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Sportarten selbst ausprobiert: Marc Hosinner beim Bouldern

Bouldern erinnert ans Klettern auf Bäumen in der Kindheit. Was einfach aussieht, verlangt viel Technik und Kraft, aber auch Konzentration.

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Marc Hosinner, Redakteur bei der Heidenheimer Zeitung.  Foto: 

Erwartungsvoll wie jeden Morgen streicht die Katze um die Beine. Sie weiß genau, dass sich das Futterschälchen gleich füllen wird. Doch irgendwas scheint mit dem Versorger heute nicht zu stimmen. Der hat in der Tat ein kleines Problem: die Finger wollen nicht. Der Grund: Muskelkater.

Jeder Versuch, das Futter aufzureißen, scheitert, weil nicht nur das Krümmen des Daumens Schmerzen bereitet. So werden auch das Öffnen der Zahnpastatube, das Aufschrauben der Wasserflasche oder das Umklammern des Lenkrads an diesem Tag zur mittelschweren Tortur.

Der Auslöser für die körperliche Beeinträchtigung ist eine Einheit in einer ehemaligen Fabrikhalle am Abend zuvor, bei der sportliches Neuland betreten wurde. Doch der Reihe nach.

„Komm doch auch mal mit zum Klettern“ – die Aufforderung aus dem Kollegenkreis kam nicht zum ersten Mal. Und diesmal – wahrscheinlich in einem Moment geistiger Schwäche – erfolgte die Zusage. Klettern? Na gut. Kann ja nicht so schwer sein. Wobei Klettern eigentlich nicht ganz richtig ist. Vielmehr geht es zum Bouldern und damit zu einer Spezial-Form des Kletterns – ganz ohne Seil und Haken. Boulder ist englisch und heißt übersetzt Felsblock. Also ab zum Felsblock-Klettern unterm Dach – an Möglichkeiten mangelt es in der Region nicht.

Bevor es in der Boulder-Halle losgehen kann, müssen spezielle Schuhe her. Die sehen eigentlich ganz normal aus, doch nach dem Anziehen kommt schnell die Frage auf, ob sich die Frau an der Theke in der Größe geirrt und das Paar mindestens zwei Nummern zu klein ausgegeben hat. „Das muss so sein, wegen der Griffigkeit“, kommt als Antwort.

Erster Eindruck: schön bunt

Jetzt kann das Kletter-Abenteuer starten. Ab in die Halle. Erster Eindruck: Schön bunt – und das ist nicht nur auf die anderen Sportler bezogen. Die künstlichen Felsen sind einige Meter hoch, an ihnen jede Menge bunter Teile verschraubt Die stellen sich bei genauerem Hinsehen als Griffe und Tritte heraus – etwa in gelb, blau, rot und grün. Eine Farbe markiert eine Route, die vorgibt, wie es hoch zum „Gipfel“ gehen soll. Boulderer sprechen dabei auch von Problemen, die es zu lösen gilt.

Soviel zur Theorie, jetzt folgt die Praxis, die damit startet, dass die Hände in einen mit Kreide gefüllten Beutel getaucht werden, um so Abrutschen an den Griffen zu vermeiden.

„Fang mal mit der gelben Route da drüben an“, sagt die versierte Kletter-Kollegin. „Wieso gelb?“ – „Die gelben Routen haben den einfachsten Schwierigkeitsgrad“, kommt als Antwort. Klingt logisch.

Die Route ist vom Boden aus gesehen nicht besonders hoch, nach schätzungsweise knapp drei Metern ist schon Schluss. Also Hände an die Startgriffe – die sind immer vorgeben – und die Füße auf die unteren Tritte. Etwas wacklig geht's los. Den linken Arm hoch zum nächsten Griff, das rechte Bein zieht nach. Das funktioniert zweimal. „Eigentlich ganz einfach, wie beim Klettern auf Bäumen als Kind“, geht es einem durch den Kopf. Der Gedanke ist noch nicht ganz zu Ende geführt, da taucht ein körperliches Problem auf: Es geht nicht weiter. Die Hände hängen zwar unter Anstrengung an Griff, doch die Füße taumeln unkontrolliert ins Leere. „Den linken Fuß nach oben und den rechten auf den Tritt weiter unten“, dringt es ans Ohr. Die leichte Panik ist „auf der Erde“ offenbar nicht verborgen geblieben.

Die Anweisungen werden ausgeführt. Schon jetzt wird klar: Ohne Konzentration und Vorausschau ist man beim Bouldern schnell aufgeschmissen. Mit weiteren Instruktionen geht es Stück für Stück nach oben, bis der letzte Griff erreicht ist. Den muss man drei Sekunden festhalten, dann gilt das Problem als gelöst.

Runter geht's deutlich einfacher, weil man zumindest auf halber Strecke hüpfen kann, da der Boden schön nachgibt.

Zu Übungszwecken wird die Einstiegsroute gleich nochmal angegangen. Und jetzt geht das deutlich leichter – auch, weil der Körper nicht nur mit den Händen nach oben gezogen wird, sondern auch die Beine besser zum Einsatz kommen als zuvor. Ganz klar: Die Technik macht's.

Nachdem die erste gelbe Route gemeistert ist, geht es zur nächsten Stufe auf dem Weg zum Kletter-Olymp: Eine blaue Route, die an einem sogenannten Volumen – einer Art Quader – verläuft. Die Hände greifen in nicht einmal einem Meter Höhe, die Beine werden knapp über dem Boden in Position gebracht.

Schon vor dem ersten Griff-/Tritt-Wechsel fangen die Muskeln an zu zittern. Statt weiter nach oben geht's „bergab“, die Erdanziehungskraft kommt voll zum Tragen, auch beim nächsten und übernächsten Versuch. Dann klappt es: Die rechte Hand fasst den nächsten Griff, das linke Bein schiebt hinterher. Es geht über die imaginäre Kuppe und der letzte Griff ist erreicht. Drei Sekunden halten und – nicht ganz ohne stolz – wieder runter. Unten angekommen hält die Kollegin die Faust hin, gegen die man mit der eigenen hauen soll – Ghetto-Faust als Zeichen der Anerkennung.

Erste Hautfetzen fehlen

So kann's weiter gehen, die nächste Route wird angegangen. Auch die gelingt, wenn auch die Kräfte schon deutlich schwinden. Zwei Stationen später ist Schluss: An den Händen fehlen die ersten Hautfetzen, die Arme fühlen sich Zentner schwer an und auch die Beinmuskulatur waren schon mal lockerer.

Zeit, sich auszuruhen und zu schauen, wie die Könner die schwierigsten Routen bewältigen, dabei wahre Körper-Kunststücke vollbringen und sicher wieder am Boden landen. Was auffällt, ist die entspannte Atmosphäre in der Halle. Schafft ein Sportler eine schwierige Route, wird er mit Applaus bedacht, schafft er es nicht, bekommt er Tipps.

Für heute reicht's

Das alles macht tatsächlich Lust auf mehr. Doch für heute reicht's. Der Gedanke an das Belohnungs-Bier nach all den Strapazen wird allerdings von einem Einwurf der Kollegin durchkreuzt: „Wir müssen noch zum Campus-Board.“ Campus-Board? Da steht bestimmt, wann Kletter-Kurse für Anfänger stattfinden. Doch weit gefehlt. An der Wand sind Holme befestigt, die in Abständen Richtung Decke führen.

Schön, und jetzt? „Dran hängen und zum nächst höheren schwingen“, so die Anweisung, der eine tadellose Demonstration folgt. „Jetzt du“. Doch daraus wird nichts. Schon das dranhängen scheitert kläglich, weil die Kraftreserven völlig ausgeschöpft sind.

Bleibt nur als Hausaufgabe fürs nächste Mal: Klimmzüge, Liegestütze und andere Kräftigungsübungen – aber erst wenn der Muskelkater verschwunden ist.

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