Ein Fan von Gegensätzen

Ulm.  Axel Nething wechselt gerne den Blickwinkel, im Privatleben wie als Chef seines Unternehmens in Ulm. Die Mitarbeiter des Architekturbüros versteht er als Team, für dessen Motivation er viel unternimmt.

. Axel Nething vereint manchen Gegensatz in sich. Ihn faszinieren Perfektion und Ordnung, gleichzeitig ist er von Freiheitsliebe durchdrungen. Kreativität ist dem Architekten so wichtig wie effiziente und professionelle Dienstleistung in der Arbeit. Er ist ein Verfechter nachhaltiger innovativer Architektur ohne modische Spielereien. Architektur, so lautet einer seiner Grundsätze, muss erklärbar sein und einen Zweck erfüllen.

Ihn fasziniert die schroffe Schönheit der südamerikanischen Natur, speziell die, der Anden-Länder. "Berge, Wandern - das ist großartig", sagt der 41-Jährige, der die Nething-Gruppe (Ulm) führt, eines der 25 größten Architekturbüros bundesweit. "In der Natur bekomme ich den Kopf frei, in Großstädten, im Schmelztiegel von Kunst und Kultur, lade ich mich mit Ideen auf. Mein Antrieb ist es, die Perfektion und die Schönheit, die in der Natur liegt, mitzunehmen in meine Arbeit und Dinge besser zu machen."

Mit Architektur und dem Unternehmersein kam Nething früh in Berührung. Sein Vater Frieder gründete 1967 das Unternehmen in der Drei-Zimmer-Wohnung der Familie. "Meine Mutter war die Sekretärin, kümmerte sich um Finanzen und Buchhaltung. Mein Vater trug mich auf dem Arm und telefonierte", erinnert sich Nething. Später fuhr sein Vater ihn in die Schule und funkte vom Auto aus mit Büro und Bauherren. "Architektur war und ist Familienalltag", sagt er.

Dennoch drängte ihn der Vater nie zu diesem Beruf. Nach dem Abitur liebäugelte Axel Nething aufgrund seines Interesses für Technik damit, Luft- und Raumfahrttechnik zu studieren, als sein Vater ihm vorschlug, sich in einem Architekturbüro im Ausland umzuschauen. "Die Leidenschaft und die Energie, mit der die Leute in dem Büro in London entwarfen, steckte an", erinnert sich Nething. Als er zurück kam, stand sein Entschluss fest, auch weil der Beruf des Architekten mitten im Leben der Menschen verankert ist.

Nach dem Studium in Innsbruck und Stuttgart wollte er seine eigene Erfahrungen sammeln. Zuerst arbeitete er in den Bauabteilungen zweier Großbanken in Frankfurt, lernte die Bauherrenseite kennen, nach vier Jahren kündigte er. "Die Konzernstrukturen und meine Freiheitsliebe passten nicht zusammen. Zudem sind Familienunternehmen stärker von Kontinuität und Nachhaltigkeit geprägt." Nething gründete mit Freunden ein eigenes Büro. Ein Jahr später klopfte sein Vater an und fragte: "Bleibst Du in Frankfurt oder kommst Du nach Ulm?"

Vater und Sohn, die ein herzliches Verhältnis haben, einigten sich auf ein Jahr. 2002 stieg Nething in die Geschäftsführung der Gruppe ein, deren Geschäft großteils aus Generalplanung besteht. Dazu gehören alle Planungsleistungen und die Organisation eines Bauvorhabens für den Bauherren. Mit 32 Jahren begann für Nething eine neue Herausforderung. Der Vater hatte das Büro groß und erfolgreich gemacht. "Man braucht ein paar Jahre, um in Jahrzehnten gewachsener Strukturen als ernsthafter Gegenüber anerkannt zu werden", sagt Nething im Rückblick. Einen Einführungskurs als Geschäftsführer gebe es nicht. "Das Anstrengende ist, sie müssen die Fehler selber machen und daraus lernen."

Anfangs habe er zugehört, keine Revolution angezettelt. Auch heute noch verfolge er seine Ziele mit freundlichem Nachdruck. Als Nachteil empfand er die Lage seines Arbeitsplatzes, der abseits der Kommunikationsströme lag. "Heute würde ich mich gleich zu Beginn woanders hinsetzen. Denn Architektur besteht zu hohem Maß aus Kommunikation." Daher sitzen neue Mitarbeiter nun mittendrin, um schnell Teil des Büro-Netzwerks zu werden.

Stolz ist Nething auf die flache Hierarchie des Büros mit 130 Mitarbeitern, bei der die Bauprojekte - Büros, Fabriken, Krankenhäusern, Hotels und Loftumbauten bis hin zu Parkhäusern, Handels- und Infrastrukturprojekten - im Mittelpunkt stehen. Sein Führungsanspruch lautet: "Wir haben Freude am Leben und Arbeiten in guten sozialen Beziehungen. Da geht es auch um Achtung voreinander", sagt Nething, dessen Vater im Frühjahr an die Spitze des Beirates gewechselt ist.

Die Maßnahmen, damit sich Mitarbeiter wohlfühlen, erschöpfen sich nicht in kostenlosem Cappuccino, täglich frisch gepressten Fruchtsäften und einer Fortbildungsakademie. Die Hälfte des Gewinns wird an die Beschäftigten ausgeschüttet- vom Prokuristen bis zur Putzfrau. "Zudem haben wir ein Zielvereinbarungssystem und setzen auf Offenheit", erklärt Nething. Doch auch etwas anderes trage zur Motivation bei. "Jeder hat seine Talente. Bei uns heißt die Devise: Die Stärken der Mitarbeiter stärken. Das setzt aber auch voraus, dass jeder sich zu seinen Schwächen bekennt."

Die Kunst sei es, die richtigen Spezialisten in einem Projektteam zusammenbringen, um die Anforderungen aus Bauherrenwünschen, Auflagen, Technologie, Ästhetik, Klima und Ökologie unter einen Hut zu bringen. "Bauen ist heute so kompliziert, das schaffen sie als Generalist nicht mehr. Sie brauchen vernetzte Spezialisten, die ganzheitlich denken."


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