Glühende Inbrunst, emotionale Urgewalt

Metzingen.  Das Gastspiel der Studentenphilharmonie Tübingen in Metzingen fand nur wenig Publikum. Dabei war Musik von besonderer Intensität zu erleben.

Glücklicherweise kommt es eher selten vor, dass die Bühne besser besetzt ist als das Auditorium, wie nun in der Metzinger Stadthalle. Dass die Ursachen organisatorischer Natur sein mögen, ist ein schwacher Trost. An der Musik darf"s eigentlich nicht gelegen haben, denn Programm und Ausführung durch den versierten studentischen Klangkörper boten reichlich Musikgenuss. Drei gehaltvolle Werke der Tonart d bzw. D standen auf dem Programm: Johannes Brahms" "Tragische Ouvertüre" d-Moll op. 81, Wolfgang Amadeus Mozarts Violinkonzert Nr. 4 D-Dur KV 218 und Robert Schumanns Symphonie Nr. 4 d-Moll op. 120.

Den Auftakt vor den fast leeren Stuhlreihen nahm das Orchester mit seinem agilen und inspirierenden Leiter Thomas Hauschild nicht tragisch, sondern - mit Brahms" ursprünglichem Werktitel - als "dramatische Ouvertüre". Nicht düstere Schicksalhaftigkeit, sondern kontrastreiche Dramatik bestimmte die Interpretation. Da wurde Glut angefacht, die Lautstärken-Dynamik ausgereizt und starke Akzente gesetzt. Weiche Zurückhaltung wechselte mit offener Auflehnung, getragen von einer kraftvollen Vorwärts-Bewegung bis zum starken Schluss.

Spielerische Leichtigkeit bestimmte danach das Mozart-Violinkonzert, das von der jungen, am Anfang einer erfolgreichen Karriere stehenden Geigerin Annette Köhler als Solistin gestaltet wurde. Ihr gelang die so schwierige Simplizität des Mozart-Spiels mit schlankem Ton, beeindruckend souveränem Können und enormer Muszierfreude. In enger Gemeinschaft mit dem hier angemessen klein besetzten Orchester betonte sie die spielerisch-musikantische Seite des Werks. Der herrlich kantabel und ausdrucksvoll musizierte langsame Satz mündete in einen Finalsatz, der nur so sprühte vor kapriziösem Esprit, stets ausbalanciert, leicht und klar.

Mit Robert Schumanns eigentlich zweiter Sinfonie hatten Hauschild und die Seinen ein Werk ausgewählt, das ihnen quasi auf den Leib geschrieben ist: in der durchlaufenden Form experimentell, ansonsten kontrastreich bewegt, romantisch, gefühlvoll. Hier kam der besondere Charakter des Orchesters zum Tragen: Jede einzelne Instrumentalistin, jeder einzelne Instrumentalist scheint eins zu werden mit der Musik, ganz unmittelbar und impulsiv lässt sich jeder auf das Werk ein. Der Ton ist eher rau als blankpoliert, eher kompakt als transparent, der Zugriff gradlinig, die Musik strahlt Wärme aus. Nicht sentimentales Schwelgen ist angesagt, sondern Mitgehen und Mitfühlen in allem, was die Partitur zu bieten hat.

Wenn Schumann und Hauschild es wollen, wird gnadenlos Feuer entfacht. Knallhart kommen die Tutti-Passagen, kontrastiert wiederum durch den Trio-Teil im Scherzo-Abschnitt, der mit beseelter Lyrik und sanft zögernder Behutsamkeit bezaubert. Sorgsam gestaltet wird auch der Übergang zum Final-Abschnitt, wo die eh schon starke Intensität des Musizierens noch weiter gesteigert wird und die Blechbläser grandiose Akzente setzen, wo Funken stieben und Fetzen fliegen. Es gibt keine Chance für Distanz oder Analyse, mit glühender Inbrunst und emotionaler Urgewalt ziehen Musik und Musizierende einen magisch mit in pulsierender, nach vorn gerichteter Kraft bis zum glücklichen Ende in strahlendem D-Dur, gefolgt vom lebhaften Beifall der Zuhörer, die sich eine Zugabe erklatschen. Schade nur, dass es diesmal so wenige waren!


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Autor: SUSANNE ECKSTEIN | 03.02.2012

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