Ätzender Tonfall, knurriger Humor
Tauberbischofsheim. Ein irre komisches, sehens- und hörenswertes Duo bilden die beiden auf jeden Fall, der fabelhafte Akkordeonspieler Frank Grischek und sein lesender und lästernder Partner am Pult, Henning Venske.
Bärbeißiges Nordlicht und offenbar unverwüstliches bundesdeutsches Satire-Urgestein der eine, Klasse-Virtuose und zwerchfellreizender Music-Clown, der äußerlich wie ein tiefsinnig gewordener Oliver Hardy wirkt, der andere. Mit ihrem neuesten Programm traten die zwei im recht gut besuchten Engelsaal des Kunstvereins auf und sorgten für (zumindest überwiegend) höchst amüsante und unterhaltsame zwei Stunden.
Henning Venske (Jahrgang 1939) hat in seiner langen Laufbahn in den verschiedensten Rollen als Autor, Herausgeber, Moderator und - last but not least - Kabarettist - doch immer treu von links her - unserer sechzigjährigen Republik die Leviten gelesen. Und irgendwie scheint ihm noch immer der Alt68er-Virus im Blut herumzuspuken. Er hat sich offenbar bis jetzt nicht mit diesem mittlerweile von Berlin aus regierten bzw. nicht regierten Staat versöhnt, sieht ihn wohl immer noch als Fehlkonstruktion. Sein satirischer Jahresrückblick unter dem Titel "Das war"s, war"s das?", den er im Engelsaal als kabarettistische Lesung präsentierte, ließ zumindest diesen Schluss zu, so ätzend, missmutig und verdrießlich im Tonfall, mit gelegentlich resigniertem Schulterzucken kam diese Abrechnung mit dem schlagzeilentauglichen Teil der bundesdeutschen Prominenz herüber, gemildert allenfalls durch kurze Anflüge von Venskes norddeutsch knurrigem Humor, der aber keineswegs mit der berühmt-berüchtigten "Altersmilde" zu verwechseln ist. Als Opfer dieses Humors musste (nach Absprache natürlich)immer mal wieder Venskes Partner Frank Grischek herhalten, der die Sticheleien des Älteren mit gottergebener Duldermiene ertrug und mit lässiger Souveränität die Zwischenmusiken zwischen Tangos und Musettewalzern besorgte.
Was war das für eine 2011er Retrospektive? Im Grunde ein Abhaken und Aufspießen der manifesten Dummheiten und Ärgerlichkeiten des vergangenen Jahres, angefangen mit der FDP und mit den "Lallbacken" (Zitat Venske) Ronald Pofalla und Christian Wulff noch lange nicht endend, manchmal echt witzig, beispielsweise bei den Exkursen über "das Vertrauen" oder die wunderbare Männerfreundschaft zwischen Helmut Schmidt und Peer Steinbrück, manchmal auch weniger, zum Beispiel bei so ernsten Themen wie der Kontinuität des Rechtsextremismus in der Bonner und Berliner Republik.
Leider fiel dem Autor ausgerechnet dazu nichts ein außer altbekannten Pauschalisierungen und albernen Witzeleien, wenn er etwa die "18 Prozent" Kampagne der FDP Guido Westerwelles (die war ohnehin schon 2002) über Zahlenanalogien mit dem Namen Adolf Hitler in Verbindung brachte. Da wurde leider eine wichtige Sache karnevalistisch verschenkt.
Zuweilen fühlte man sich an diesem Abend ein wenig wie in eine "Prunk"- oder auch "Stunk"sitzung mit Venske als Büttenredner im Stil von Jürgen Dietz (der Mainzer Bote vom Bundestag) versetzt. Zum Glück hielt sich der Großteil der Texte sprachlich und gedanklich deutlich über diesem Niveau, und so mag auch das Publikum gedacht haben, das zum Schluss immerhin eine Zugabe herbeiklatschte.
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Autor: THOMAS HESS | 03.02.2012
Henning Venske (im Bild) und Frank Grischek gastierten mit ihrem neuesten Programm im recht gut besuchten Engelsaal des Kunstvereins. Foto: Feuerstein
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