Liebe im kruden Umfeld

Reutlingen.  Es fließt Blut, es werden Bäumchen gerettet und fremde Beerdigungen besucht: Die Tonne zeigt "Harold und Maude" von Colin Higgins. Die Regie führt Enrico Urbanek, Premiere ist am Samstag in der Planie 22.

Der 20-jährige, leicht exzentrische Harold wird laufend von seiner dominanten Mutter malträtiert: Sie füllt für ihn den psychologisch ausgefeilten Fragebogen für den "Computer Dating Club" aus, schleppt immer wieder Heiratskandidatinnen ins Haus und schickt ihn zur Psychiaterin. Der Onkel versucht, ihm Anstand und Disziplin beizubringen und rät zu einer militärischen Karriere.

Der todesfaszinierte Harold wiederum rächt sich mit kreativ gestalteten Selbstmordinszenierungen. Dann lernt er Maude kennen und ist von ihrer unkonventionellen, impulsiven Art, ihrer Vorliebe für fremde Beerdigungen und ihrer Lebenslust ganz begeistert. Es entwickelt sich eine enge Freund- und Liebschaft, und Harold möchte Maude gerne heiraten. Die Mutter ist geschockt, denn Maude ist schon fröhliche 79 Jahre alt.

"Harold and Maude" wurde 1971 von Colin Higgins als Abschlussarbeit für die Filmhochschule geschrieben. Die Verfilmung hat sich zum absoluten Kult entwickelt, weil sie gleich mehrere heikle Themen schwarzhumorig zur Geltung bringt: Die Liebe zwischen Jung und ganz Alt sowie den selbst gewählten Todestermin im Alter. Higgins hat dann relativ schnell auch ein Theaterstück daraus gemacht.

Enrico Urbanek findet, dass "Harold und Maude" immer noch "sehr gut in unsere Zeit passt": Es gehe "um einen jungen Menschen, der seinen Weg sucht im Leben und in der Gesellschaft". Und das gegen eine Mutter, die ständig versucht, sein Leben zu regeln.

Andererseits gehe es aber auch "um einen älteren Menschen, der sehr reich an Weisheit, Erfahrung und Lebensphilosophie". Aber wie das so ist: Keiner interessiert sich dafür. Den viel gepriesenen Austausch unter den Generationen gibt es heute nicht mehr, so Urbanek: "Die Alten leben nicht mehr im Haus." Und so ist es für den Regisseur "gut vorstellbar, dass jemand sagt: Mit 80 ziehe ich einen Schlussstrich - genug erlebt", so wie Maude.

Eine "Harold und Maude"-Inszenierung lebt natürlich von der älteren Dame, die in der Tonne von Kathrin Becker ("Einsame Menschen", "Liliom", "Johanna") gespielt wird, und von Harold, der von Jan Paul Werge gegeben wird: Jan Paul Werge ist als ehemaliger Thomaner schon bei mehreren Tonne-Produktionen als Musiker und Schauspieler dabei gewesen. Er hat dieses Mal das Ton-Konzept entwickelt, darf effektvoll versuchen, sich umzubringen und dabei auch noch singen. Wenn er nicht gerade mit Maude zusammen ein Bäumchen aus seinem Gefängnis befreit. Dafür hat auch die Tonne zwei Bäumchen vor dem Erfrieren gerettet, eins zur Probe und eins für die Bühne, die von Enrico Urbanek als vielfach wandelbare Universalbühne gestaltet wurde: "Man merkt schon, dass wir in den USA sind, aber das ist alles gar nicht wichtig." Ilona Lenk ist für die bunten Kostüme zuständig.

Harold hat außerdem von seinem Vater die Eigenschaft geerbt, mit verschiedensten Apparaten herumzubasteln, was er für seine kreativen Selbstmordinszenierungen sehr gut gebrauchen kann, die er am liebsten dann vornimmt, wenn sich gerade wieder eine der Heiratskandidatinnen einstellt. Die Tonne hat sich für diese Spezialeffekte im Reutlinger Laden "Kryolan" eingedeckt: Alles für den Theaterschminke- und Abgehackte-Hände-Bedarf.

Was aber genau außer Blut so alles fließt, will Enrico Urbanek noch nicht verraten. Mit von der Partie sind außerdem die beiden bekannten Tonne-Gesichter Yvonne Lachmann und Galina Freund, die sich die verschiedenen Rollen aus Harolds "krudem Umfeld" teilen, sowie Lukas Armbruster, der in seinem normalen Leben Tonne-Techniker ist. Als Schauspieler wurde er entdeckt beim großen Eric-van-der-Zwaag-Abschiedsabend, als er den Ex-Oberspielleiter mit seiner Schiller-Rolle gelungen parodierte. So kanns gehen.

Termine: Premiere 11. Februar, (14. und 15. Februar: ausverkauft), 23., 24., 25. und 29. Februar; 1., 2., 3., 9., 10., 11., 15., 16., 17., 18. März, jeweils 20 Uhr in der Planie, außer sonntags und 17. März (18 Uhr).


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Autor: KATHRIN KIPP | 09.02.2012

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