Der Kronprinz auf leisen Sohlen

Seit langem galt Christian Wulff als Kronprinz und Konkurrent der Bundeskanzlerin. Jetzt behauptete er sich im Rennen um die Köhler-Nachfolge.

Den harten Machtmenschen nimmt ihm sowieso keiner ab. Daher kultiviert Christian Wulff, der in zwei Wochen 51 Jahre alt wird, das Image des umgänglichen Landesvaters, der nicht polarisiert, sondern auf leisen Sohlen an sein Ziel kommen will. Ein Softie also, Typ idealer Schwiegersohn? Da soll man sich nicht täuschen. Wer ausdauernd genug ist, erst den Sozialdemokraten in Niedersachsen die Regentschaft zu entreißen, um sich dann von allen CDU-Ministerpräsidenten am längsten zu behaupten, der muss schon aus besonderem Holz geschnitzt sein.

Deshalb stieß Wulffs Selbstzeugnis, nach dem ihm "der unbedingte Wille zur Macht und die Bereitschaft, dem alles unterzuordnen" einfach fehlten, einst auf ungläubiges Staunen - nicht nur in seiner Umgebung, die es besser weiß. Ehrgeiz, Eitelkeit und Entschiedenheit sind dem in zweiter Ehe verheirateten Katholiken und Vater von zwei Kindern nicht fremd. Inzwischen haben sogar seine vormaligen SPD-Widersacher Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel einräumen müssen, Wulffs Durchsetzungsfähigkeit unterschätzt zu haben.

Dass er trotz seiner Beliebtheit bei der nächsten Landtagswahl im Jahr 2013 wohl nicht unangefochten sein würde, hat der bekennende Marktwirtschaftler seit geraumer Zeit bedacht. Niemand mochte deswegen ausschließen, dass Wulff demnächst "den Koch macht" und seinen Posten an Fraktionschef David McAllister abtritt. Nun kommt es sogar noch besser und nicht völlig überraschend, denn aufgrund seines durchaus präsidialen Regierungsstils wurde der weitgehend affärenfreie "Meister Proper" schon öfter mit dem höchsten Staatsamt in Deutschland in Verbindung gebracht.

CDU-Chefin Angela Merkel wird den Karrieresprung ihres Stellvertreters mit gemischten Gefühlen betrachten. Einerseits lobt die Kanzlerin einen potenziellen Konkurrenten ins Schloss Bellevue weg, andererseits muss sie damit rechnen, dass sich Wulff von dort aus auch mit kritischen Kommentaren meldet.

Ins Rennen um die Nachfolge des zurückgetretenen Horst Köhler war der nette Herr aus Hannover zunächst nur als Mitläufer gegangen. Beim Finish zog er an - und siegte. Angela Merkel muss auf der Hut sein. Bislang hat Wulff sie überwiegend nur hinter den Kulissen kritisiert, wenn es darauf ankam. Demnächst thront der Jurist als oberster Notar der Nation mindestens protokollarisch über der Kanzlerin - und wird sie das im Ernstfall auch spüren lassen.


zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

Sie können noch Zeichen als Text schreiben
Für registrierte Nutzer
Bitte anmelden, um Ihren Kommentar abzuschicken
Für noch nicht registrierte Nutzer
Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.








Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:


Autor: GUNTHER HARTWIG | 04.06.2010

Bundespräsident Köhler tritt zurück

"Gauck ist ein Aufklärer, aber kein Versöhner"

Berlin Kaum ist Luc Jochimsen von der Linkspartei ins Rennen um die Köhler-Nachfolge geschickt worden, greift sie ihren Kontrahenten Joachim Gauck an.... mehr

"Ein Stück aus der Rumpelkiste"

Hannover Die Nervosität ist gewichen: Christian Wulff scheint sich seiner Wahl zum Bundespräsident nach vielen Gesprächen sicherer zu sein. Die niedersächsische Opposition wirft ihm schweres Versagen vor.... mehr

Luc Jochimsen tritt an

Berlin/Stuttgart Die baden-württembergischen Landtagsfraktionen setzen bei der Präsidentenwahl auch auf Prominente. Dabei gilt die Entscheidung als spannend. Nun hat auch noch die Linke eine eigene Kandidatin nominiert.... mehr

SAGEN SIE MAL: Köhler wird seine Gründe gehabt haben

Jan Stefan Roell, Chef der Ulmer Firma Zwick, hat vor einem Jahr als Wahlmann Bundespräsident Hort Köhler gewählt. Was sagt Roell zum Rücktritt?... mehr

Die Qual der Wahl

Wer neuer Bundespräsident wird, ist noch offen. Bei der Entscheidung geht es auch um die Frage, welche Person am besten in die politische Landschaft passt. Eine knifflige Aufgabe für Kanzlerin Angela Merkel.... mehr

"Ein Stück Sicherheit schaffen"

Auf Unverständnis stößt der Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler bei Bundestagsabgeordneten der Koalition aus dem Südwesten. Die Nachfolgersuche dürfte über ihre Köpfe hinweg erfolgen.... mehr
Leyen und Köhler

Umfrage: "Mein Schatz soll Bundespräsident werden"

Ulm Nach dem Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler hat in der Koalition die Suche nach einem Nachfolger begonnen. Die SÜDWEST PRESSE hat sich in Ulm umgehört, wen die Menschen gerne als Bundespräsident hätten. ... mehr

Kommentar: Ein großes Missverständnis

Berlin Der verstörende Rücktritt des Bundespräsidenten Horst Köhler markiert den Schlusspunkt eines großen Missverständnisses. ... mehr

Koalitionsspitze berät über Köhler-Nachfolge

Berlin Die Spitzen der schwarz-gelben Koalition beraten an diesem Dienstagvormittag über die Nachfolge des überraschend zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler. ... mehr

Köhlers Rücktritt schockt das Land

Berlin Bundespräsident Horst Köhler ist gestern überraschend mit sofortiger Wirkung zurückgetreten und hat damit die deutsche Politik geschockt. Die Krise der Regierung von Angela Merkel verschärft sich.... mehr