Märklin rollt aus der Pleite

Göppingen.  Nur wenige Tage vor Weihnachten stimmen die Märklin-Gläubiger heute im Göppinger Amtsgericht über eine Art vorgezogene Bescherung ab. Steht die Mehrheit, zahlt Märklin ein Drittel seiner Schulden zurück.

Die Gläubigerversammlung fällt in eine Zeit, in der sich Jungs und ihre Väter traditionell auf den Aufbau ihrer Märklin-Anlage an Heiligabend freuen. Doch mit Eisenbahnromantik hat die Entscheidung, die es heute im Göppinger Amtsgericht zu fällen gilt, wenig zu tun. Es geht um die wirtschaftliche Zukunft des Göppinger Traditionsbetriebs, der im März 2009 unter der Regie des Londoner Finanzinvestors Kingsbridge pleite gegangen war und der es jetzt - 22 Monate später - mit eigener Kraft aus der Insolvenz schaffen will. Und es geht um das Schicksal von rund 1000 Beschäftigten, die sich am Stammsitz in Göppingen und im ungarischen Werk in Györ ins Zeug gelegt haben, um den "Unternehmer mit Herzblut" zu locken, der Märklin für 60 Millionen Euro übernimmt und zu neuer Blüte treibt.

Soweit ist es nicht gekommen. Und doch befindet sich der Modellbahnhersteller laut Insolvenzverwalter Michael Pluta dank umfassender Sanierungsbemühungen wieder in der Erfolgsspur. Berichte des in Düsseldorf erscheinenden "Handelsblatts", wonach Märklin unverkäuflich sei, weist Pluta entschieden zurück. Weil keiner der Interessenten einen Preis habe bezahlen wollen, der dem Firmenwert entspreche, habe man den Verkaufsprozess bewusst abgebrochen.

Die Zuversicht des Ulmer Anwalts rührt nur zum Teil vom Weihnachtsgeschäft her, das nach den Erwartungen des Spielwaren-Einzelhandelsverbands deutlich positiv ausfallen wird. 40 Millionen Euro hat Märklin laut Insolvenzplan auf dem Konto. Das ist genug, um ein Drittel der Schulden an die rund 1350 Gläubiger zurückzahlen zu können, bei denen Märklin mit 93 Millionen Euro in der Kreide steht. Das Geschäftsjahr 2010 sei erfolgreich verlaufen, erklärte der Insolvenzverwalter gegenüber der NWZ. "Die Ebit-Ziele werden noch deutlich übertroffen werden." Tatsächlich lag der Gewinn vor Steuern und Zinsen im Jahr 2009 bei zwölf Millionen Euro, dieses Jahr rechnet Pluta mit mindestens acht Millionen Euro. Weitere Einnahmen in Höhe von 10 Millionen Euro stammen aus dem Abbau des Fertigwarenlagers.

"Allein die Tatsache, dass der Insolvenzplan aus Eigenmitteln finanziert wird, spiegelt den Erfolg am Markt und den Wert der Firma wider", sagt Pluta. Er zweifelt nicht daran, dass die Gläubiger ihn heute unterstützen werden. "Wir haben jetzt schon eine überwältigend Mehrheit von Zustimmung erhalten." Viele Gläubiger werden nicht persönlich im Amtsgericht erscheinen, weil sie Anwälte mit der Wahrnehmung ihrer Interessen beauftragt haben.

Als sicher gilt die Zustimmung der BW-Bank, der Göppinger Kreissparkasse und der Investment-Bank Goldman Sachs, deren Forderungen zusammen allein rund 60 Millionen Euro betragen.

Auch die Beschäftigten von Märklin stehen der Vorlage von Pluta positiv gegenüber und haben ihren Teil zum Gelingen beigetragen, wie die Vertreterin der Göppinger IG Metall, Renate Gmoser, bereits Ende Oktober gegenüber der NWZ bestätigt hatte. Um den Fortbestand von Märklin zu ermöglichen, hatte der Betriebsrat zähneknirschend einem Abbau von 28 weiteren Stellen Ende September zugestimmt.

Damit wurden im Zuge der Insolvenz am Stammsitz in Göppingen 155 und im ungarischen Györ 180 Mitarbeiter entlassen. Hinzu kommen 54 Beschäftigte, die im Zuge der Schließung des Werks in Nürnberg gehen mussten. Außerdem willigten die Arbeitnehmervertreter in einen Tarifvertrag ein, der eine Kürzung von Weihnachts- und Urlaubsgeld und eine 39,5-Stunden-Woche bis 2013 vorsieht. IG-Metall-Vertreterin Gmoser sieht in dem Insolvenzplan einen Befreiungsschlag. Ob es ein Lichtblick sei, könne man erst 2014 sehen. Voraussetzung sei, dass das Management die Märklin-Modelleisenbahnen wieder verstärkt in die Kinderzimmer bringe.

Nach Informationen der NWZ sollen die Göppinger Kreissparkasse und die BW-Bank als Gesellschafter bei der Märklin & Cie. GmbH einsteigen, über der eine Holding thront, in deren Beirat auch Insolvenzverwalter Pluta vertreten sein wird. Weil das Finanzamt eine Erklärung dazu abgeben muss, wird die Gläubiger-Entscheidung erst Anfang nächsten Jahres endgültig sein.


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Autor: JOA SCHMID | 21.12.2010

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