Zerwürfnis

Märklin-Mitarbeiter machen gegen Betriebsrat mobil

Göppingen.  Während Insolvenzverwalter Michael Pluta nach einem Käufer von Märklin sucht, ist im Stammwerk des Modellbahnbauers Feuer unterm Dach. Jetzt machen die Mitarbeiter gegen den Betriebsrat mobil.

Vorzeichen für das Fest der Liebe sucht man im Stammwerk des Göppinger Modellbahnbauers Märklin zurzeit vergeblich. Im Gegenteil. Mitten in der Vorweihnachtszeit - traditionell die heiße Produktionsphase im Jahresverlauf - fliegen in den Fabrikationshallen in der Stuttgarter Straße die Fetzen. Geschäftsführer Kurt Seitzinger bezichtigt den Betriebsratsvorsitzenden Dieter Weißhaar in einem am schwarzen Brett ausgehängten Brief der "dreisten Heuchelei" und wähnt den obersten Vertreter der Beschäftigten samt seiner Gefolgsleute auf "gutem Weg, sich zum Totengräber dieses Unternehmens zu machen". Noch ungewöhnlicher als der harsche Ton des Geschäftsführers ist die Tatsache, dass die Mehrheit der 490 in Göppingen verbliebenen Beschäftigten das offenbar ganz ähnlich sieht. 350 Mitarbeiter sprechen sich per Unterschrift gegen das Vorgehen des Betriebsrates aus und beurkunden so ein Zerwürfnis, das seit Wochen die vorweihnachtliche Stimmung in den Produktionshallen trübt.

Hintergrund des Zwists ist eine Betriebsvereinbarung, die jeden Mitarbeiter verpflichtet, im Interesse einer Sanierung des Unternehmens in diesem Jahr 105 Stunden unbezahlte Mehrarbeit zu leisten. Dafür erklärt sich Märklin bereit, auf einen weiteren Abbau von 20 Stellen zu verzichten. Eine Umfrage des Betriebsrates unter den Mitarbeitern hatte ergeben, dass viele Beschäftigte die unbezahlte Mehrarbeit auch an Samstagen als Belastung empfinden.

Nach Meinung des Betriebsratsvorsitzenden Dieter Weißhaar sorgt die Vereinbarung für "Unruhe und Angst" vor allem unter den Mitarbeitern, die die geforderte Anzahl der Sanierungsstunden zum Jahresende nicht erreichen. Dies teilt er dem Geschäftsführer am 12. November per E-Mail mit. Weißhaars Bitte, den säumigen Mitarbeitern Sorgen und Ängste zu nehmen, indem er ihnen garantiert, dass deswegen kein Personalabbau zu befürchten sei, quittiert Seitzinger unmissverständlich: "Den Teufel werde ich tun, mein hochverehrter Betriebsrats-Vorsitzender!" Im Gegenteil werde man sich demnächst mit den Arbeitszeitkonten all derjenigen sehr genau beschäftigen, "die glauben, sich zu Lasten ihrer Kolleginnen und Kollegen die Mehrarbeit ersparen zu können", poltert Seizinger in dem Brief, der der SÜDWEST PRESSE vorliegt. Auch das Arbeitszeitkonto des Betriebsratsvorsitzenden und seiner Sekretärin sei davon nicht ausgenommen, schreibt Seitzinger und unterstellt Weißhaar, bei Märklin "seinen Traum vom sozialistischen Arbeiterparadies" zu verwirklichen.

Kaum weniger sauer reagierte der Leiter der Märklin-Produktion, Wolfrad Bächle. Sämtliche Bemühungen derer, die die Arbeitsplatz sichernden Maßnahmen vorantrieben, würden permanent von den "glorreichen sechs" der insgesamt elf Betriebsräte boykottiert, schreibt er am 12. November in einer E-Mail an Seitzinger. Als der Betriebsrat die umstrittene Betriebsvereinbarung am 19. November kündigt, macht sich bei Märklin Panikstimmung breit. Die Mitarbeiter fürchten um ihre Jobs. Tatsächlich droht der Streit die Pläne von Insolvenzverwalter Michael Pluta zu erschüttern. "Das Unternehmen wäre dann unverkäuflich gewesen", erklärte gestern eine Sprecherin seines Ulmer Büros gegenüber der SÜDWEST PRESSE. Pluta, der für den Kauf von Märklin ein Finanzierungsvolumen von 70 Mio. EUR voraussetzt, setzt alle Hoffnungen in das Weihnachtsgeschäft.

Seitzinger reagiert und droht, eine ins Auge gefasste Produktionsverlagerung aus dem Märklin-Werk in Ungarn nach Göppingen im Umfang von 5 Mio. EUR zu stoppen. "Wenn ich zu der Erkenntnis kommen sollte, dass Märklin in der Insolvenz keine Chance mehr hat, weil der Betriebsrat alles blockiert und das Ziel der Sanierung der Firma unterläuft, dann wird dies unmittelbar mit dem Insolvenzverwalter und dem Gläubiger-Ausschuss zu besprechen sein." Diese Drohung und die 350 Unterschriften der Mitarbeiter gegen das Vorgehen des Betriebsrates zeigen Wirkung. Das Gremium zieht die Kündigung der Vereinbarung zurück.

Mittlerweile ist in Göppingen zumindest vordergründig wieder Ruhe eingekehrt. Und das soll offenbar so bleiben. Betriebsratsvorsitzender Dieter Weißhaar hat sich krank gemeldet. Weder er noch seine Kollegen stehen für eine Stellungnahme zur Verfügung. Auch Geschäftsführer Kurt Seitzinger will die innerbetrieblichen Auseinandersetzungen der vergangenen Wochen nicht kommentieren. Sogar bei der Göppinger IG-Metall herrscht Funkstille. "Kein Kommentar", sagt die Bevollmächtigte Renate Gmoser. Für die guten Nachrichten ist Insolvenzverwalter Michael Pluta zuständig. Seine "täglichen Hochrechnungen" lassen ihn hoffen. Läuft das Weihnachtsgeschäft so, wie es aussieht, dürfte ein Verkauf von Märklin im nächsten Jahr kein Problem sein, meint er.


Kommentare (1)

29.11.2009 08:34 Uhr |   Armin

An den Haaren herbei ziehen?

Führt Märklin immens verspätet vor rund neun Jahren veröffentlichte Finanzierungsstandards für deren aktuelle Sanierung durch, bedient sich ganz offenbar laut dem Bericht der Südwest Presse die Märklin-Geschäftsführung im unbefugten Verein mit dem Insolvenzverwalter Pluta fremden geistigen Eigentums ohne die von der Allgemeinheit dafür verlangte angemessene Vergütung zu entrichten; und verbrennen sich auf diese Weise ihre Finger. Die Sprecherin des Ulmer Anwalts Pluta äußert sich ob dieses selbstzerstörerischen Umstands wider jeglicher Lebenserfahrung allein fiktiv und damit realitätsuntauglich.

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