Patrizier waren nicht irgendwer

Balzheim.  Mit Dr. Stefan Lang holte sich die Stiftung Oberbalzheim einen Kenner des Ulmer Patriziats zum Vortrag. Dass auch Familie Ehinger im Fokus stand, ist angesichts der Dorfgeschichte eine klare Sache.

Mal ehrlich: So eine Partie im noblen Pferdeschlitten durch Ulms Neue Straße, sogar mit "Live-Musik", das klingt wahrlich nicht übel. Anno 1702 für Patrizier kein Problem. Die durften das. Was jedoch nicht für die Kaufleute galt. Diesen erlaubte der Rat zwar auch auszufahren - doch ohne Musikanten. Noblesse oblige: Patrizier waren eben nicht irgendwer, vielmehr stellten sie "eine adelsgleiche oder adelsähnliche Führungsgruppe in Ulm dar", führte Dr. Stefan Lang, Referent des jüngsten Vortrags des Kleinen Kulturprogramms ein. Dazu gehörten auch die mit Balzheims Historie eng verbundenen Familien Krafft und vor allem Ehinger. Letzteren galt immer wieder das besondere Augenmerk des Historikers. Diese waren auch für Ulm prägend und wichtig, besetzten sie doch über Jahrhunderte hinweg die Spitzenämter der Stadt.

Laut Lang, der sich in seinem Buch "Die Patrizier der Stadt Ulm" ausführlich mit den Lebenswelten dieser Personengruppe beschäftigt hat, "waren sie keine homogene Schicht." Auch konnte er Reichtum nicht als maßgeblichen Faktor für Aufstieg und Zugehörigkeit zu dieser exklusiven (Geburts-)Kaste, die stets eine Spitzengruppe von rund zehn Clans umfasst habe. Gemeinsame politische Ziele standen auf ihrer Agenda - wie etwa den Aufbau der kommunalen Selbstverwaltung.

Doch bei allem Selbstbewusstsein: "Sie orientierten sich am Landadel", konstatierte der Experte anhand von Bildern über die Patrizier, deren kollektive Adelserhöhung Mitte des 16. Jahrhunderts Kaiser Karl V vornahm. Also wurden kleine selbständige Territorien aufgebaut, Schlösser errichtet. Eine entsprechende Lebensführung inklusive.

Stefan Lang berichtete von Ritterturnieren, exklusiven Geschlechtertänzen, der Zugehörigkeit zu bestimmten Gesellschaften. Noble Netzwerke waren das - vom heutigen Standpunkt aus betrachtet. Auch bei der Partnerwahl: "Gerne wurde untereinander geheiratet." Unter anderem diente dies zur Machtsicherung, Verbindungen mit umliegenden Adelsgeschlechtern oder Standesgenossen aus Augsburg und Nürnberg kamen ebenfalls in Frage.

Repräsentiert wurde noch auf andere Weise: "Kleidung spielte eine wichtige Rolle", erläuterte der Redner. In einem Ehrenkodex sei die exakte Kleiderordnung festgelegt worden, wobei "aber auch auf Maßhaltung Wert gelegt wurde." Als Mäzene und Sammlern im religiösen, künstlerischen oder musikalischen Bereich trat diese Oberschicht ebenfalls in Erscheinung wie im Bereich von Stiftungen und sozialem Engagement, das teilweise bis heute anhält. Lang sprach von einer "gewissen Vorbildfunktion."

Spuren haben die Ehinger, die im 18. Jahrhundert ausgestorben sind, nicht nur in Balzheim hinterlassen. Der Ehinger Hof oder das Kiechelhaus erinnern in Ulm an sie. Und natürlich ihr Wappen, das etwa im Münster und anderen Bauwerken auftaucht. "Mit dem Ende des Status als Freie Reichsstadt endet auch das Patriziat", stellte Dr. Stefan Lang fest. "Ohne sie wäre die Ulmer Stadtgeschichte nicht denkbar."


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Autor: MANUELA RAPP | 28.01.2012

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