Das Gefühl der Verantwortung

Balingen.  "Darfs ein bisschen mehr?" Die Frage beim Metzger ist unnötig. Denn die Waagen von Bizerba können es ganz genau machen. Andreas Kraut leitet den schwäbischen Weltmarktführer seit zwei Jahren.

Jeder in Balingen kennt Bizerba. Hier ist die Firma vor fast 150 Jahren gegründet worden, hier hat sie heute noch ihre Zentrale. Direkt an der Altstadt angedockt steht sie in einem markanten blauen Glasbau. Bizerba ist schon im Namen Teil der Hauptstadt des Zollern-Alb-Kreises. Der Schlosser Andreas Bizer legte hier in Balingen den Grundstein der Firma: Aus Bizer und Balingen machte er Bizerba.

Im Glasbau, vom Volksmund auch "Blaue Moschee" genannt, sitzt Andreas Wilhelm Kraut, 39, seit zwei Jahren Bizerba-Chef der fünften Generation und sagt, dass noch zu Beginn seines Studiums "völlig offen" war, ober er einst hier sitzen werde. Seinem Vater lag viel daran, dass die Firma weiterbestehen sollte - in Familienhand aber nur, falls sich sein Sohn oder eine der beiden Töchter dafür eigneten.

Seine Eignung als Geschäftsführer hat er Schritt für Schritt geprüft. Der Wille dazu entsprang dagegen ganz dem Gefühl, Teil einer Tradition zu sein. Dieses Gefühl machte sich aus tragischem Anlass bemerkbar: Der Vater, mehr als nur der Mittelpunkt des Unternehmens, starb mit 57 Jahren den Herztod.

Anfang 20 war er da, seine beiden Schwestern etwas älter, alle mitten in Studium oder Ausbildung. Doch alle waren sich mit der Mutter einig, die Firma weiterzuführen. "Bizerba ist unser Leben, war das Leben unseres Vaters", sagt er heute und lässt erahnen, wie einschneidend und schwierig das damals war. Mit Hilfe eines Beirates, den sein Vater noch gegründet und dafür Lothar Späth, den früheren baden-württembergischen Ministerpräsident, als Vorsitzenden gewonnen hatte, gelang es.

Bizerba ist heute einer jener Mittelständler, die in Baden-Württemberg verwurzelt, aber auf der ganzen Welt zu Hause sind. Bei Weltmarktführern ist das in einer globalisierten Wirtschaft zwangsläufig so. Die Balinger zählen mit ihren elektronischen Waagen und Schneidemaschinen sowie der Kombination und Fortentwicklung aus beidem zu den ganz Großen der Branche.

In allen vier Geschäftsbereichen unter den drei führenden Anbietern auf den Märkten der Welt zu sein - dieses Ziel hat sich der junge Firmenchef vorgenommen. "Nur so lohnt sich der Aufwand", sagt er und meint die Anstrengungen, eine Produktion, vor allem aber den Service aufzubauen, der sicherstellt, dass der Kunde ein Bizerba-Gerät auch schnellst möglich wieder repariert bekommt - in Brasilien ebenso wie in China.

Die Wahl zwischen Wachsen oder Weichen macht einen Weltmarktführer doch zum Getriebenen? In gewisser Weise ja, sagt Andreas Kraut. Aber es sei auch eine schöne Herausforderung. Und mit dem Selbstbewusstsein des Erfolgreichen sagt er auch, dass "wir das mittelfristig schaffen werden".

Sein Selbstbewusstsein hat er sich schrittweise erarbeitet. Getreu dem Motto seines Vaters, dass Befähigung vor Erbe kommt, wollte er nicht gleich ins gemachte Nest sitzen, sondern sich als Manager außerhalb heimischer Umgebung beweisen. Bei Heideldruck arbeitete er fünf Jahre und lernte als Teamchef Mitarbeiterführung. Später machte er beim Ausbau der Bizerba-Niederlassung in den USA sein Meisterstück in Management.

Seine Vorgänger haben die Firma stufenweise entwickelt: der Großvater baute sie nach dem Krieg wieder auf, der Vater machte sie international, aber noch weitgehend europäisch. Andreas Kraut, der aus Traditionsgründen den Zweitnamen Wilhelm pflegt, sieht seine Aufgabe darin, Bizerba als weltweites Unternehmen zu positionieren. Deshalb ist man inzwischen natürlich auch in China vertreten. Dies ließ die Belegschaft in Balingen anfangs um ihre Arbeitsplätze fürchten. Heute teilen sie die Einschätzung ihres Chefs: "Weil wir in China vertreten sind, sind wir besser geworden und haben auch in Balingen Arbeitsplätze aufgebaut."

Größe und Globalisierung - das sind zwei Kategorien, die auch die Philosophie des heutigen Geschäftsführers prägen. Chef spielen, ohne ein Chef zu sein; eine Firma gewissermaßen vom Familientisch aus zu führen - "dazu ist Bizerba zu groß", sagt er. Es geht ihm darum, sein Unternehmen im Spannungsbogen zu positionieren zwischen einer Familienfirma, dessen Flair Mitarbeiter und Kunden schätzen, und gleichzeitig die professionellen-organisatorischen Strukturen eines weltweiten Konzerns aufzubauen.

Diesen Spagat will Kraut hinkriegen. Das ist die Aufgabe, die ihm und der ganzen Familie (der Mutter und seinen beiden Schwestern) mehr bedeutet als die Alternative damals, als alles plötzlich in Frage stand. Die Krauts hätten wie die anderen Gesellschafter des Clans auch ihre Anteile verkaufen können.

Doch da spürte Andreas Wilhelm Kraut, was er heute den Geist der Verantwortung nennt, der Tradition eines Familienunternehmens gerecht zu werden. "Dieser Geist ist viel wertvoller als ein dickes Bankkonto."


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Autor: HELMUT SCHNEIDER | 15.10.2011

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