Fairer Umgang ist die Basis

Stuttgart.  Nachhaltigkeit spielt für Rainer Scharr eine zentrale Rolle. Gleichgültig, ob es dabei um den Umgang mit Geschäftspartnern, Mitarbeitern, Ressourcen oder den Ausbau seiner Firma zum Energiedienstleister geht.

Rainer Otto Scharr ist Feuer und Flamme fürs Skifahren, wenngleich ihm seine Leidenschaft dieses Jahr ziemliche Schmerzen bereitet hat. Mit der Familie war der 44-Jährige in der vergangenen Wintersaison im österreichischen Serfaus unterwegs. Bei strahlendem Sonnenschein folgte er seinen Kindern in den dortigen Funpark, obwohl, wie er einräumt, "Schanzenspringen nie so mein Thema war". Er stürzte, kugelte sich beide Schultern aus. "Das war hart, schmerzhaft und hat mich sechs Monate sehr gehemmt", sagt er, während er zum Fototermin selbst Hand anlegt, um einen Sessel zur Seite zu wuchten. "Vor drei Monaten hätte ich das noch nicht hingekriegt", merkt er schmunzelnd an

In seinem Unternehmen, der Friedrich Scharr KG in Stuttgart-Vaihingen, geht der hochgewachsene Chef völlig anders mit Risiko um. Er hält sich an die Devise seines Vaters: Lieber gut schlafen als nur gut zu essen. "Man muss sich mit dem was man tut, wohlfühlen", erläutert er. "Daher versuchen wir, die Risiken und Abhängigkeiten von Kunden und Lieferanten zu begrenzen. Wir verzichten auch auf eine verlockende Chance, wenn sie die Substanz des Unternehmens gefährden könnte. Unabhängigkeit ist ein wesentlicher Teil unseres Selbstverständnisses", lautet einer der Grundsätze des studierten Betriebswirtes, der seit 14 Jahren das Familienunternehmen führt. In dieser Zeit wuchs die Friedrich Scharr KG - auch durch die Übernahme der Aral Wärmeservice im Südwesten - zu Baden-Württembergs größtem Heizölhändler. Der Handel mit Energie (Öl, Gas, Holzpellets), Produktion und Verkauf von Chemieprodukten und Schmierstoffen sowie Technik (Anlagenbau, Heiztechnik) bilden die drei Säulen des Unternehmens, das im 19. Jahrhundert als Kohlenhandlung gegründet wurde.

Mit dem Unternehmen kam der gebürtige Stuttgarter früh in Verbindung. Das war Thema am Mittagstisch. Als Achtjähriger durfte er auf einem Heizöllaster in Richtung Schwarzwald mitfahren, was ihn schwer beeindruckte. Er absolvierte Praktika im Unternehmen, füllte Gasflaschen ab, sackte Kohle ein. Anfang der 80er Jahre überzeugte er den Vater, neben Großrechnern auch PC einzusetzen. Noch heute schätzt er an seinem verstorbenen Vater, dass dieser ihn trotz seiner Jugend als Gesprächspartner ernst genommen hat. "Er hat mich nie gedrängt, ins Unternehmen zu kommen, aber freute sich sehr, als es dann soweit war."

Nach seinem Studium der technischen Betriebswirtschaft in Stuttgart zog es ihn - in einer Suchphase, wie er es nennt - zunächst ins Ausland. Er arbeitet beim US-Konzern Conoco-Phillips in Houston (US-Bundestaat Texas). "Das hat viel Spaß gemacht, und ich habe viel gelernt." Doch die Zeit in dem Großkonzern bestärkte ihn, letztlich ins Familienunternehmen einzusteigen. Das tat er nach seiner Rückkehr 1992 - zuerst als Assistent seines heute 72 Jahre alten Schwagers, der ihm systematisch Aufgaben überließ und einen fließenden Einstieg ermöglichte, später als Geschäftsführer. "Bei Conoco-Phillips war ich nur ein Rädchen in einem Riesengetriebe. Mir fehlte es, zu sehen, dass sich etwas bewegt."

Die Zeit in Houston prägte ihn auch auf eine andere Art. "Die Stadt ist faszinierend, grausam und verrückt." Vor allem sei sie ein Beispiel, wie man nicht mit Ressourcen umgeht: den Wahnsinn, in der Wüstenstadt Football-Stadien auf 18 Grad zu kühlen, die breiten Straßen, die großen Autos. "Für mich war der Umgang mit Ressourcen, die Endlichkeit der Ölvorräte, die Umweltbelastung ein Thema gewesen, seit ich denken kann", sagt Scharr.

Wandelte sich das Familienunternehmen in früheren Zeiten vom Kohle- zum Ölhändler und Anbieter von Heiztechnik, so will es Scharr nun zum Energieversorger entwickeln, der seinen Kunden Komplettlösungen anbietet, von der Energielieferung bis hin zur Technik. Diese müssten wirtschaftlich sinnvoll, effizient und nachhaltig sein. "Um welche Form der Energie es sich dabei handelt, ist weniger wichtig."

Auf Nachhaltigkeit setzt Scharr auch beim Umgang mit Geschäftspartnern und Mitarbeitern. "Mit Offenheit, Fairness und einer Partnerschaft ist man langfristig erfolgreicher, als wenn man kurzfristig seinen Vorteil sucht", betont er.

Überzeugt ist er auch davon, dass ein Unternehmen seiner gesellschaftlichen Verantwortung nachzukommen muss. Scharr verfolgt den Anspruch, für seine Mitarbeiter ein Umfeld zu schaffen, in dem diese sich wohlfühlen. Zudem engagiert er sich in der unternehmensnahen Stiftung, unterstützt unter anderem den SV Vaihingen, einen Behindertenkindergarten, das Vaihinger Lesefest sowie die Bundesliga-Spielerinnen der Allianz Volley Stuttgart.

Von seiner Freizeit verbringt Scharr so viel wie möglich mit seinen Kindern und seiner Ehefrau, die ihm den Rücken freihält und bei manchen Themen auch berät. Gerne würde er mit seiner Frau mehr weggehen oder mehr Sport machen. Letzteres geht zumindest am 15. Januar in Erfüllung beim "Weißen Ring", dem mit 22 Kilometern längsten Skirennen der Welt in Lech-Zürs, das Scharr seit drei Jahren mitfährt. Denn seine Leidenschaft fürs Skifahren hat er sich von seinem Unfall nicht nehmen lassen.


zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

Sie können noch Zeichen als Text schreiben
Für registrierte Nutzer
Bitte anmelden, um Ihren Kommentar abzuschicken
Für noch nicht registrierte Nutzer
Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.








Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:


Autor: ALEXANDER BÖGELEIN | 16.10.2010

Familienunternehmen im Südwesten: Die Macher

Roman Gorovoy, Chef von Elektrostar, Reichenbach HONORARFREI

Der junge Chef aus Moskau

Reichenbach/Fils Drei Generationen lang war Electrostar in Familienbesitz. In schwieriger Lage suchte das schwäbische Unternehmen einen Investor. Ein Russe sprang ein. Nun managt dessen Sohn das Unternehmen - mit Erfolg.... mehr

Ein Mann mit zwei Gesichtern

Stuttgart Eine Halle mit wenig Sauerstoff, eine Fahrt in schwindelerregende Höhen: Thomas Schäberle ist ein seriöser, rationaler Gefahrgut-Spediteur. Aber nicht nur. Manchmal hat er Spaß an Unerwartetem.... mehr

"Stillstand ist Rückschritt"

Göppingen Mut, Fleiß, die Fähigkeit, Mitarbeiter zu begeistern, gehören für Franz Rieger zu den Tugenden eines Unternehmers. "Vor allem aber muss man seine Ideen verwirklichen", sagt der Göppinger Möbelhändler.... mehr

Ein Buchstabe, der viel verändert

Stuttgart Man hat sie noch nicht schief angeschaut. Dabei ist der Ruf des Bankers ramponiert. Volker Gerstenmaier und Mario Caroli leiten nicht nur eine Bank, sie gehört ihnen sogar - wenn auch nur ein bisschen.... mehr

Auf dem Boden der Tatsachen

Stuttgart Bodenständigkeit kann wichtig sein. Schon gar bei einem Boden-Lack-Hersteller. Doch Stephan Klumpp muss das Unternehmen auch verändern. Und er ist anders, als sein Vater, Opa, Uropa.... mehr

Nachfolge ohne Haken

Leinfelden-Echterdingen Die Nachfolge gehört in Familienunternehmen meist zu den spannenden Phasen der Firmengeschichte. Manchmal verläuft sie aber auch völlig unkompliziert, wie das Beispiel der Verlagsgruppe Weinbrenner zeigt.... mehr

"Kompetenz im Schrott"

Essingen Der Schrottplatz ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Oliver Scholz leitet ein milliardenschweres Unternehmen auf der Ostalb - und geht völlig locker mit allem um, was heute Schrott ist.... mehr

Ein Mann mit vielen Etiketten

Waldenbuch Manche Familienunternehmer haben eine kerzengerade Biographie. Alfred Ritter zählt nicht dazu. Jeder kennt die berühmte Schokolade, die er macht. Doch der Mann hat noch ganz andere Seiten.... mehr

Langsam, aber sicher bis zum Ural

Weikersheim-Neubronn Ulrich und Hans-Friedrich Wolfarth sind fest verankert im idyllischen Taubertal, die dort hergestellten Bauelemente vertreiben sie bis an den Ural. Gemeinsam leiten und leben die Brüder ihr Unternehmen Wolfa.... mehr

Hart aber herzlich

Bietigheim Klaus Fuchs ist seinen Produkten aus Stahl tief verbunden und sieht in dem Werkstoff auch nichts Kaltes und Emotionsloses. Dennoch ist der Chef von Bessey abgehärtet - die Branche verlangt es.... mehr