Ein glücklicher Tüftler
Eberbach. Die Freude an Technik, Disziplin und die Eigenschaft, sich durchzubeißen, haben den Unternehmer Andreas Wiese geprägt. Doch auch Glück und Zufall spielten in seinem Leben eine wichtige Rolle.
. Andreas Wiese mag technische Raffinessen, vor allem dann wenn die Eigenschaften der Tische und Stühle seines Unternehmens den Betrachter verblüffen. Beispielsweise wenn sich auf seinen Fingerdruck hin ein Laptop-Ablage dank purer Mechanik von der Glasplatte des Design-Couchtisches erhebt, oder er einen gedeckten Esstisch wie von Geisterhand vergrößert. Morgens führt ihn sein erster Weg in die Entwicklungsabteilung. Dort begutachtet er die Fortschritte des vierköpfigen Teams, das bisher zwanzig Patente erarbeitet hat.
Gerne getüftelt und gebastelt hat der 53-Jährige schon immer. In seiner Studienzeit schraubte er an Autos herum, baute den Motor seines "Alfa Bertone" ein und aus. Mit seiner Neigung fürs Mechanische hätte er beinahe Karriere bei einem großen Autokonzern gemacht. Doch schon seit fast zwanzig Jahren lebt der Wirtschaftsingenieur seine Technikliebe erfolgreich bei der Ronald Schmitt Tische GmbH in Eberbach am Neckar aus.
Dass er einmal am Rande des Odenwaldes sein eigenes Unternehmen leitet, das hatte Wiese nie geplant. "Viele Dinge in meinem Leben schreibe ich dem Glück und dem Zufall zu", erzählt er in erfrischender Offenheit. "Meine Ausbildung war nie darauf angelegt, hier ins Unternehmen einzusteigen."
Nach seinem Abitur Mitte der 70er Jahre in Berlin wollte er eigentlich Jura studieren. Ein Freund warb ihn für das Wirtschaftsingenieur-Studium. Obwohl er in der Schule in Mathematik und Physik gut war, hätte er beinahe das Grundstudium nicht überstanden. Er lernte die richtigen Kommilitonen kennen, die ihm halfen. Im Hauptstudium biss er sich durch, Er verbrachte ein Jahr in Kanada, arbeitete in Projekten für Industrieunternehmen.
Für einen attraktiven Job in einem Autokonzern verschob er die Promotion, an der er nebenher weiter arbeitete. Wiese stand vor einem Karrieresprung, als sein kinderloser Onkel ihn besuchte und ihn in einem Biergarten die Unternehmensnachfolge anbot. "Mich lockte vor allem, mein eigener Herr zu sein", sagt Wiese. In seinem Job und bei Praktikas hatte er erfahren, wie viel Fremdbestimmung und Machtgeplänkel es mitunter in großen Konzernen gibt. "Ich wollte mir keine Gedanken machen müssen, wer an meinem Stuhl sägt. Mein Naturell ist es auch nicht, am Reißbrett zu planen. Ich wollte Probleme lösen. Die mittelständische Struktur ist für mich das Richtige. Je älter ich werde, desto klarer wird mir das."
Seine damalige Freundin und heutige Frau trug die Entscheidung mit. 1989 startete Wiese nicht nur bei Ronald Schmitt, sondern heiratete auch im Mai, fünf Monate später bekam das Paar sein erstes Kind. "Ich hätte damals nicht geheiratet, wenn mir meine Frau nicht gesagt hätte, dass wir in freudiger Erwartung sind. Manchmal muss einem das Leben einen Schubs geben. Ich bin glücklich verheiratet und habe zwei Kinder." Vor all diesen Weichenstellungen hatte Wiese noch seine Doktorarbeit fertiggestellt. "Das war eine rein persönliche Geschichte. Ich hatte den Ehrgeiz, das fertig zu machen." Diszipliniert kann Wiese nach seinen Worten immer sein, wenn es um "herausragende Dinge" geht. Dazu gehört für ihn auch, jeden Morgen vor sieben Uhr zum Schwimmen zu gehen. "Dahinter steckt das Ziel, fit zu sein."
Im Unternehmen arbeiteten er und sein Onkel, beide Sternzeichen Widder, zehn Jahre zusammen, bevor sich sein Onkel schrittweise zurückzog. Das war nicht immer reibungsfrei. "Wir haben es aber immer geschafft, Lösungen zu finden, bei denen wir beide das Gesicht gewahrt haben." Sein Onkel habe ihm zudem große Freiräume und damit auch Vertrauen eingeräumt, betont Wiese. "Das war ein wichtiges Element dieses Generationswechsels." Anfangs hatte sich der heute 53-Jährige eine zweijährige Probezeit ausbedungen. Mittlerweile leitet er seit 22 Jahren die Firma, die sein Großvater gegründet hat.
Davon waren insbesondere die vergangenen zwei Jahre nicht leicht. Die Wirtschaftskrise hat das Möbelunternehmen gebeutelt. Wiese musste sich von 15 Mitarbeitern trennen. "Das hat weh getan. Man kennt die Menschen gut, und es gibt eine lange Verbundenheit."
Zudem kommt der Trend, dass größere Möbelhändler Tische direkt in China einkaufen - "zu Preisen, die nicht mal unsere Materialkosten decken." Wieses Strategie in diesem Umfeld ist es, sich mit Design, guter Verarbeitung, und individueller Kundenfertigung von den Massenprodukten abzuheben.
Bei den dabei immer wieder anstehenden kniffligen Entscheidungen, tauscht er sich mit seinem Onkel und seiner Hausbank aus, manchmal auch mit seiner Frau. Doch versucht Wiese, Geschäft und Privatleben zu trennen. Das sieht er als Schutzmechanismus, um abschalten zu können. Am liebsten tut er das auf der Jagd, vor allem der Bergjagd. "Dabei geht es mir nicht ums Töten. Jagd ist viel mehr als Schießen." Vielmehr helfe ihm die Liebe zur Natur, den Kopf frei zu bekommen. Wer das nicht schaffe, laufe Gefahr, im Beruf und im Privaten den Wald vor lauter Bäumen nicht zu erkennen.
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Autor: ALEXANDER BÖGELEIN | 22.01.2011
Die Entwicklungsabteilung zählt zu den Lieblingsplätzen von Andreas Wiese. Dort schaut er morgens gern als erstes vorbei und begutachtet beispielsweise Mechanikteile, mit denen sich Tischplatten verstellen lassen. Foto: Stefan Weindl
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