Nochn Gedicht!
Reutlingen. Sieger des Festivals wurde "Effi Briest" (siehe unten). Zuletzt zeigte Murat Yeginer, Schauspieldirektor in Pforzheim, beim Tonne-Festival Monospektakel eine brave, deutsch-türkische Heinz-Erhardt-Show.
Der Dramaturg und Schriftsteller John von Düffel hat diese Hommage an Heinz Erhardt zu dessen 100. Geburtstag 2009 seinem Freund, dem Schauspieler, Regisseur und Pforzheimer Schauspieldirektor Murat Yeginer auf den Leib geschrieben. Um den Erhardt-Kern der Story herum hat er eine seltsame Integrationsgeschichte gebastelt.
Murat Yeginer ist offenbar ein Beispiel gelungener Integration und darf deshalb als "Ahmed Erhardt" am Goethe-Institut Istanbul einen "Kurs für Auswanderungswillige" leiten, unter dem Titel "Deutsch sprechen, denken und handeln am Musterbeispiel Heinz Erhardt". Eigentlich ja eine ganz hübsche Idee. Wer sich davon aber bissiges Kabarett, eine Heinz-Erhardt-Parodie oder einfach nur ein klein wenig Nestbeschmutzung verspricht, sieht sich enttäuscht. Murat Yeginer steht als Folklore-Türke "Ahmed Erhardt" auf der Bühne, behauptet, sein Vater sei der Wirtschaftswunder-Komiker Heinz Erhardt gewesen, und somit ebenfalls ein mustergültig integrierter Türkisch-Deutscher. Als Beweis zeigt er entsprechende Fotos und Filmszenen mit Heinz Erhardt und Großfamilie.
Nach und nach fallen Schnauzer nebst Jodel-Jäckchen, und Ahmed verwandelt sich auch noch selbst in Heinz Erhardt, um irgendwie dessen Gedichte, Verhaspler, Wortspielchen, Slapstick-Einlagen und Gesänge im Stück unterzukriegen: Ein Stück, das sich nicht entscheiden kann zwischen Biografie-Theater, Hommage, deutsch-türkischer-Klischee-Parodie, Heinz-Erhardt-Wiederbelebungsversuch, Ähnlichkeitswettbewerb, Gedächtnis-Abend, "Wie werde ich deutsch?"-Kurs, "Wie werde ich Heinz Erhardt?"-Show und "Humor der 50er reloaded".
Der Witz dabei: Das Ganze ist null lustig. Der Grund für diese abenteuerliche migrationshintergründige Konstruktion scheint zu sein, dass Heinz Erhardt selbst einst mit seinem Vater aus Riga eingewandert ist. Und damit in der Logik von Düffels offenbar ebenfalls ein ausländischer Musterdeutscher war.
Apropos Logik: Das Publikum sucht das Stück verzweifelt danach ab - vergeblich. Dafür zünden Heinz Erhardts Gedichte teilweise immer noch, aber dafür brauchts keine pseudovertrackte Rahmengeschichte.
Der Humor von John von Düffel wiederum kommt extrem bieder bis brav daher und kann nicht mal mit dem mittlerweile auch schon altertümlichen Humor Erhardts mithalten. Murat Yeginer dagegen gibt sich alle Mühe, gegen die Schwächen des Textes anzuspielen. Er gibt alles, und vor allem den temperamentvollen, aufdringlichen Klischeetürken, der im Publikum herumspringt und Damen abknutscht. Der abgedroschene Witze über Türken und ihre Sprache macht. Der alberne Publikumsanimation betreibt. Der von seiner Familie erzählt: Der Bruder führe eine "Teppichhandlung in Reutlingen", die Schwester eine "Kichererbsen-Plantage" in Anatolien. Er selbst sei als "Süd-Anaboliker" seinem Vater "wie aus dem Gesäß geschnitten". Die Mama eine "orientalische Schönheit, bis sie anfing, Haare und Damenbart zu blondieren". Geht"s eigentlich noch?
Murat Yeginer scheint sich an all dem nicht zu stören, singt mit viel Schmelz und Schmalz deutsche Volkslieder aus den 50ern, unter Klavierbegleitung von "Üzgür" (Christoph Iacono), der sich als "Marcello aus Sizilien" herausstellt und sich mit Ahmed einen knallharten "Dönerbude-Pizza-Service"-Beschimpfungs-Dialog liefert.
Ahmeds Tipp für Neuzugezogene in Nierentisch-Käseigel-Kellermeister-Deutschland: Man solle erstmal "nochn Gedicht" aufsagen, was er dann auch eifrig in die Tat umsetzt. Bevor er noch erwähnt, dass im Deutschland-Einbürgerungstest der "Hümor" ja nicht abgefragt werde: "Sonst müssten sie ja einen Großteil der Deutschen ausweisen." John von Düffel wäre auf jeden Fall mit dabei.
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Autor: KATHRIN KIPP | 06.02.2012
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