Beschlagen in Beschlägen

Nagold.  Sie vertritt die dritte Generation im Familienunternehmen Häfele, einem Spezialisten für Beschläge. Selbstverständlich war es für Sibylle Thierer nicht, in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Der Weg war das Ziel.

Beschläge - das klingt nach drögen Regalen im Heimwerkermarkt, nach faden Katalogen, aber keinesfalls nach einem Thema, über das ausgerechnet eine Frau leidenschaftlich erzählen kann. Bei Sibylle Thierer (50) ist das etwas anderes. Die Chefin der Nagolder Häfele Gruppe gerät richtig ins Schwärmen, wenn sie über die Produkte spricht, mit denen das Familienunternehmen in der inzwischen dritten Generation weltweit erfolgreich ist. Beschläge, so erklärt sie, sorgen im Wohnraum für Bewegung.

Weil Worte nicht alles beschreiben können, hat sie dafür gesorgt, dass Beschläge erlebbar werden: Ein Handgriff - und schon verschwindet ein Schreibtisch samt PC, dafür klappt ein Bett aus. In einem Couchtisch ist eine Bar versenkt, in einem Schrank eine Nähmaschine, in einer Küche lässt sich die Arbeitsfläche spielend leicht auf Kinder- und Erwachsenenhöhe teilen. . .. Die Augen des Besuchers werden größer und größer, er kommt ins Grübeln, wie praktisch die eine oder andere Lösung für zuhause sein könnte.

Sibylle Thierer lacht zufrieden. Es freut sie, wenn ihre Botschaft verstanden wird: "Wir können Möbel interessant machen. Wir passen sie den Bedürfnissen der Nutzer an", sagt sie. Solche Erlebniswelten wie die in Nagold hat sie auch in Köln, dem Standort der Branchenleitmesse "Interzum", sowie in einem Ausstellungszentrum in Zürich einrichten lassen. Schreiner und Innenarchitekten kommen mit ihren Kunden hin, zeigen, welche Möglichkeiten es gibt, Wohnraum individuell zu gestalten, schaffen Platz für Phantasie. Manche Endkunden schauen auf eigene Faust vorbei. Wer dann einen geeigneten Schreiner sucht, kann dies mit Hilfe einer Internetplattform von Häfele tun. Ein Firmenmagazin beschreibt zudem, wie Beschläge Wohnen besser und funktionaler machen können.

Die Firmenchefin hat aus der eigenen Erfahrung gelernt. "Ich wusste die ersten 20 Jahre meines Lebens nicht, was Häfele eigentlich macht." Damals hatte noch ihr Vater Walther Thierer, der Neffe des Firmengründers Adolf Häfele, das Unternehmen geleitet. "Er ist viel gereist", erinnert sie sich, und er habe oft Briefmarken mitgebracht. Aber was er den Kunden verkauft hat, das blieb ihr lange suspekt.

Erst viele Jahre später, als sie eine Schreinerlehre machte, kam sie mit den Beschlägen in Kontakt. "Da standen überall Häfele-Schachteln herum." Kein Wunder, gilt doch der Firmenkatalog als eine Art Bibel für alle, die mit Möbel und Innenausbau zu tun haben. "Der Große Häfele" wird in 10 Sprachen aufgelegt, umfasst 2000 Seiten und rund 20 000 Artikel, die das Unternehmen aus Nagold selbst fertigt oder weltweit einkauft.

Die Schreinerlehre war aber beileibe nicht der Einstieg in ihre Karriere bei Häfele. Die Firma wurde nach dem frühen Tod ihres Vaters zunächst 22 Jahre lang von Hans Nock, einem familienfremden Geschäftsführer geleitet. Keines der vier Kinder war damals soweit, in die Fußstapfen des Vaters zu treten, sagt Sibylle Thierer. Sie selbst als Jüngste hatte anfangs auch anderes im Sinn, als sich um das Beschlagsimperium zu kümmern.

Immerhin hatte sie mit 18 Jahren schon einige Entscheidungen getroffen: Dazu zählte erstens, im Fall einer Heirat den Mädchennamen zu behalten, und zweitens, drei Berufe zu lernen: Schreiner, Kfz-Mechaniker, Erzieherin. "Ich wollte relativ autonom in meinem Leben sein und dachte mir, damit kommst Du in vielen Lebenslagen zurecht."

Aus dem Kfz-Mechaniker und der Erzieherin wurde nichts. Aber drei Standbeine, eigentlich vier, hat sie sich trotzdem geschaffen: Sibylle Thierer ist Schreinerin, Grund- und Hauptschullehrerin, hat einen Studienabschluss in internationalem Marketing und leitet ein Unternehmen. Zudem zieht sie mit ihrem Mann, einem Agrarökonomen, zwei Söhne groß. Er hat im Nebenerwerb einen Bauernhof.

Während sie vom Besprechungszimmer aus auf das Gehöft schaut, erzählt Sibylle Thierer, wie sie doch noch Unternehmerin wurde. Wie sie ihre Liebe für das Geschäft 1985 eher zufällig entdeckte, durch einen Ferienjob bei Häfele in den USA. Mit Hilfe eines deutschen Schreinermeisters den Kunden zu erklären, was Beschläge können, das war ihr Ding. Das Marketingstudium sattelte sie schon mit der Absicht drauf, "zu Häfele zu gehen".

Im Jahr 2003, nach Stationen als Geschäftsführerin bei Häfele in der Schweiz und Italien, übernahm sie den Chefposten der Dachgesellschaft in Nagold. "Tradition ist nicht der Grund, weshalb ich das mache." Ihr gefällt es, dass sie ihre Ideen umsetzen kann. Das tut sie am liebsten im Team, oft spricht sie von "wir", nur selten von "ich".

Wie damals ihr Vater ist Sibylle Thierer für Häfele viel auf Achse, besucht Kunden und Niederlassungen. Dennoch macht sie vieles anders. Sie hat keine Angst vor neuen Wegen. Für sie gibt es kein "richtig" oder "falsch". "Ob Du links gehst oder rechts, ist egal. Wichtig ist, dass Du weißt, wohin Du willst." Das habe sie bis heute geleitet, sagt Sibylle Thierer. Ebenso wie die Erkenntnis: "Nichts von dem, was ich gelernt habe, war umsonst."


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