Welche Vorgänge finden im Gehirn statt?
Als erstes muss das Hirn aufgrund der Linien die einzelnen Buchstaben erkennen und daraus dann die Wörter entschlüsseln. Das findet in einer bestimmten Region des Großhirns, dem visuellen Wortformareal im Gyrus fusiformis, im unteren Schläfenlappen statt, der Teil des Sehzentrums ist. Diese Region springt allerdings nur bei Wörtern an - nicht aber bei sinnlosen Buchstabenketten oder auch Bildern, erklärt Kiefer. Wenn wir eine Fremdsprache lernen, dauert es eine Weile, bis die fremden Wörter als solche erkannt werden und die zuständige Hirnregion anspringt. Wenn dieser Schritt vollzogen ist, fängt das Gehirn unverzüglich an, den Wörtern auch Bedeutungen zuzuordnen. Je nach Wort springen unterschiedliche Regionen an, etwa für Geräusche oder Gerüche zuständige. Die Informationen werden in einer "Integrationsregion" gebündelt und verarbeitet.
Bei Menschen mit Lese- und Rechtschreibschwäche ist das visuelle Wortformareal nicht vollständig ausgebaut, vermutlich ist das angeboren, sagt Kiefer. "Der Grund sind aber auf keinen Fall Dummheit oder Faulheit." Und glücklicherweise gelte auch hier: Da das Hirn so plastisch und anpassungsfähig ist, kann durch Training einiges gerettet werden.
Ein Beispiel: Wenn wir das Wort "Telefon" lesen, ist die gleiche Hirnregion aktiv, die anspringt, wenn wir ein Telefon läuten hören. Auf der Abbildung links ist die für reale Geräusche zuständige Region rot gekennzeichnet. Der gelbe Fleck zeigt: Allein beim Lesen ist ein Teil derselben Region aktiv. yel
