Schuldig oder nicht?
Mannheim. Im Prozess gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann fällt das Landgericht Mannheim heute das mit Spannung erwartete Urteil. Ein Rückblick auf die wichtigsten Beteiligten und ihre Arbeit.
Nach 43 Verhandlungstagen wird das Landgericht Mannheim heute von 9 Uhr an das Urteil im Fall Kachelmann verkünden. Damit geht nach fast neun Monaten einer der am meisten Aufsehen erregenden Gerichtsprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte zu Ende. Und eine beispiellose Medien- und Gutachterschlacht, an der alle Beteiligten Anteil haben:
Der Angeklagte: Sympathisch, witzig und charmant - dafür stand der 52-jährige Jörg Kachelmann jahrelang. Ein Strahlemann, der den Fernsehzuschauern locker bis flapsig die an- und abziehenden Fronten erklärte und den nüchternen Wetterbericht in eine Mini-Unterhaltungsshow verwandelte.
Das war einmal. Seine parallelen Liebeleien mit mehreren Frauen, seine sexuellen Vorlieben, auch mit Gewalt, und seine Lügen haben den Ruf Kachelmanns nachhaltig zerstört, daran wird auch ein Freispruch nichts ändern. Kachelmann zeigte sich im Gerichtssaal oft gut gelaunt und schäkerte mit seinen Anwälten. Zum Tatvorwurf äußerte er sich nicht. Während des Prozesses heiratete er eine seiner ehemaligen Freundinnen, die vor Gericht als Zeugin ausgesagt hat.
Das mutmaßliche Opfer: Die Radio-Moderatorin aus Schwetzingen, 38 Jahre alt, zierliche Gestalt, war elf Jahre lang Kachelmanns Geliebte. Sie tritt als Nebenklägerin auf und behauptet, der Wettermoderator habe sie in der Nacht auf den 9. Februar 2010 mit einem Messer bedroht und vergewaltigt. Sie ist bis heute in therapeutischer Behandlung. Den Verhandlungen blieb sie meist fern, weil sie auch als Zeugin aussagen musste - insgesamt 22 Stunden lang und unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Zum Prozessauftakt und bei den Plädoyers der Anwälte und der Ankläger war sie im Gerichtssaal. Sie vermied jeglichen Blickkontakt mit Kachelmann. Während ihr seine Pflichtverteidigerin Andrea Combé schwere Vorhaltungen machte, schüttelte sie den Kopf und musste mit den Tränen kämpfen. Einmal verdeckte sie auf dem Beifahrersitz ihres Anwalts sitzend mit dem Buch "Der Soziopath von nebenan" ihr Gesicht. Ihr Therapeut, der Heidelberger Traumatologe Günter Seidler, hat es geschrieben.
Die Verteidiger: Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn hat das Verfahren geprägt. Der scharfzüngige Hamburger übernahm das Mandat von Reinhard Birkenstock und ging sofort auf Konfrontationskurs: Den Therapeuten des angeblichen Opfers nannte er einen "Scharlatan", die Staatsanwälte bezeichnete er "um einiges verdächtiger als Herrn Kachelmann" und hielt ihnen vor, Medien mit Informationen gefüttert zu haben, er ließ Alice Schwarzer vorladen und überhäufte die Kammer mit Anträgen.
Schwenn ist es gelungen, in der Öffentlichkeit Zweifel zu säen: an der Glaubwürdigkeit von Kachelmanns Ex-Geliebter, an der Objektivität der Ankläger und der Unvoreingenommenheit des Gerichts. Dass das Meinungspendel inzwischen zugunsten seines Mandanten auszuschlagen scheint, ist sein Verdienst.
An Schwenns Seite ist Pflichtverteidigerin Andrea Combé, von Anfang an dabei und lange im Schatten der Wahlverteidiger stehend. So lange, bis die Heidelbergerin den Großteil des Plädoyers übernahm und die Vorwürfe gegen Kachelmann Punkt für Punkt auseinandernahm, was ihr den Respekt der Prozessbeobachter einbrachte.
Die Ankläger: Die Verhandlungsführung der drei Staatsanwälte hat weitgehend der 36-jährige Lars-Torben Oltrogge übernommen. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er Kachelmann für schuldig hält. Und das, obwohl das mutmaßliche Opfer zur Vorgeschichte der Tat die Unwahrheit sagte. Denn sie wusste nicht erst seit der ominösen Nacht, dass Kachelmann sie betrog, sondern schon Monate vorher.
Die Medien: Der Kachelmann-Prozess war von Anfang an ein Medienspektakel. Gutachten und Teile aus Akten sickerten an die Presse durch, ehemalige Geliebte plauderten in Interviews und teils gegen fünfstellige Beträge pikante Details aus dem Intimleben des Wettermoderators aus. Erst danach sagten sie im Gerichtssaal aus - nichtöffentlich. Manche haben ein Duell der Journalistinnen Alice Schwarzer und Gisela Friedrichsen ausgemacht. Schwarzer schlug sich in ihren "Bild"-Kolumnen auf die Seite des mutmaßlichen Opfers, Friedrichsen auf die Seite Kachelmanns.
Das Gericht: Die 5. Große Strafkammer ist mit drei Berufsrichtern und zwei Schöffen besetzt. Eine Verurteilung ist nur mit Dreiviertel-Mehrheit möglich. Den Vorsitz hat Michael Seidling, der 2003 den ehemaligen Flow-Tex-Chef Manfred Schmider wegen Betrugs zu elfeinhalb Jahren verurteilt hat.
Die Richter werden im Wesentlichen zwei Fragen zu beantworten haben: Ist das angebliche Opfer glaubwürdig? Ist die angebliche Waffe, ein Tomatenmesser, die wirkliche Waffe? Aufgrund der unklaren Faktenlage sagen viele Beobachter einen "Freispruch zweiter Klasse" voraus. Im Zweifel für den Angeklagten.
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Autor: ALEXANDER ALBRECHT | 31.05.2011
Der angeklagte Jörg Kachelmann bei einem der letzten Prozesstage. Foto: dpa
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