Märklin-Mythos zieht noch

Donzdorf / Göppingen.  Seltenes und zum Teil noch nie ausgestelltes Märklin-Spielzeug wurde am Wochenende in Donzdorf gezeigt. Und das Göppinger Stammwerk wurde von fast 10 000 Besuchern an zwei Tagen förmlich überrannt.

Nur die Seifenschale fehlt. Dem Wasserkrug und dem Waschbecken sieht man an, dass es etwas in die Jahre gekommen ist. Immerhin, das filigrane Accessoire für eine Märklin-Puppenstube ist stolze 116 Jahre alt. Sein Besitzer hat es über die Internet-Plattform Ebay ersteigert. Daneben sieht die handbemalte Toilette aus Porzellan und Weißblech auch nach 89 Jahren aus wie neu. "Und die Wasserspülung mit dem Seilzug funktioniert noch einwandfrei."

Roland Gaugele, früherer Pressesprecher bei Märklin, weiß zu jedem Exponat eine Geschichte zu erzählen. Zwei Tage lang gab es am Wochenende in Donzdorf seltenes und zum Teil noch nie gezeigtes Märklin-Spielzeug zu bestaunen. Von der Puppenküche bis zum Zeppelinmodell, vom "Adler" bis zum "Krokodil". Roland Gaugele - "Papa Märklin" - und der Verein "1. Märklin Modellbahn Team" hatten für das Rahmenprogramm zum Donzdorfer Weihnachtsmarkt eine wahre Raritäten-Schau konzipiert. "Eine Ausstellung von ganz erheblichem Wert", freut sich Gaugele.

Alexandra Märklin, Ur-Ur-Enkelin des Firmengründers Theodor Friedrich Wilhelm Märklin und Tochter des im Frühjahr verstorbenen Claudius Märklin, ist eine von ihnen. Als die Anfrage von Gaugele kam, habe sie sofort zugesagt, erklärt die 32-Jährige. Zur Ausstellungseröffnung am Freitagabend ist sie extra mehrere hundert Kilometer angereist. Von ihr stammen einige fast unbekannte Märklin-Exponate. "Mein Vater hat als Kind noch mit einigen davon gespielt", sagt sie und deutet hinüber zur Vitrine mit dem "Froschkäfig" und der "Voliere". Die hätten tatsächlich auch schon Frösche und Vögel enthalten, versichert sie. "Pferdestall und Kutsche" seien Lieblingsstücke von ihr. Die Firma Märklin baute sie um 1920 herum. In den zwei leeren Pferdeboxen stehen in krakeligen Buchstaben die Namen "Flora" und "Astra" zu lesen. Geschrieben von der Kinderhand des Vaters.

Eigentlich gehört Roland Gaugele mit zur Ausstellung. Am Wochenende wird er den Ausstellungsraum im Donzdorfer Schloss kaum verlassen. Auch wenn es sich de facto um Spielzeug handelt, die Spielsachen sind zu wertvoll. Das tägliche Aufräumen des "Spielzimmers" entfällt, weil es den Exponaten nicht bekommen würde. Gespielt werden kann ohnehin nur mit den Augen. Bis auf die zwei großen Anlagen, auf denen Züge fahren, ist alles mannshoch hinter Glas geschützt. Wen es zu sehr in den Fingern kribbelt, der muss sich damit begnügen, auf dem Auslöser seiner Kamera herumzutrippeln.

Die Dampfmaschine 4158/14 zählt mit zu den Highlights. Ein funktionierendes, schwarzes Ensemble aus Dampfkessel, Kolben, Schwungrädern und Transmissionen, das auf einer Platte mit Kachelmuster montiert worden ist. Gebaut im Jahre 1906. Der Fußboden im Märklin-Stammwerk soll genauso ausgesehen haben. "Nur zwei dieser Exemplare sind bekannt. Das Original der Maschine war im Berliner Schloss von Kaiser Wilhelm II. in Betrieb", erzählt Roland Gaugele, der vor Ort immer wieder von Sammlern mitgebrachte Märklin-Sachen wertschätzen muss.

Einen Massenansturm erlebte Märklin am Wochenende aber am Stammwerk in Göppingen. Zum ersten Mal seit Langem hatte die Firma dort wieder einen Tag der offenen Tür veranstaltet. Die 300 Mitarbeiter wurden fast überrannt. An zwei Tagen kamen knapp 10 000 Besucher in die Werkshallen, berichtet Eric-Michael Peschel von der Marketing-Abteilung. Allein am Samstag stellten sich 6500 Menschen in lange Schlangen, um die Produktionsanlagen von innen zu sehen.

"Die Marke Märklin lebt", freute sich Peschel am Sonntagabend, als der Mitarbeiter des in der Insolvenz steckenden Unternehmens ein überaus positives Resümee zog. Die Insolvenzverwalter waren es, die den Vorschlag gemacht hatten, mal wieder Publikum in die Werkshallen zu holen - damit langjährige Liebhaber sich überzeugen konnten, warum die Produkte ihren Preis haben. Es wurden auch neue Fans gewonnen, berichtet Peschel.

Der siebenjährige Jonas war eigentlich gekommen, weil er ein Flugzeugmodell haben wollte. Jetzt fährt er auf Modell-Eisenbahn ab.


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Autor: HANS STEINHERR ARND WOLETZ | 11.12.2009

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