flugzeugen herumgesprungen." Der Vater kam mittags heim und erzählte aus dem Betrieb. Doch es ist etwas anderes, als 25-Jähriger in die Fußstapfen treten zu müssen. Vor allem, weil der Vater anders war. Die Bestimmtheit seines Auftretens fehlt dem Juniorchef. "Für viele Leute ist durch den Tod meines Vaters eine Welt zusammengebrochen. Aber sie waren auch dankbar, dass ich das Unternehmen weiterführe." Das Vertrauen ist da. Er lernt von ihnen. Der Zusammenhalt mit seiner Mutter wird noch enger. Er gibt den Mitarbeitern mehr Eigenverantwortung, ist streng, das Delegieren bleibt schwierig.

Auch das Vermitteln ist nicht Holighaus Lieblingsbeschäftigung. Die Flugzeuge werden in kleinen Gruppen zusammengebaut. Unter den Mitarbeitern sind viele hervorragende Segelflieger. "Es gibt zwischenmenschliche Probleme, das ist nicht schön." Das Unternehmen muss umstrukturiert werden, das ist mühsam. "Aber ich habe mich geändert. Früher war ich impulsiver, heute gebe ich mich diplomatischer, wenn mich jemand anfönt."

Holighaus ist Ingenieur, Konstrukteur, Flieger - kein Personalchef. Er muss es aber sein. Derzeit ist seine Firma Schempp-Hirth noch übersichtlich. Die Wirtschaftskrise hinterlässt zwar Spuren, kann aber ohne Stellenabbau gemeistert werden.

Was ihn ärgert, ist die ständige Erreichbarkeit, die heute verlangt wird. Beim Segelflug ist Geduld angesagt, aussitzen. E-Mails sollen dagegen möglichst sofort beantwortet werden. "Früher haben Kunden zunächst im Betriebshandbuch nachgesehen oder den Vertriebsmitarbeiter vor Ort gefragt. Dann haben sie einen Brief oder ein Fax geschickt. Heute fragen sie schon abends nach, wenn sie morgens eine E-Mail geschickt haben."

Doch die moderne Technik ist auch ein Segen. Im Internet lassen sich Segelflugtouren anderer Piloten nachschauen und mit den eigenen vergleichen. "Da ärgert man sich manchmal, dass man nicht selbst auf diese Route kam."

Holighaus hat seinen Vater durch das Fliegen verloren und Freunde. Aber er macht weiter. "Wenn man das Leuchten in den Augen von Kunden sieht, die ihr Flugzeug bei uns abholen, gibt es daran auch keinen Zweifel." Qualität durch Zuverlässigkeit ist entscheidend. Holighaus: "Es gibt wohl nirgends größere Freiheit, Entscheidungen zu treffen, als wenn man im Flugzeug sitzt."

Zur Person

Geburtsjahr/-ort: 1969 in Kirchheim
Familienstand: verheiratet, drei Kinder
Hobbys: Segelfliegen, Sport in der Natur, Geschichte
Lieblingsbuch und/oder Autor: Autobiografisches aus der jüngeren Geschichte
Leibspeise: Mehl- und Süßspeisen
Traumland: Deutschland
Vorbild: Segelflugpioniere
Berufswunsch als Kind: Flugzeugbauer, Pfarrer

Zum Unternehmen

Gründung: 1935
Firmensitz: Kirchheim unter Teck
Branche: Flugzeugbau
Umsatz: unter 10 Millionen Euro
Mitarbeiter: 100
Standorte: zwei, beide in Kirchheim
Auslandsmärkte: Europa, Nord- und Südamerika, Südafrika, Australien, Neuseeland, Japan


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