Erfolgreich mit der Kaizen-Kultur

Villingen-Schwenningen.  Unabhängig bleiben und die Mitarbeiter mit Respekt behandeln. Die Werte hat Fritz Kübler seinen Söhnen Gebhard und Lothar weitergegeben. Seit 1997 leiten sie die Firma, in der die "Kaizen-Kultur" gepflegt wird.

Die Situation ist wie geschaffen für die Besucherin, der anschaulich gemacht werden soll, was "Kaizen" ganz praktisch im Arbeitsalltag bedeutet: Ein Mitarbeiter steht auf einer Leiter und schiebt auf einem der oberen Regalbretter Kartons hin und her, auf der Suche nach einem bestimmten Teil. "So soll es gerade nicht sein", sagt er peinlich berührt, als die Chefs Gebhard und Lothar Kübler plötzlich neben ihm stehen.

"Kaizen" ist eine japanische Lebens- und Arbeitsphilosophie, die das Streben nach ständiger Verbesserung zu ihrer Leitidee gemacht hat. Deshalb haben das Auf-die-Leiter-Klettern und die Sucherei, was beides unnötig Zeit kostet, auch ihr Gutes: Sie zeigen Schwachstellen im Arbeitsablauf auf und geben Anlass, darüber nachzudenken, was verbessert werden kann. "Wir sind auf einem guten Weg, doch perfekt sind wir noch lange nicht", sagt Gebhard Kübler. Der 42-Jährige hat mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Lothar 1997 die Firma Fritz Kübler GmbH im Stadtbezirk Schwenningen der Doppelstadt Villingen-Schwenningen übernommen.

Der Vater Fritz Kübler hat die Firma 1960 gegründet. Ihr Kerngeschäft ist, Positions- und Bewegungssensorik, Anzeige-, Zähl- und Übertragungstechnik zu entwickeln, herzustellen und global zu vermarkten. Darunter kann sich ein Laie erst mal nichts vorstellen, deshalb nennt Lothar Kübler ein Beispiel: In Aufzügen sind Produkte seiner Firma zu finden. Die regeln, wie schnell der Aufzug unterwegs ist, und sie messen den Weg, den die Kabine in der vorgegebenen Zeit und Geschwindigkeit zurücklegt. Sonst "wüsste" der Aufzug nicht, wann die Kabine das gewünschte Stockwerk erreicht hat.

Die Brüder sind in das Unternehmen hineingewachsen: "Als Kinder war die Firma für uns ein Spielplatz. Wir sind an den Wochenenden mit unseren Gokarts durch die Hallen gesaust", erzählt Lothar Kübler. Als die Kinder größer waren, hat der Vater sie zu Messen mitgenommen. "Er hatte ein gutes Händchen dafür, uns für die Firma zu interessieren", meint Gebhard Kübler. So durfte er bereits als 16-Jähriger mit dem Vater nach Singapur. Der jüngere Bruder begleitete den Vater in die USA, wo dieser neue Produkte vorstellte. "Danach mussten wir Berichte mit den Ergebnissen der Messen auf Englisch verfassen", erinnert sich Gebhard Kübler. So hätten sie die Sprache perfekt gelernt.

"Wir sind zwar in einem Unternehmer-Haushalt groß geworden, sind aber so erzogen worden, dass wir auf dem Boden bleiben", betont Gebhard Kübler. Die Mutter habe ihnen beigebracht, zu den Mitarbeitern stets freundlich zu sein und sie zu grüßen. Erika Kübler ist heute 80 Jahre alt und die Senior-Chefin. Ihr Mann ist 2003 gestorben. "Der Vater war für uns immer auch ein Vorbild", sagt Lothar Kübler. Er habe ihnen "die schwäbischen Tugenden" mitgegeben, "die gut sind und uns persönlich und geschäftlich weiterbringen". Zum Beispiel Bodenständigkeit und Sparsamkeit. Ganz wichtig war dem Firmengründer, sich nicht von Banken und Investoren abhängig zu machen. An diese Maxime halten sich auch die Söhne, und deshalb ist die Firma auch noch im 50. Jahr ihres Bestehens zu 100 Prozent in Familienbesitz.

Damit das in den kommenden 50 Jahren so bleibt, haben die Brüder vor zwei Jahren damit begonnen, die Kaizen-Kultur einzuführen. "Ein Großteil der Kosten fällt nicht in der Herstellung der Produkte an, sondern in den Zwischenschritten, zum Beispiel in der Lagerung und im Warentransport", sagt Gebhard Kübler. Um Kosten zu senken und niedrig zu halten, dabei aber trotzdem qualitativ hochwertige Produkte herzustellen, würden die Arbeitsabläufe ständig überprüft, immer auf der Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten.

Der deutsche Begriff für Kaizen ist "Kontinuierlicher Verbesserungsprozess" (KVP). Daran halten sich auch die Chefs, und ihnen ist ganz wichtig, die Mitarbeiter auf den Weg mitzunehmen, den sie gehen möchten. "Wir haben so angefangen, dass wir bei den Mitarbeitern Verständnis für unsere Umstrukturierungspläne geweckt haben", sagt Lothar Kübler. Ein Mitarbeiter wurde zum Kaizen-Beauftragten ausgebildet und hat als Mentor dafür gesorgt - und sorgt noch immer dafür, dass die Belegschaft von dem Leitgedanken der ständigen Verbesserung regelrecht durchdrungen wird. Beim Rundgang durch den Betrieb fallen die penibel aufgeräumten Arbeitsplätze auf. Da steht keine Kaffeetasse herum, kein herrenloser Stift ist zu sehen, kein Schnipsel Papier. Das ist ein Punkt in der Kaizen-Philosophie: Der Arbeitsplatz muss sauber und ordentlich sein, bar jeglicher persönlicher Gegenstände.

Der Beauftragte lädt die Mitarbeiter regelmäßig zu Schulungen ein. Das Ziel ist, aus der Fritz Kübler GmbH ein "lernendes Unternehmen" zu machen. Alle Mitarbeiter sind aufgerufen, Verbesserungsvorschläge zu machen.

Die Investitionen in die Weiterbildung der Mitarbeiter verstehen die Brüder als Investitionen in die Zukunft des Unternehmens. "Wir müssen die Leute nach unseren Maßstäben ausbilden, nur so können wir im weltweiten Wettbewerb überleben." Die Firma weiter auszubauen und auf Wachstumskurs zu halten, sehen die Brüder auch als eine gesellschaftliche Aufgabe an. Denn sie sichern wertvolle Arbeitsplätze.

In die ständige Verbesserung ist auch der Kundenservice eingebunden. "Bis 2014 wollen wir unter den fünf führenden Hauptwettbewerbern den messbar besten Service bieten", nennt Gebhard Kübler ein Ziel seines Unternehmens.

Er schätzt, dass die "Kaizen-Kultur", die er als Daueraufgabe versteht, ewig laufen wird. Die nächste Chef-Generation wächst dafür auch schon heran: Lothar Küblers dreijähriger Sohn Ferdinand weiß schon, dass er Chef werden will.


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